Seekrankheit Übel, übel, übel

Es beginnt mit Aufstoßen und Druckgefühl, dann kommt die Übelkeit. Auf einem schaukelnden Schiff ist fast niemand vor der Seekrankheit gefeit. Schutz bieten nur ein paar Tricks und die richtigen Medikamente.

Unruhige See: Etwa neun von zehn Menschen waren schon mal seekrank
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Unruhige See: Etwa neun von zehn Menschen waren schon mal seekrank


Weiß wie Schnee und ein leichter Grünstich um die Nase - wer so aussieht und zur Reling eilt, den hat es erwischt: Seekrankheit. Nach wochenlanger Vorfreude auf die gebuchte Kreuzfahrt kann das Unwohlsein die ersten Tage auf dem Meer gründlich vermiesen. Eins sollten sich die Betroffenen aber vor Augen halten, rät Martin Dirksen-Fischer, Leiter des Hafenärztlichen Dienstes in Hamburg: "Es geht wieder vorbei."

"Man sagt, neun von zehn haben das irgendwann mal in ihrem Leben", sagt er. Schämen braucht sich deshalb niemand, wenn er das Gesicht über die Tüte beugt.

Die Seekrankheit zählt zu den sogenannten Kinetosen, den Bewegungskrankheiten, und kann auch in Bussen, Autos oder Flugzeugen auftreten. Sie ist Folge eines sogenannten Sensory Mismatch, sagt Andreas Koch vom Schifffahrtmedizinischen Institut der Marine. Das, was die Passagiere in ihrer Kabine sehen, nämlich einen starren Raum, passt nicht zu dem, was sie fühlen: den Bewegungen der Wellen.

Das führt dazu, dass die Stellungsrezeptoren der Muskulatur und Gelenke und insbesondere das Gleichgewichtsorgan andere Signale senden, als zum optischen Eindruck passen. "Solche Differenzen kann der Körper nicht so gut ab", sagt Dirksen-Fischer. Am Anfang entsteht Unwohlsein. Ebenfalls zu den typischen ersten Symptomen zählen Aufstoßen, Druckgefühl, Blässe und Müdigkeit.

Dann kommt es zur Übelkeit.

Der Körper reagiere auf die unstimmigen Eindrücke, indem er Stresshormone ausschütte, sagt Koch. Eins davon ist Histamin. Zirkulieren zu große Mengen des Hormons durch den Blutkreislauf, hat das Übelkeit und Erbrechen zur Folge. Eine Gruppe von Medikamenten, die Mediziner gegen Seekrankheit verschreiben, sind deshalb Antihistamine - in der Regel in Form von Tabletten oder Kaugummis. In schlimmeren Fällen muss der Schiffsarzt zur Spritze greifen.

Ein weiteres Medikament gegen die Seekrankheit ist Scopolamin, das unter anderem in Bilsenkraut und Stechapfel enthalten ist. Es wirke leicht beruhigend und hemme den Brechreiz, sagt Koch. Christian Ottomann, Leiter der Schifffahrtsbörse, die ärztliches Personal für maritime Einsätze vermittelt, bewertet es als das stärkste und zuverlässigste Mittel gegen die Seekrankheit. Den Wirkstoff gibt es zum Beispiel in Form von Pflastern, die hinters Ohr geklebt werden können.

Allerdings sind beide Medikamentengruppen nicht ohne mögliche Nebenwirkungen. Antihistamine können unter anderem müde machen, Scopolamin könne sogar Halluzinationen verursachen, sagt Dirksen-Fischer. Nur weil viele der Medikamente gegen Seekrankheit nicht verschreibungspflichtig seien, sollte sie niemand unbedarft einnehmen, warnt er.

Seekrankheit hängt noch in einem anderen Zusammenhang mit Medikamenten zusammen: Durch das Erbrechen wirkten viele Arzneien, die Betroffene regulär einnehmen, nicht richtig, warnt Ottomann, der selbst ein Jahr als Schiffsarzt im Einsatz war. Frauen müssen das berücksichtigen, wenn sie die Anti-Baby-Pille nehmen. Außerdem kann es bei Diabetikern zu einer Verschiebung des Blutzuckers kommen, sie unterzuckern womöglich.

Damit die Sinneseindrücke wieder besser zueinanderpassen, rät Ottomann zu einer Kabine mit Blick nach draußen auf die See, um den Horizont zu fixieren. Wer eine Kabine im Schiffsinneren hat, kann auf eine spezielle Brille mit künstlichem Horizont zurückgreifen. Zwischen Doppelglas befindet sich dort Flüssigkeit - so werde die Schräge abgebildet, die das Schiff eigentlich habe, der Passagier unter Deck aber meist nicht sehen könne, sagt Koch.

Eventuell lindern auch Entspannungstechniken die Übelkeit. Koch rät dazu, sich hinzulegen und zu schlafen: Denn dann sinke der Stressspiegel und weniger störende Sinneseindrücke würden registriert. Dafür, dass Akupressur bei Seekrankheit wirke, gebe es keine wissenschaftlichen Belege, sagt Koch. Und Dirksen-Fischer fügt hinzu: "Ein bisschen Glaube hilft da auch."

Daneben sollten Betroffene einige Dinge vermeiden: Lesen zum Beispiel könne das Unwohlsein noch verstärken, sagt Ottomann. Auch schlechte Gerüche, Müdigkeit oder Schlafentzug seien solche negativen Begleitumstände. Alkohol verstärke mitunter noch die Übelkeit, weil er diese selbst verursachen könne, sagt Koch. Ebenfalls verzichten sollten Betroffene auf histaminhaltige Nahrung wie Thunfisch oder Salami.

Wenn alles nichts hilft, dann wenigstens ein Gedanke: Nach zwei bis drei Tagen gewöhne sich der Körper meist daran und die Seekrankheit höre auf, sagt Koch.

Von Lea Sibbel, dpa

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