Schmerzhaftes Leiden Was hilft gegen eine Kalkschulter?

Wenn die Schulter plötzlich höllisch schmerzt, kann das an Kalkablagerungen liegen. Die gute Nachricht für Betroffene: Oft heilt die sogenannte Kalkschulter von allein wieder aus.

Röntgenbild: Wenn sich Kalk an den Sehnen anlagert, kann das schmerzen
TMN/ Klaus Fritsch

Röntgenbild: Wenn sich Kalk an den Sehnen anlagert, kann das schmerzen


Sabine Hübsch sitzt vor dem Fernseher und will ihren Feierabend genießen. Doch dann - ein Gefühl, als steche ihr plötzlich jemand mit einem Messer in die Schulter. Oder als verpasse ihr jemand mit einem Elektroschocker tausende Stromschläge. Es habe sich wie eine Kombination aus beidem angefühlt, erzählt sie. "Mit einem leicht hämmernden, ziehenden Schmerz fing es an. Innerhalb weniger Minuten wurde er stärker und stärker." Auch in den nächsten Tagen kam dieser Schmerz wieder. "In immer kürzeren Abständen, bis ich es nicht mehr aushielt." Schließlich ging Hübsch zu ihrem Orthopäden und wurde geröntgt. Ursache für ihre Schmerzen war eine Kalkschulter.

"Bei einer Kalkschulter ist nicht das Schultergelenk selbst betroffen, sondern es kommt zu Kalkeinlagerungen in den umgebenden Schultersehnen", sagt Klaus Fritsch, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie aus Bayreuth. Häufig befinden sich die Kalkdepots in der sogenannten Rotatorenmanschette. "Die Sehnen dieses Muskelkomplexes haben zwischen dem Schulterdach und dem Oberarmkopf nur begrenzten Platz. Die Kalkeinlagerungen reizen und verdicken die Sehnen, so dass es in diesem Raum noch enger wird." Vor allem nachts und bei Über-Kopf-Bewegungen wie Gardinen aufhängen oder Glühbirnen einschrauben klagen Betroffene über Schmerzen, die flächig bis zum Oberarm und oft bis zum Ellbogen ausstrahlen.

In der Regel tritt eine Kalkschulter zwischen dem 35. und 50. Lebensjahr auf. Die Ursachen sind weitgehend unbekannt. "Es wird zwar vermutet, dass eine Mangeldurchblutung und damit ein Sauerstoffmangel in den Schultersehnen zu einer Umwandlung von Zellen führen, aber genau weiß man es nicht", sagt Ulrich Brunner von der Deutschen Vereinigung für Schulter- und Ellenbogenchirurgie in Würzburg. Häufig ist die Diagnose Kalkschulter ein Zufallsbefund beim Röntgen. "Kalkdepots in den Schultersehnen müssen aber nicht zwangsläufig zu Beschwerden führen und erfordern in diesen Fällen auch keine Therapie", sagt Brunner.

Auch wenn bei einer Kalkschulter Beschwerden auftreten, machen sie sich über einen langen Zeitraum oft nur wenig bemerkbar. "Ganz plötzlich können aber auch massive Schmerzen auftreten, die bis zu zwei Wochen anhalten", sagt Fritsch. In diesem Fall löst sich der Kalk von selbst auf, bricht dabei aus der Sehne heraus und dringt in den angrenzenden Schleimbeutel ein. Die Folge ist eine Schleimbeutelentzündung.

Schmerzmittel zur Linderung

"Wenn die Schmerzen akut sind, besteht die Therapie in der Regel aus entzündungshemmenden Medikamenten wie Ibuprofen oder Diclofenac", sagt Fritsch. Einen Teil dieser Schmerzmittel gibt es auch rezeptfrei aus der Apotheke. "Man sollte sie aber nicht länger als eine Woche ohne Arzt anwenden, da sie zum Beispiel die Magenschleimhaut, Leber und Niere sowie den Blutdruck und Herzkreislauf beeinträchtigen können." Lindern diese Mittel die Schmerzen nicht, kann der behandelnde Arzt auch stark wirksames Kortison in den Schleimbeutel spritzen.

Neben den Medikamenten ist eine Physiotherapie von Bedeutung. "Krankengymnastische Übungen können den Raum unter dem Schulterdach etwas erweitern und verringern damit den Druck auf die Sehnen, die durch den Kalk verbreitert sind", sagt Sven Ostermeier von der Gelenk-Klinik Gundelfingen bei Freiburg im Breisgau. Daneben kommen physikalische Anwendungen zum Einsatz, die die Durchblutung der Schultersehnen und den Abtransport des Kalkes durch die Gefäße anregen sollen. "Zum Beispiel, indem der Physiotherapeut ein Massagegerät auf die Schulter-Nacken-Muskulatur legt, das mechanische Vibrationen auf das tiefere Gewebe ausübt."

Oft heilt die Kalkschulter dann von allein aus.

Wenn aber weder Medikamente noch Physiotherapie die Beschwerden erheblich verbessern, können Betroffene eine Stoßwellentherapie versuchen. Dabei richtet der Arzt energiereiche Ultraschallwellen gezielt auf die betroffene Schulter. "Durch einen abrupten Druckanstieg zertrümmern sie die Kalkdepots und fördern die Durchblutung, so dass die Kalkreste vom umgebenden Gewebe besser abgebaut und ausgeschieden werden können", sagt Ostermeier. In der Regel reichen drei rund zehnminütige Sitzungen, die jeweils nicht länger als eine Woche auseinanderliegen sollten. Viele gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Behandlungskosten allerdings nicht - die Methode hilft bei weitem nicht jedem Betroffenen.

Außerdem können die Kalkdepots durch eine Operation, die Schulterarthroskopie, entfernt werden. "Das ist meist die letzte Option bei hartnäckigen Fällen, wenn alle anderen Therapien nicht das gewünschte Ergebnis gebracht haben", sagt Ostermeier. Bei einem Schlüsselloch-Verfahren werden zwei kleine Schnitte gesetzt, und der Kalk wird abgesaugt. Unter Umständen wird auch der gereizte Schleimbeutel mit entfernt. Danach sollten Betroffene ihre Schulter etwa drei Wochen lang schonen und später mit Krankengymnastik beginnen. "Ist die Kalkschulter erst einmal ausgeheilt, kommt sie in der Regel nicht wieder."

Das Kalkschulter-Drama in vier Akten:
Phase 1.Es kommt in diesem ersten Stadium zu Einblutungen ins und Druck auf das Sehnengewebe, dadurch zu einer Minderdurchblutung, was wiederum den Stoffwechsel verschlechtert. Der Sauerstoffmangel löst einen Reiz aus, der dazu führt, dass sich Sehnengewebe nach und nach in Faserknorpel umwandelt. Faserknorpelgewebe benötigt weniger Sauerstoff, hat aber die Eigenschaft, Kalk einzulagern. Diese Phase ist noch beschwerdefrei, sagt der Münchner Experte Andreas Imhoff. In 80 Prozent der Fälle handelt es sich um die Sehne des Supraspinatusmuskels. Er ist einer von vier Muskeln, die vom Schulterblatt zum Oberarm ziehen und den Gelenkkopf in der Gelenkpfanne des Schulterblatts zentrieren.
  • In Phase 2 lagert sich vermehrt Kalk in das Faserknorpelgewebe ein, bestehende Kristalle wachsen weiter. Die Sehne verdickt sich spindelförmig. Größere Kristalle können zu Einklemmungen führen, Entzündungen entstehen und es treten oft kaum auszuhaltende Schmerzen auf. "Diese Phase dauert 10 bis 14 Tage. Jetzt ist es wichtig, die Schulter zu schonen, um zu vermeiden, dass sie gereizt wird und sich dann auch der Schleimbeutel entzündet. Der Arm muss deshalb in eine Schulterarm-Schlinge", rät Imhoff. Gegen die Schmerzen sollten die Betroffenen entzündungshemmende Schmerzmittel wie z.B. nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) einnehmen. Die Schmerzbekämpfung ist wichtig, um zu verhindern, dass die Patienten den Arm gar nicht mehr bewegen und das Gelenk dann womöglich steif wird.
  • In Phase 3 beginnt die Selbstheilung: Blutgefäße wachsen ins betroffene Sehnengewebe ein, die Durchblutung verbessert sich. Fresszellen des Immunsystems versuchen die störenden Kristalle zu beseitigen. Allerdings kann sich bei den Aufräumarbeiten auch der Schleimbeutel, ein Puffer über der Sehne, entzünden, was extrem schmerzhaft ist.
In der abschließenden 4.Phase des Kalkschulter-Dramas baut sich das inzwischen entkalkte Fasergewebe dank vermehrter Kollagenbildung wieder zu normalem Sehnengewebe um.

Martin Faber, dpa

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