Ein rätselhafter Patient: Verwirrt, schwach, wortlos

Von Dennis Ballwieser

Einer 21-jährigen Frau fallen Wörter nicht mehr ein, ihre rechte Körperhälfte fühlt sich taub an. Immer wieder leidet sie unter Kopfschmerzen, auch eine chronische Krankheit ist bekannt. Doch kann die für ihre ungewöhnlichen Beschwerden verantwortlich sein?

Computertomografie (links) und MRT-Bild (rechts): Hinweise auf die Ursache Zur Großansicht
BMJ Case Report

Computertomografie (links) und MRT-Bild (rechts): Hinweise auf die Ursache

In die Notaufnahme kommt die junge Frau, weil immer wieder verschiedene Körperfunktionen ausfallen. Zwei Wochen vor ihrer Aufnahme in die Klinik der University of Alberta im kanadischen Edmonton fühlte sich ihre rechte Körperseite taub an. Die 21-Jährige hatte Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden, war verwirrt. Nach vier Stunden waren die Beschwerden verschwunden.

Nach diesem Zwischenfall leidet die Frau unter Schmerzen im ganzen Körper, vor allem im Kopf. Seit über zwei Wochen halten sie schon an. Das Taubheitsgefühl in der rechten Körperhälfte kommt und verschwindet wieder. Mehrfach plagen sie Schwächeanfälle in den Beinen, sie fällt direkt nach dem Aufstehen aus dem Sitzen hin. Bei diesen Stürzen wird der Frau nicht schwarz vor den Augen und nach weniger als einer Minute hat sie auch wieder Kraft in den Beinen.

Jetzt sitzt sie vor ihren Ärzten, die beim Messen des Blutdrucks eine interessante Entdeckung machen, wie Umar Shuaib und seine Kollegen im Fachmagazin "BMJ Case Reports" berichten: Der Blutdruck ist auf der linken Seite höher als auf der rechten, der obere Wert liegt links bei 140, rechts bei 110 Millimetern Quecksilbersäule (mmHg). Steht die Patientin auf, fällt der Blutdruck im rechten Arm um weitere 20 mmHg ab.

Das Immunsystem spielt verrückt

Die Patientin ist den Ärzten bereits bekannt. Zwei Jahre zuvor kämpfte sie nicht nur mit Kopfschmerzen, sie sah auch vorübergehend unscharf. Grund genug, ihren Kopf in einem Computertomografen (CT) und ihre Halsgefäße im Ultraschall zu untersuchen: Damals stellten die Mediziner fest, dass Hirngefäße teilweise verengt waren. Weitere Untersuchungen im Labor leiteten die Ärzte zu einer seltenen Diagnose: Die Frau leidet unter einer Entzündung der Arterien mit dem komplizierten Namen Takayasu-Arteriitis. Dabei wendet sich das Abwehrsystem vor allem gegen die großen Blutgefäße, eine ständige Entzündungsreaktion führt zu vielfältigen Beschwerden, betroffen sind meist junge Frauen. Die Autoimmunerkrankung erklärt auch die unterschiedlichen Blutdruckwerte in beiden Körperseiten: Sind Blutgefäße durch die Arteriitis verengt, sinkt der Druck nach der Engstelle.

Schon damals waren viele Arterien bei der jungen Patientin betroffen. Das Blut in Teilen des Gehirns floss langsamer als normal. Eine Kontrolle nach einem Jahr zeigte zwar weiterhin entzündete Blutgefäßwände, doch mit Hilfe von Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken, hatte sie keine Beschwerden.

Die kanadischen Ärzte untersuchen die chronische kranke Patientin jetzt erneut mittels CT und auch im Kernspintomografen (Magnetresonanztomografie, MRT). Sie entdecken, dass die Frau offenbar im Kopf geblutet hat - das ist für eine Takayasu-Arteriitis untypisch. Bei diesen sogenannten Subarachnoidalblutungen gelangt Blut in den mit Hirnflüssigkeit gefüllten Raum zwischen zwei Hirnhautschichten. Solche Blutungen können durch Unfälle oder Stürze ausgelöst werden oder aber entstehen, wenn Aussackungen der Gefäßwände, sogenannte Aneurysmen, reißen.

Blockierte Gefäße: Im linken Bild strömt das Kontrastmittel wie erwartet durch die Blutgefäße auf der rechten Seite des Kopfes. Im rechten Bild dagegen ist der gestörte Blutfluss in den Arterien der linken Kopfseite zu sehen. Zur Großansicht
BMJ Case Report

Blockierte Gefäße: Im linken Bild strömt das Kontrastmittel wie erwartet durch die Blutgefäße auf der rechten Seite des Kopfes. Im rechten Bild dagegen ist der gestörte Blutfluss in den Arterien der linken Kopfseite zu sehen.

Ein ungelöster Fall?

Bei der jungen Frau finden die Ärzte in CT- und MRT-Bildern aber keinen Hinweis auf Aneurysmen in den Kopfgefäßen, und doch sind Subarachnoidalblutungen zu erkennen. Die Ärzte wiederholen die Aufnahmen, wenn die Patientin unter neuen Beschwerden leidet, und finden jeweils Anzeichen frischer Blutungen.

Nach der stationären Aufnahme bessern sich die Beschwerden. Die Patientin bekommt weiter das Abwehrsystem unterdrückende Medikamente, ein Jahr nach dem Zwischenfall hat sie keine Beschwerden mehr.

Den Ärzten allerdings lässt der Fall ihrer Patientin keine Ruhe. Bei einer Takayasu-Arteriitis kommt es nur sehr selten zu Subarachnoidalblutungen, schreiben die Mediziner. In der gesamten medizinischen Literatur finden sie gerade einmal 24 Fallberichte. Die häufigste Ursache der Blutungen ist auch bei Patienten mit der chronischen Gefäßentzündung das Reißen eines Aneurysmas. Es gebe Berichte über nur drei Fälle außer der jungen Kanadierin, bei denen nicht die erweiterten Gefäße die Ursache einer Blutung waren. Die Ärzte von der University of Alberta fragen sich, wie die Blutungen bei der vor allem die Gefäße verschließenden Takayasu-Arteriitis entstehen. Die chronische Entzündung greift die Gefäßwände an, das alleine reicht allerdings nicht als Erklärung für die Subarachnoidalblutungen aus.

Während die Takayasu-Krankheit vor allem große Arterien befällt, gibt es auch entzündliche Krankheiten kleiner Blutgefäße - möglicherweise sei das auch bei dieser Patientin der Fall, spekulieren die kanadischen Ärzte. Schließlich könne auch die dauerhaft schlechte Blutversorgung des Gehirns schuld sein: Durch den Sauerstoffmangel wird das Wachstum von Blutgefäßen angeregt, die anfälliger für Risse sind. Doch, so die Autoren, die Erklärungsversuche bleiben Spekulation. Den tatsächlichen Grund für die wiederholten Blutungen ihrer Patientin können die Ärzte nicht aufklären.

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insgesamt 23 Beiträge
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1. Sollen diese ständigen Heldengesänge
Baikal 15.06.2013
nur darüber hinwegtäuschen, dass die "Medizin" ansonsten bei den gewöhnlichen Krankheiten meist versagt? Häufiges ist häufig, Seltenes selten. Es zu kurieren bringt dem Einzelnen was, der Medizin nicht.
2. Haha
rattentier@gmx.de 15.06.2013
Sie möchte ich hören wenn bei ihnen eine seltene Krankheit diagnostiziert wird. Leider kann man seltene Krankheiten zum Teil aufgrund fehlender Erfahrung nicht so gut therapieren wie häufige. Schade und traurig für die betroffenen, aber solange es sie nichts angeht... Jaja. Aber gleich noch mit einen drauf für die Ärzte die ja sowieso nichts können. Dann tun sie mir doch einen gefallen und verzichten sie im Krankheitsfall auf Arzt und Klinik, damit entlasten sie die Krankenkassen und haben nichts zu meckern.
3. @Baikal
Angelheart 15.06.2013
Warum um alles in der Welt muss man nach einem solchen Artikel Kommentare wie den ihren ertragen? Es gilt die Regel: wenn man so gar keine Ahnung hat - einfach mal Fresse halten!!!
4. Flugbegleiter
spon-facebook-10000379604 15.06.2013
Die Symptome können auch auf eine Vergiftung zutreffen! Ist die genannte Person vielleicht Flugbegleiterin oder Vielflieger? Siehe hier http://www.welt.de/print/wams/article113857988/Giftstoffe-in-Cockpit-und-Kabinenluft.html
5. Privatpatientin?
donnerfalke 15.06.2013
---Zitat--- Den Ärzten allerdings lässt der Fall ihrer Patientin keine Ruhe. ---Zitatende--- Für Kassenpatienten herrscht die Ruhe nach ziemlich genau 3 Minuten. Dann wird man einfach weggeschickt.
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  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.
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