Ein rätselhafter Patient Erstaunlicher Fund im Bauch

Ein kleiner Junge hat Bauchschmerzen und Fieber, seine Eltern stellen ihn mehreren Ärzten vor. Die Ursache erkennen Chirurgen erst nach drei Monaten - obwohl sie längst sichtbar war.

Von

BMJ Publishing Group

Ein Vierjähriger klagt über Schmerzen in der rechten Flanke. Seinen Eltern erzählt er immer wieder, dass es ihm im rechten unteren Rippenbogen wehtue. Unabhängig von den Schmerzen, die mal mehr und mal weniger heftig sind, hat der Junge Fieber. Mitunter schnellt die Temperatur auf 40 Grad, dann ist er wieder fieberfrei.

Die Familie, die in Saudi-Arabien lebt, sucht besorgt Rat bei verschiedenen Ärzten. Das Kind wird untersucht, die Eltern befragt. Ihr Junge war bis zu dem Zeitpunkt, als er die Schmerzen bekam, immer gesund. Er hat keinen Schnupfen oder Husten, keine Übelkeit oder Durchfälle, keine Schmerzen beim Wasserlassen.

Als sie ihren Sohn erneut untersuchen lassen, findet ein Mediziner auffällige Werte in einer Urinanalyse. Er diagnostiziert einen Harnwegsinfekt und verordnet dem Kind ein Antibiotikum, das es zehn Tage lang nehmen soll. Danach geht es dem Jungen etwas besser.

Haarnadel im Bauch

Auf der Suche nach der Ursache für die Infektion machen Radiologen eine Röntgenaufnahme vom Bauch des Kindes. Dabei entdecken sie Erstaunliches: Im rechten Oberbauch zeichnet sich ein dünner, spitzer Gegenstand ab, der aussieht wie eine Haarnadel. Die Ärzte befragen den Vierjährigen dazu, und er erzählt bereitwillig, dass er die Haarnadel tatsächlich verschluckt habe. Das sei einen Monat vor dem Auftreten der ersten Schmerzen gewesen, wobei zeitliche Angaben bei einem Vierjährigen sicher nur eingeschränkt zuverlässig sind.

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Die Mediziner unternehmen daraufhin: nichts. Sie beschwichtigen die Eltern und versichern ihnen, dass die Haarnadel von allein wieder herauskommen werde.

Insgesamt drei Monate lang suchen die Eltern für ihr Kind immer wieder nach Therapiemöglichkeiten. Am Ende landen sie in der chirurgischen Abteilung der National Guard Health Affairs in Jeddah, wie die Ärzte in der Fachpublikation "BMJ Case Reports" berichten. Zu diesem Zeitpunkt hat der Junge kein Fieber und ist schmerzfrei, auch Herzschlag, Blutdruck und Sauerstoffsättigung sind normal. Der Bauch ist weich und die Laborwerte sind weitgehend unauffällig. Nur die weißen Blutkörperchen sind leicht erhöht, was auf eine Entzündung im Körper hindeutet.

Als die Chirurgen erneut eine Röntgenaufnahme des Bauches machen, sehen sie nicht mehr nur einen, sondern zwei nebeneinanderliegende spitze Gegenstände im rechten Oberbauch des Kindes. Sie nehmen an, dass die Haarnadel auseinandergebrochen ist, und lassen sofort eine Computertomografie mit und ohne Kontrastmittel anfertigen, um die Lage und Größe der Gegenstände und das umliegende Gewebe besser beurteilen zu können.

"Das ist wirklich einzigartig"

Die Bilder zeigen deutlich, dass die Fremdkörper den Zwölffingerdarm durchstechen und bis in das Mark der rechten Niere ragen. Zeichen dafür, dass Luft aus dem Darm in das Bauchinnere gelangt ist, finden sie nicht. Auch eine Bauchfellentzündung, die häufig auf eine innere Verletzung des Darms folgt, weil der Darminhalt in die sterile Bauchhöhle gelangen kann, scheint unwahrscheinlich. "Das ist wirklich einzigartig", schreiben die Autoren in ihrem Fallbericht.

Als Therapie kommt für die Chirurgen nur eines infrage: Die Gegenstände müssen bei einer offenen Bauch-OP herausgeholt werden. Die Eltern willigen ein, und der Junge wird operiert. Die verrosteten Nadelstücke haben sich durch die Darmwand bis tief in das Nierengewebe gebohrt. Zwölffingerdarm und Niere sind rechts miteinander verklebt, aber tatsächlich nicht entzündet.

Vorsichtig ziehen die Operateure die Nadeln heraus und nähen die Darmwand wieder zu. Damit Wundflüssigkeit abfließen kann, lassen sie einen Schlauch im Bauch liegen, der nach außen mündet. Dann verschließen sie auch die Bauchwand, die Drainage können sie drei Tage später wieder entfernen.

Nach weiteren sieben Tagen im Krankenhaus darf der Junge zurück nach Hause. Auch zwei Monate später geht es ihm gut, die Schmerzen sind verschwunden und auch die Harnwegsinfekte treten nicht wieder auf.

Hoppla, was ist denn das?

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