Studie zum Adipositas-Paradoxon Schützt leichtes Übergewicht wirklich das Herz?

Ein paar Kilogramm zu viel sollen angeblich gut für die Herzgesundheit sein - besagt das sogenannte Übergewicht-Paradoxon. Eine große britische Studie stellt das jetzt infrage.

Das menschliche Herz
imago/ Science Photo Library

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Die Ratschläge zu einem gesunden Lebensstil sind gleichzeitig banal und knifflig:

  • sich ausreichend bewegen,
  • sich gesund ernähren,
  • nicht rauchen,
  • ein normales Gewicht halten oder erreichen.

Vom Zigarettenkonsum abgesehen lässt sich über jeden dieser Punkte diskutieren. Wie viel Bewegung sollte es mindestens sein und welche? Was ist eigentlich genau eine gesunde Ernährung? Welches Gewicht ist überhaupt normal - oder optimal, wenn zum Beispiel Studien darauf deuten, dass leichtes Übergewicht das Herz doch schützt und sehr dünne Menschen sogar ein höheres Infarktrisiko haben als Normalgewichtige?

Diesen letzten Punkt, das sogenannte Übergewicht-Paradoxon, hat sich ein Forschungsteam aus Glasgow nun vorgenommen. Und seinen Daten nach kann man das Paradoxon wohl demnächst vergessen. Es beruht demnach auf Messfehlern und Verzerrungen in früheren Studien. "Man muss bezweifeln, dass Fett eine schützende Wirkung aufs Herz-Kreislauf-System hat", sagt Stamatina Iliodromiti, Erstautorin der im "European Heart Journal" veröffentlichten Studie.

Iliodromiti und Kollegen untersuchten den Zusammenhang von Herzkrankheit und Übergewicht, indem sie Daten von knapp 300.000 in Großbritannien lebenden Menschen auswerteten, die an der sogenannten UK-Biobank-Studie teilnehmen und zu deren Beginn kein Herzleiden hatten.

Fünf Maßeinheiten fürs Übergewicht

Um das Übergewicht zu ermitteln, verließ sich das Team nicht allein auf den Body-Mass-Index (BMI), der in den meisten Studien genutzt wird, weil er einfach zu ermitteln ist. Stattdessen maßen sie auch den Bauchumfang, das Verhältnis des Umfangs von Taille und Hüfte, das Verhältnis der Taille zur Körpergröße sowie den Körperfettanteil. Insgesamt nutzten sie also fünf Maße.

Sie erhoben außerdem, wie alt die Teilnehmer waren, ob sie rauchten, wie viel Alkohol sie tranken, wie ihr sozioökonomischer Status war, wie viel sie sich bewegten, ob sie an Diabetes erkrankt waren und welchen Blutdruck sie hatten. Auch nach anderen Krankheiten wurde gefragt, etwa Krebs, Depression und Arthritis. Alle diese Faktoren flossen in die Datenauswertung ein. Über etwa fünf Jahre ermittelte das Forscherteam, wie viele Teilnehmer eine Herzkreislaufkrankheit entwickelten, dies waren rund drei Prozent der Frauen und sechs Prozent der Männer.

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Zusammengefasst zeigte sich: Nur in Bezug auf den BMI blieb es so, dass Untergewicht (BMI unter 18,5) mit einem erhöhten Risiko für Herzleiden einherging. Am geringsten war das Risiko im BMI-Bereich zwischen 22 und 23 - also mitten im Normalgewicht. (In diesem Bereich liegt zum Beispiel jemand, der 1,65 groß ist und 60 bis 62 Kilogramm wiegt, oder jemand, der 1,80 groß ist und 71 bis 75 Kilo wiegt.)

Bei allen anderen vier Maßen für Übergewicht zeigte sich dagegen ein klarer, gleichmäßiger Trend: Mit steigendem Wert stieg auch das Krankheitsrisiko. "Unsere Ergebnisse unterstreichen, dass Übergewicht die Gefahr von Herz-Kreislauf-Krankheiten erhöht und dass Menschen versuchen sollten, ihr Gewicht im empfohlenen Bereich zu halten, um ihr Krankheitsrisiko zu verringern", schreiben die Forscher.

Wie lässt sich das erklären?

Das Team um Iliodromiti hat eine Erklärung für die Zusammenhänge: Wenn Menschen krank werden oder sind, dann nehmen sie oft - ohne es zu wollen - ab, und zwar vor allem Muskelmasse. In der Gruppe mit dem niedrigen BMI würden sich demnach mehr Kranke finden, die zum Teil noch keine entsprechende Diagnose erhalten haben. Die anderen Messgrößen, wie etwa der Körperfettanteil, würden sich durch das ungewollte Abnehmen nicht scheinbar positiv entwickeln wie der BMI. Dass ein sehr niedriger BMI dem Herzen schadet, ist dieser Argumentation zufolge bloß eine Art Rechenfehler.

Warum wird der BMI trotzdem in so vielen Studien genutzt? Schließlich versagt die Maßeinheit zum Beispiel auch bei sehr sportlichen Menschen mit viel Muskelmasse - obwohl sie eigentlich topfit sind, haben sie laut BMI Übergewicht. Der Vorteil des Werts: Er ist leichter zu ermitteln, weil nur Körpergröße und Gewicht nötig sind, niemand muss ein Maßband an Taille oder Hüfte legen, wobei eher Fehler passieren können. Die Forscher schlagen aber vor, dass die anderen Maßeinheiten ergänzend zum BMI genutzt werden könnten.


Wer hat's bezahlt?

Die Studie wurde von verschiedenen Stiftungen und Verbänden finanziert, darunter auch der europäische Dachverband forschender Pharmaunternehmen Efpia.


"Die Studie greift einen Aspekt auf, der seit Jahren durch die Literatur geistert", sagt Nikolaus Marx, Leiter der Kardiologie am Uniklinikum Aachen, der an der Studie nicht beteiligt war. "Anhand dieser Daten kann man das Adipositas-Paradoxon so nicht mehr stehen lassen. Wer dicker ist, hat ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wenn man dann ein bisschen abnimmt, kann das nur gut sein."

Um das Adipositas-Paradoxon endgültig zu widerlegen, müsse das Resultat jedoch in weiteren großen Studien bestätigt werden.

Das heiße übrigens nicht, dass Übergewicht immer von Nachteil sei, stellt Forscherin Iliodromiti klar. "Für Menschen, die bereits krank sind, kann es sich anders darstellen." So gebe es etwa Hinweise, dass leichtes Übergewicht etwa bei einer Krebserkrankung von Vorteil sein könne, weil Betroffen durch die Chemotherapie manchmal sehr viel Gewicht verlören.

Mit Material von dpa



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