Heroin fürs Volk

Warum immer mehr Deutsche süchtig nach Schmerzmitteln sind

Eine Visual Story von Alexander Epp und Olaf Heuser

Kapitel 1

Harter Stoff - Leichter Zugang

Alles begann mit einer Flasche Hustensaft.

Martin L., erfolgreicher Unternehmer, genug Geld, glücklich verheiratet mit seiner ersten großen Liebe. Das Fläschchen wurde ihm vom Arzt verschrieben. Codein, nicht ungewöhnlich gegen Husten. Doch für Martin L. wurde das Mittel zur Einstiegsdroge:

„Es ist ein Medikament gewesen, das wirklich optimal war, weil es überhaupt nicht aufgefallen ist.“

Das Schmerzmittel wirkt wie Rauschgift, wenn man so viel davon schluckt wie Martin L. Es dämpft die Wahrnehmung, beruhigt, man fühlt sich gut, Probleme wirken fern. L. besorgte sich den Stoff bei mehreren Ärzten gleichzeitig, erhöhte die Dosis stetig, bis es schließlich zu viel wurde und er sich in Lebensgefahr brachte:

Es gibt viele Martin L.s in Deutschland. 1,1 Millionen Menschen nehmen nach Schätzungen von Experten täglich Opioide. Und viele bleiben darauf hängen. Die Verschreibungszahlen starker Schmerzmittel sind so hoch wie nie. Die Stoffe heißen Tramadol, Fentanyl oder Codein. Manche der Substanzen machen abhängig wie Heroin und sind dem illegalen Rauschgift in der Wirkungsweise sehr ähnlich:

Selbstversuch Tramadol

Wie leicht kommt man in Deutschland an diese Mittel? Viele besorgen sich Opioide, ohne einen Fuß vor die Tür zu setzen in Online-Apotheken. Manche davon sind legal, viele illegal. Wir machen den Selbstversuch: Gelangen wir, ohne mit einem Arzt gesprochen zu haben, an das rezeptpflichtige Tramadol, ein Opioid, das in Europa jährlich bei Hunderten von Todesfällen eine Rolle spielt?

Es sind Schmerzmittel, die töten können. Und doch ist der Zugang zu ihnen über das Internet leicht. Die Nachfrage ist groß, der Onlinehandel mit Arzneimitteln boomt. Auch die organisierte Kriminalität hat das Milliardengeschäft mit Medikamenten für sich entdeckt.


Im Ruhrgebiet treffen wir Ruth Haliti von der Zollfahndung Essen. 2015 ist den Fahndern ein Rekordfund gelungen von 3,5 Millionen illegalen Tabletten, Marktwert: 14 Millionen Euro. Geschmuggelt in Containerschiffen oder im Laderaum von Flugzeugen gelangten die in Indien hergestellten Medikamente nach Portugal, Schweden und England.

Von den Niederlanden und Deutschland aus wurden die Arzneimittel schließlich über Online-Apotheken verkauft. Was die Kriminellen lockt: astronomische Gewinnmargen.

Welche Pillen sind für die Schwarzmarkthändler besonders interessant? Ruth Haliti erklärt im folgenden 360-Grad-Panoramafoto, was die größten Verkaufsschlager sind - und warum.

Selbstversuch Furanyl-Fentanyl

Eine handelsübliche Aspirin-Tablette wirkt gegenüber Schmerzmitteln wie Tramadol oder Codein ziemlich harmlos. Doch bei unserer Suche nach Opioiden stoßen wir auch auf Stoffe, die noch viel gefährlicher sind: Substanzen, die Furanyl-Fentanyl heißen oder unter kryptischen Namen wie U-47700 im Netz kursieren. Schon kleine Mengen können zum Tod führen. Trotzdem sind viele dieser Stoffe legal. Warum? Es liegt an ihrer chemischen Struktur:

Opioide lassen sich nur schwer in einer einheitlichen Stoffgruppe zusammenfassen, denn ihre molekulare Struktur ist zu verschieden. Das „Neue psychoaktive Stoffe Gesetz“, mit dem die Bundesregierung nun erstmals ganze Stoffgruppen verbieten will, greift bei Opioiden somit nur sehr eingeschränkt.

So fällt Furanyl-Fentanyl als eine von dem Stoff 2-Phenethylamin abgeleitete Verbindung eher durch Zufall unter das NpSG, ein gefährliches Opioid wie U-47700 jedoch nicht.

Während die Fahnder so weiter mühsam einzelnen Stoffen nachjagen, arbeiten Drogenköche bereits an den Designer-Opioiden von morgen.

Wir starten unseren zweiten Selbstversuch: Auch diese starken Designeropioide möchten wir kaufen. Und wir möchten wissen, ob die Stoffe wirklich das beinhalten, was die Händler versprechen:

Schmerzmittel, die stärker wirken als Heroin - tatsächlich ist die Wirkungsweise von Opioiden und Opiaten sehr ähnlich. Viele Experten befürchten, dass die Schmerzmittelnutzer von heute die Heroinsüchtigen von morgen sein könnten:

Kapitel 2

Heroin und Schmerzmittel

Was ist dran an der Nähe von Opioiden zu Heroin? Wir besuchen das Drob Inn in Hamburg, Sankt Georg, eine der größten Drogenberatungsstellen mit angeschlossenem Konsumraum in Deutschland. Hier werden unter Aufsicht harte Drogen wie Heroin genommen.


Die Konsumenten heißen hier Klienten. Zwischen 300 und 400 sind es täglich. Sie spritzen oder rauchen Rauschgift. Der Heroinkonsum sei in den vergangenen Jahren angestiegen, sagen uns die Pfleger hier. Die Ursachen sind vielschichtig: mehr Erstkonsumenten, mehr Rückfällige, mehr Abhängige aus Kulturkreisen, in denen Opiate fest in der Gesellschaft verankert sind.


„Eine meiner wichtigsten Aufgaben ist die Wiederbelebung der Klienten im Falle einer Überdosierung.“ - Amadeus von der Oelsnitz, Krankenpfleger

Der Konsumraum ist eigentlich tabu. Doch für uns macht Oelsnitz eine Ausnahme. Im 360-Grad-Video erklärt er, wie der Konsum in der Einrichtung abläuft:

Im Drob Inn erfahren wir, dass immer mehr Drogenabhängige neben Heroin auch starke Schmerzmittel wie Fentanyl konsumieren. Die Süchtigen fischen gebrauchte Fentanyl-Pflaster aus dem Krankenhausmüll und lutschen sie aus. Oder sie kochen die Pflaster ein und spritzen sich den Wirkstoff direkt in die Venen. Die Reinheit der Stoffe ist von großer Bedeutung:

Die Abhängigen jagen im Drob Inn mithilfe illegaler Drogen dem Rausch nach - teilweise mehrfach täglich. Martin L. befriedigte seine Opioidsucht ganz legal, auf Rezept. Er ist privatversichert, da stellten nur wenige Fragen, auch seine Ärzte nicht. Viele Mediziner unterschätzen das Gefahrenpotenzial starker Schmerzmittel. Stattdessen werden Opioide in Deutschland so häufig verschrieben wie nie.

Kapitel 3

Deutschland im Schmerzmittelrausch




Die Zahlen aus den Arzneiverordnungs-Reporten sind alarmierend: Mittlerweile verordnen Ärzte in Deutschland dreimal so viele opioide Schmerzmittel wie noch vor 20 Jahren. 2015 waren es insgesamt 410 Millionen Tagesdosen. In Verschreibungen pro Sekunde klingt das so:

Was sagen die Experten, die wir getroffen haben?

Michael Soyka

Ärztlicher Direktor der Klinik Chiemseeblick

"Den deutlich steigenden Verschreibungszahlen von Opiaten muss Einhalt geboten werden."

An starke Arzneimittel kommt man in Deutschland zu leicht. Die Folge: Etwa 2,3 Millionen Deutsche sind laut Bundesministerium für Gesundheit medikamentenabhängig. Und Suchtexperten befürchten, dass sich die Situation noch verschlimmern könnte.

So könnte es bald noch mehr Abhängige geben wie Martin L. Menschen, denen die Kontrolle über ihr Leben entgleitet. Die zu wenig über die Stoffe wissen, die sie einnehmen. Die sich mit Medikamenten hochputschen, um besser im Sport oder im Job zu sein. Und die aufgrund laxer Verschreibungspraktiken zu leicht an starke Arzneimittel gelangen:

Impressum

Autoren: Alexander Epp, Olaf Heuser

Redaktion: Jens Radü

Kamera: Alexander Epp, Maria Feck, Olaf Heuser, Robert Ziffer-Teschenbruck

Schnitt: Alexander Epp

Fotografie: Maria Feck

Animation: Birk Reddehase, Lorenz Kiefer

Layout: Elsa Hundertmark

3D-Rendering: Visoric

Dokumentation: Vasilios Papadopoulos

Datenanalyse: Christina Elmer, Patrick Stotz

Bildredaktion: Elisabeth Kolb

Videomaterial: USA Karin Assman

Programmierung: Tobias Hellwig, Lorenz Kiefer, Chris Kurt

Programmierung: 360-Grad-Videos Kai Hagelstein

Zusätzliche Fotos:

LELA AHMADZAI, S. SABAWOON / DPA, BORIS ROESSLER / DPA, MAURITIUS IMAGES, ALAMY / MAURITIUS IMAGES, ULLSTEIN, MARKUS BRUNNER / MAURITIUS IMAGES, AKITOGO F1ONLINE / MEDICIMAGE LTD / AGE, SCIENCE PHOTO LIBRARY / VARIO IMAGES, EFFIGOS AG / INTERFOTO