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Schwere Kopfverletzungen: Skihelm schützt nicht zu hundert Prozent

Skihelme: Absoluten Schutz gibt's nicht Zur Großansicht
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Skihelme: Absoluten Schutz gibt's nicht

Es ist wie beim Gurt im Auto: Ein Skihelm schützt bei einem Unfall vor schweren Kopfverletzungen - aber nicht in jedem Fall. Das zeigte sich auch beim schweren Sturz von Michael Schumacher. Deutsche Chirurgen fordern dennoch eine Helmpflicht.

Freitag, 27. Dezember: Über den Nachrichtenticker läuft eine Pressemeldung des Berufsverbands der Deutschen Chirurgen (BDC). Darin sagt BDC-Hauptgeschäftsführer Jörg Ansorg: "Es wird Zeit, dass die Helmpflicht auf deutschen Pisten kommt." Der Helm sei die einfachste Möglichkeit, die Zahl schwerer Hirnverletzungen wie Schädelbrüche oder Hirnblutungen zu verhindern.

Zwei Tage später wird Michael Schumacher nach einem Skiunfall mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma im Traumazentrum der Universitätsklinik Grenoble operiert und behandelt. Der Rennfahrer trug einen Helm.

Leider kann auch der beste Skihelm solche lebensbedrohlichen Hirnschäden nicht immer verhindern. "Das ist wie bei einem Airbag oder einem Sicherheitsgurt im Auto: Es hilft, es ist wichtig, darauf zurückzugreifen, aber es ist auch kein Freibrief", sagte Andreas König, Sicherheitsexperte im Deutschen Skiverband (DSV). Auch in diesem Fall gelte: "Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht."

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In Schumachers Fall hat der Helm aber zumindest vorerst das Leben des Rennfahrers gerettet. "Ohne Helm hätte er es wohl nicht bis ins Krankenhaus geschafft", sagte der Chef-Anästhesist des Grenobler Traumazentrums bei einer Pressekonferenz.

70 bis 80 Prozent der Skifahrer tragen nach Angaben des DSV hierzulande inzwischen einen Helm. "Die Entwicklung in den letzten Jahren ist rasant", sagte König. Der Experte begründet sie mit dem "Althaus-Effekt": Der frühere thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus hatte am Neujahrstag 2009 einen schweren Skiunfall, bei dem eine Frau starb. Im Gegensatz zu Althaus hatte sie keinen Helm getragen. Daraufhin begann ein regelrechter Ansturm auf Skihelme.

Die Ärzte von Schumacher im Universitätsklinikum Grenoble sprachen am Montag angesichts der Verletzungen des Rekordweltmeisters der Formel 1 von einem "mächtigen Aufprall bei hoher Geschwindigkeit". Ein normaler Skifahrer, sagt König, sei mit etwa 40 bis 50 Kilometer pro Stunde unterwegs. "Die haben sie schnell drauf, aber danach wird es schon sehr schwer, schneller zu werden." Tempo 116, wie es die Abfahrer beim Weltcup-Rennen am Sonntag in Bormio in der Spitze erreichten, "schafft kein Normalskifahrer".

Skihelm reicht nicht für Aufprall auf einen Felsen

Skihelme seien für die Normalgeschwindigkeiten ausgelegt, "mit Spitzenbelastungen bis 70, 80 km/h", erklärt König. Dies reiche für einen Aufprall auf einer präparierten Piste, "aber wenn es blöd läuft, wenn ich einen starken Aufprall auf einem Baumstumpf oder einem Felsen habe, kann die Energie des Sturzes nicht zu hundert Prozent durch das Dämmmaterial im Helm aufgenommen werden".

Handelsübliche Skihelme unterliegen dem Prüfverfahren EN 1077, sie werden dabei, wie etwa auch Fahrradhelme, mit einem Prüfkopf aus zwei Metern Höhe fallen gelassen. Im Normalfall reiche das aus, sagt König, allerdings könne ein Skihelm schon alleine durch das offene Gesichtsfeld keinen hundertprozentigen Schutz für den Träger gewährleisten - etwa bei einem seitlichen Aufprall, wie er nach Angaben der Ärzte in Grenoble bei Schumacher vorliegt. Er sei auf die rechte Kopfhälfte gestürzt, sagten sie am Montag.

Dem Berufsverband der Deutschen Chirurgen zufolge verletzen sich pro Saison rund 43.000 deutsche Skifahrer im In- und Ausland auf der Piste so schwer, dass sie in eine Klinik gebracht werden müssen. Mehr als 3000 von ihnen erleiden demnach schwere Kopfverletzungen. Deshalb die Forderung des BDC nach einer Helmpflicht.

Auch beim Radfahren diskutieren Experten und Mediziner immer wieder über eine Einführung der Helmpflicht, denn es ist nicht ganz unstrittig, ob der positive Nutzen die Risiken überwiegt. Statistische Analysen aus Kanada hatten gezeigt, dass bei Radfahrern ein Helm zwar das Risiko für eine Kopfverletzung senkt. Der erwartete langjährige Effekt der gesetzlichen Radhelmpflicht in Kanada blieb jedoch paradoxerweise aus: Die Zahl der in Krankenhäusern registrierten Kopfverletzungen sank durch die Einführung des Gesetzes kaum.

Warum das so ist, ist bisher ungeklärt, Forscher vermuten mehrere Gründe dafür: Möglicherweise fahren Helmträger riskanter, weil sie sich sicherer wähnen. Denkbar ist auch, dass bei schweren Stürzen die Effektivität von Helmen nicht groß genug ist und Betroffene eher in Krankenhäusern behandelt werden als Radfahrer mit leichten Verletzungen.

Unabhängig von der Frage nach einer Pflicht für Skihelme auf deutschen Pisten: Für Ärzte steht fest, dass ein Helm vor schweren Kopfverletzungen schützt - auch wenn sie beim Skifahren im Vergleich zu Verletzungen der Knie, Schultern, Oberarme, Oberschenkel, Hüfte und am Rumpf statistisch weniger oft vorkommen (weshalb viele Experten auch das Tragen von Rückenprotektoren empfehlen).

"Viele Verletzungen werden von unseren Chirurgen erfolgreich operiert, verschraubt, genagelt und genäht", erklärte der BDC-Präsident Hans-Peter Bruch. "Aber die Vermeidung der Unfälle - gerade am Kopf - steht für die Ärzte an oberster Stelle."

Das menschliche Gehirn

cib/dpa/sid

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