Schweinegrippe-Pandemie: Jeder fünfte Mensch hatte eine H1N1-Infektion

Das Virus hielt die Welt in Atem, jetzt haben Forscher das ganze Ausmaß der Schweinegrippe-Pandemie analysiert. Einer aktuellen Auswertung zufolge waren weltweit mehr Menschen mit dem H1N1-Virus infiziert als bisher angenommen.

Schweinegrippe-Alarm in der Ukraine (2009): H1N1-Virus war weltweit gefürchtet Zur Großansicht
dpa

Schweinegrippe-Alarm in der Ukraine (2009): H1N1-Virus war weltweit gefürchtet

Genf - Im November 2011 landeten Millionen Impfdosen in Verbrennungsanlagen - spätestens da hatte das H1N1-Virus, das 2009 und 2010 weltweit grassierte, endgültig seinen Schrecken verloren. Denn das Schweinegrippevirus, vor dem sich unzählige Menschen gefürchtet hatten und gegen das sie sich impfen ließen, erwies sich im Vergleich zu üblichen saisonalen Influenzaviren als relativ harmlos.

Ein internationales Forscherteam hat jetzt erstmals das Ausmaß der Schweinegrippe-Pandemie untersucht und kommt zu dem Schluss: Mehr als jeder fünfte Mensch weltweit hatte sich zwischen 2009 und 2010 mit dem Virus der Schweinegrippe infiziert. Wie die Wissenschaftler im Fachmagazin "Influenza and Other Respiratory Viruses" berichten, lag die Sterblichkeit ihrer Schätzung zufolge lediglich bei etwa 0,02 Prozent.

Die Schweinegrippe hatte sich Anfang 2009 von Mexiko aus über die ganze Welt verbreitet. Im Juni des Jahres erklärte die WHO das Auftreten des neuen Erregertyps zu einer Pandemie und hob die Warnung erst im August 2010 auf.

Bis dahin wurden offiziell weniger als eine Million Ansteckungen und 18.500 Todesfälle gemeldet. Das stellt aber nur einen kleinen Teil der tatsächlichen Infektionen dar, unter anderem, weil nicht jeder mit dem Virus Infizierte auch erkrankte. Wie bereits Experten in anderen Studien zuvor kommen die Forscher auch bei der aktuellen Auswertung zu dem Ergebnis, dass die H1N1-Pandemie vor allem Kinder tötete. Eine Untersuchung aus dem vergangenem Jahr war zu dem Schluss gekommen, dass die Zahl tödlicher Fälle in Wahrheit sogar um ein Vielfaches höher ausgefallen sein könnte, als offiziell bestätigt wurde. Die Autoren gehen darin von weltweit 280.000 Todesfällen aus.

Für den jetzt veröffentlichten Fachartikel werteten die Autoren 27 Studien aus. Dabei wurden insgesamt mehr als 90.000 Blutproben aus 19 Ländern nach Antikörpern für das H1N1-Virus untersucht. 20 bis 27 Prozent waren demnach mit H1N1 infiziert. Die Forscher gehen davon aus, dass die Infektionsraten auch in jenen Ländern, zu denen keine genauen Daten vorhanden waren, ähnlich hoch waren. Demzufolge sei etwa ein Viertel der Weltbevölkerung infiziert gewesen. Die WHO erklärte den Ausbruch zur Pandemie, nachdem H1N1-Fälle in 74 Ländern identifiziert worden waren.

Die Informationen der Auswertung, so die Wissenschaftler, sollen helfen, mathematische Modelle zu entwickeln, mit denen man den Verlauf von Grippewellen besser vorhersagen kann.

cib/AFP

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Acht Fragen zur Schweinegrippe
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Wie kann man sich schützen?
Ausschließen kann man eine Infektion nie. Dennoch können bestimmte Maßnahmen die Verbreitung des H1N1-Virus (und auch vieler anderer Viren) effektiv senken. Im September 2009 veröffentlichten Forscher im Fachblatt "British Medical Journal" eine statistische Auswertung von insgesamt 58 Studien über präventive Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung. Das Ergebnis: Vor allem häufiges Händewaschen und die Isolation infizierter Patienten verhindert die rasche Ausbreitung des Virus. Unter wir-gegen-viren.de gibt das Robert Koch-Institut neun Tipps, um die Ansteckungsgefahr zu senken. Zu den wichtigsten Vorkehrungen gehören regelmäßiges Händewaschen, richtiges Husten und Schnäuzen, bei Verdacht auf Schweinegrippe zu Hause bleiben und Abstand von anderen Personen halten sowie regelmäßiges Lüften. Zudem rät die US-Gesundheitsbehörde CDC, den Haushalt möglichst sauber zu halten und beispielsweise Oberflächen von Möbeln regelmäßig zu reinigen und Kleidung regelmäßig zu waschen.
Wie verbreitet sich das H1N1-Virus?
Der wahrscheinlichste Ansteckungsweg des H1N1-Virus ist die sogenannte Tröpfcheninfektion. Es nistet sich in den Atemwegen ein, weshalb Tröpfchen aus dem Nasen- und Rachenraum gefährlich sind. Man kann sich bereits im Gespräch mit einer Person anstecken. Die ganz normale Atemluft der infizierten Person enthält Tröpfchen, die deren Gegenüber einatmen könnte. Gleiches gilt, wenn Menschen niesen oder husten. Mikroskopisch kleine Mengen reichen schon aus. Deshalb empfehlen viele Fachleute auch, Menschenansammlungen zu meiden. Das Virus überlebt aber auch einige Zeit außerhalb des Körpers. Man kann sich also anstecken, indem man Infizierten die Hand schüttelt oder Gegenstände anfasst, die Infizierte berührt haben. Wischt man sich danach durchs eigene Gesicht, hat es der Erreger in seinen neuen Wirt geschafft. Dieser Übertragungsweg heißt Schmierinfektion. Experten gehen davon aus, dass das H1N1-Virus bei einer Temperatur von 20 Grad Celsius für etwa zwei bis acht Stunden unversehrt bleibt. In einer feuchten Umgebung verlängert sich die Zeit auf bis zu vier Tage. Und in der Kälte, vor allem bei Minusgraden, ist das Virus fast unsterblich. Dagegen kann der H1N1-Erreger mit Hitze nur schwer umgehen. Bei 60 Grad und mehr stirbt er nach etwa 30 Minuten.
Welche Symptome treten auf?
Die Inkubationszeit des Virus beträgt in der Regel drei bis vier Tage. Meistens setzt das Krankheitsgefühl ganz plötzlich ein. Zu den häufigsten Symptomen zählen Fieber und Husten. Die Glieder und Muskeln können schmerzen, Atembeschwerden und Ausfluss aus Nase oder Augen können dazukommen. Anders als bei der saisonalen Influenza leidet bei der Schweinegrippe etwa jeder Vierte an Erbrechen oder Durchfall. Es gibt aber auch Menschen, an denen die Infektion spurlos vorbeiging.
Was tun bei Verdacht auf Schweinegrippe?
Bei Menschen, die sonst gesund sind, lautet der einfachste Rat: ins Bett legen und das eigene Immunsystem die Arbeit verrichten lassen. Schwangere oder chronisch Kranke - Diabetiker, Patienten mit Asthma oder Herz-Kreislauf-Beschwerden beispielsweise - sowie ältere Patienten und Kinder sollten dagegen einen Arzt aufsuchen. Ist das Immunsystem zum Beispiel durch eine bereits vorhandene chronische Erkrankung geschwächt, kann es leichter zu einer zusätzlichen bakteriellen Infektion, wie etwa einer Lungenentzündung, kommen.
Helfen Medikamente nach einer Ansteckung?
Es gibt manche antivirale Medikamente wie Tamiflu, die Grippesymptome lindern können. Allerdings sind sie verschreibungspflichtig, und für die meisten Patienten gilt: Sie überstehen die Schweinegrippe genauso gut oder schlecht wie ohne Medikamente. Vor allem bei Kindern gilt größte Vorsicht mit Medikamenten. Sie sollten auf keinen Fall ohne ärztlichen Rat behandelt werden. Treten zusätzliche bakterielle Infektionen auf, sollte der Patient unter Umständen Antibiotika nehmen. Experten weisen zudem darauf hin, dass es nicht sinnvoll ist, vorsorglich antivirale Medikamente einzunehmen. Der Leiter des Düsseldorfer Gesundheitsamtes, Heiko Schneidler, sagt, dass es dadurch zu Resistenzen der Viren kommen könnte.
Ist ein Mundschutz sinnvoll?
Das Robert Koch-Institut sagt zu Hygienemasken: "Über ihre Wirksamkeit während einer Pandemie liegen keine ausreichenden Daten vor. Sie sind deshalb nur ergänzend zu erwägen." Da die Masken nicht dicht abschließen, geraten Grippeviren trotzdem in die Atemluft. Und wer mit ungewaschenen Händen die Maske anlegt, bindet sich die Viren direkt unter die Nase. Zudem müssen die Masken alle paar Stunden gewechselt werden. Sinnvoll ist eine Hygienemaske, wenn überhaupt, nur für Erkrankte. Damit kann die Anzahl der Erreger, die dieser in die Luft ausatmet verringert werden. Staubmasken aus dem Baumarkt sind übrigens wirkungslos.
Wie weist man das Virus nach?
Ein zuverlässiger Test kostet in etwa 130 Euro. Bis das Ergebnis vorliegt, vergeht in etwa ein Tag. Nachdem sich die Grippe immer weiter ausbreitet, wird nur noch stichprobenartig auf den H1N1-Erreger untersucht. Man kann in der Apotheke auch Schnelltests kaufen, allerdings sind sie nicht sehr zuverlässig. Im Labor wird das H1N1-Virus mit Hilfe der sogenannten PCR-Technik nachgewiesen. Der Test ist positiv, wenn es gelingt, spezifische Teile des Virus-Erbguts im Reagenzglas zu vervielfältigen.
Kann sich der H1N1-Erreger verändern?
Das H1N1-Virus gehört zur Gattung der Influenza-A-Viren. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat. Die gewöhnliche Grippe (saisonale Influenza) tötet Schätzungen zufolge weltweit jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken. Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Sie findet statt, wenn sich in den Zellen eines Organismus die Erbgutinformation mehrerer Grippeviren-Typen neu kombiniert.