Kindesmisshandlung Was passiert beim Schütteltrauma?

Jährlich sterben in Deutschland 100 bis 200 Kinder, weil sie am Brustkorb gepackt und geschüttelt wurden. Wie können Ärzte die Fälle erkennen? Welche Folgen hat das Schütteln? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Mutter mit ihrem Baby: Ärzte sollten ihren Verdacht gut begründen können - und mit den Eltern offen darüber sprechen
Corbis

Mutter mit ihrem Baby: Ärzte sollten ihren Verdacht gut begründen können - und mit den Eltern offen darüber sprechen


Am Samstag starb Tayler in Hamburg im Krankenhaus, er wurde nur zwölf Monate alt. Noch haben Rechtsmediziner den Leichnam des kleinen Jungen nicht abschließend untersucht. Die Ärzte vermuten jedoch, dass Tayler durch ein Schütteltrauma sein Leben verlor.

Immer wieder kommt es vor, dass Eltern oder andere Betreuer ihre Babys packen und so lange schütteln, bis sie still sind. Anders als manche denken, ist das Problem nicht nur auf sozial schwache Familien begrenzt. Es kommt in allen Bildungsschichten vor. Haben Eltern das Gefühl, das Geschrei ihres Säuglings nicht mehr zu verkraften, sollten sie sich rechtzeitig Hilfe suchen, um ihr Kind nicht zu gefährden.

Was passiert beim Schütteln im Körper der Kindes?

Packt ein Erwachsener ein Kleinkind am Brustkorb und schüttelt es, schleudert der Kopf des Kindes immer wieder vor und zurück. Da sich im Hirngewebe von Säuglingen noch viel Flüssigkeit befindet und die Räume zwischen Gehirn und Schädelknochen noch relativ weit sind, prallt das Gehirn bei den Bewegungen gegen das Schädelinnere. Dadurch können Quetschungen und Prellungen entstehen. Außerdem können Gefäße reißen und Hirnblutungen auftreten.

Mehr als ein Fünftel der betroffenen Kinder stirbt an den Folgen der Verletzungen, bei fast allen anderen leidet das Nervensystem. Dadurch kann es unter anderem zu Seh- und Sprachstörungen kommen, bei manchen Kindern verzögert sich auch die Entwicklung.

Grafik (zum Vergrößern bitte klicken): Wie grobes Schütteln das Hirn eines Babys schädigt
DER SPIEGEL

Grafik (zum Vergrößern bitte klicken): Wie grobes Schütteln das Hirn eines Babys schädigt

Wie häufig kommt es in Deutschland zu Fällen, wie er jetzt in Hamburg vermutet wird?

Eine offizielle Statistik zu Todesfällen durch Schütteltrauma fehlt. Schätzungen gehen aber von 100 bis 200 Todesfällen pro Jahr in Deutschland aus, schreibt das Statistische Bundesamt.

Warum wird die Misshandlung zumindest zu Beginn häufig übersehen?

Dafür gibt es zwei Gründe: Ein Grundproblem ist, dass bei einem isolierten Schütteltrauma keine äußeren Verletzungen entstehen. Die Schäden des Gehirns lassen sich dem Kind in der Regel nicht direkt ansehen. Folgen wie Übelkeit oder Apathie können außerdem anfangs mit einer Infektion verwechselt werden.

Hinzu kommt, dass die Diagnose einer Misshandlung äußerst heikel ist. Übersieht ein Arzt ein Schütteltrauma, hat das schwerwiegende Folgen für das Kind. Aber auch falsche Anschuldigungen können sich verheerend auswirken. So wurde etwa ein Münchner Arzt nach einem Irrtum verurteilt, Schmerzensgeld und Schadensersatz an die Familie zu zahlen.

Wann sollten Ärzte, Hebammen oder das Umfeld skeptisch werden?

Ärzte und Hebammen können sich an verschiedenen Punkten orientieren. Laut den Leitlinien zum Umgang mit Vernachlässigung und Misshandlung ist es auffällig, wenn Eltern ihr Kind mit gravierenden Verletzungen erst spät zum Arzt bringen. Ebenfalls misstrauisch sollten Mediziner werden, wenn Mutter und Vater immer wieder mit dem Kind zum Arzt gehen, aber immer zu einem anderen.

Auf körperliche Anzeichen achten: Äußerlich weisen - wenn überhaupt - nur Blutergüsse an den Stellen, an denen der Täter zugepackt hat, auf die schwere Misshandlung hin. Umso wichtiger ist, den ganzen Körper des Kindes anzuschauen und ihr Verhalten zu beobachten. Sie sind häufig schreckhaft und schreien schrill, mitunter sind sie auch apathisch, übergeben sich oder haben Schwierigkeiten beim Trinken. Das Schütteln kann außerdem zu Netzhautblutungen und Krampfanfällen führen und das Herz stark verlangsamen.

Für die Diagnose schreibt die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin vor, dass neben den traumatischen Hirnschäden mindestens einer der weiteren Faktoren zutrifft:

  • Blutungen in der Netzhaut,
  • keine oder nur minimale äußere Spuren,
  • keine schlüssige Erklärung der Eltern oder bezeugtes oder zugegebenes Schütteln,
  • Begleitverletzungen, die für eine Misshandlung sprechen oder
  • elterliche Risikofaktoren wie Drogenabhängigkeit oder frühere Misshandlungen

Wie sollten Ärzte bei einem begründeten Bedacht auf eine Kindesmisshandlung reagieren?

Experten raten dazu, die Eltern des Kindes über Diagnose, Behandlung und Untersuchungsergebnisse zu informieren und mit ihnen offen über den Verdacht zu sprechen. Haben die Eltern für das Passierte keine Erklärung und scheinen sie nicht offen mit dem Thema umzugehen, müsse unbedingt die Jugendhilfe hinzugezogen werden, heißt es auf dem Informationsportal bitte-nicht-schütteln.de.

Außerdem können Ärzte erwägen, Anzeige zu erstatten, auch wenn laut Leitlinie keine Anzeigenpflicht besteht. Hintergrund ist die Angst, dass Eltern mit ihren misshandelten Kindern nicht mehr zum Arzt gehen könnten.

Grundsätzlich aber gilt: Der Schutz des Kindes auf körperliche sowie seelische Unversehrtheit ist ein höheres Rechtsgut als die ärztliche Verschwiegenheitspflicht.

irb

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.