Weltweite Studie Sehbehinderungen könnten stark zunehmen

Seit 1990 gibt es weltweit weniger Blinde und Sehbehinderte. Doch schon bald könnte sich der positive Trend umkehren. Verantwortlich machen Forscher die alternde Bevölkerung, Diabetes und Computerbildschirme.

Kurzsichtigkeit ist eines der häufigsten Sehprobleme
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Kurzsichtigkeit ist eines der häufigsten Sehprobleme


Die Zahl der Menschen mit Sehbehinderungen oder Blindheit geht weltweit seit 25 Jahren zurück, doch der Zukunftstrend ist einer neuen Studie zufolge besorgniserregend.

Das Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die vermeidbare Ursachen von Blindheit und Sehbehinderungen bis 2019 um 25 Prozent zu reduzieren, sei kaum noch erreichbar, berichtet der Verband für Blindheitsverhütung IAPB in seinem Sehkraft-Atlas im Fachblatt "The Lancet". Vielmehr steige der Anteil der Betroffenen bis 2020 um 5,6 Prozent.

Als vermeidbare Ursachen gelten Grauer Star und unkorrigierte Fehlsichtigkeit. "Etwa drei Viertel der Sehbehinderungen sowie 55 Prozent der Blindheit sind von Grauem Star oder unkorrigierter Fehlsichtigkeit verursacht", sagte Johannes Trimmel, IAPB-Direktor für internationale Beziehungen.

Bislang positiver Trend

Im Vergleich zu 1990 gibt es bislang allerdings einen positiven Trend: Der Anteil der Blinden und Sehbehinderten sank laut IAPB von 1990 bis 2015 um vier Prozent, vor allem dank häufigerer Augenuntersuchungen in vielen Teilen der Welt.

Einige Veränderungen im Einzelnen:

  • Mit Hornhauttrübungen lebten rund 39 Prozent weniger Menschen als 1990,
  • mit altersbedingter Makuladegeneration (AMD) 31 Prozent weniger,
  • mit Grünem Star (Glaukom) zehn Prozent weniger
  • und mit Grauem Star (Katarakt) sieben Prozent weniger.
  • Dagegen stiegen Augenerkrankungen durch Diabetes um 25 Prozent.

Weltweit waren demnach 2015 36 Millionen Menschen blind und 217 Millionen sehbehindert. 89 Prozent von ihnen lebten in Ländern mit niedrigem oder mittleren Einkommen.

Für Deutschland schätzt der Sehkraft-Atlas, dass die Zahl der Blinden seit 1990 zwar von 233.000 auf 221.000 zurückging. Die Zahl der Sehbehinderten sei aber von 1,7 Millionen auf 1,9 Millionen gestiegen. Das liege vor allem an der alternden Bevölkerung, so Trimmel. Von den 1,9 Millionen Betroffenen waren seinen Angaben zufolge fast 1,8 Millionen über 50 Jahre alt.

Diabetes, alternde Bevölkerung und zu viel Zeit vor Bildschirmen

Die alternde Bevölkerung könnte auch international zum Problem werden, warnen die Forscher: Die Weltbevölkerung werde immer älter und Sehprobleme nähmen im Alter deutlich zu. "80 Prozent der Augenkrankheiten betreffen Menschen über 50 Jahren", sagt Trimmel. 2050 gebe es laut Schätzungen fünf mal so viele über 80-Jährige wie im Jahr 2000, insgesamt 379 Millionen.

Langfristig bereiten den Forschern auch andere Entwicklungen große Sorgen: Unter anderem wegen der erwarteten Zunahme der Diabetes-Fälle dürfte die Zahl der Augenerkrankungen stark steigen, so die IAPB. Die Zahl der Diabetes-Erkrankungen soll Schätzungen zufolge von 415 Millionen im Jahr 2015 auf 642 Millionen im Jahr 2050 wachsen. "Ein Drittel der Diabetes-Kranken muss mit Augenproblemen rechnen", sagte Trimmel.

Drittes Problem: Derzeit ist laut IAPB ein Drittel der Weltbevölkerung kurzsichtig. Wegen der veränderten Lebensgewohnheiten könne dieser Anteil bis 2050 auf 50 Prozent steigen.

Ursache ist unter anderem, dass Kinder "mehr Sehleistung in der Nähe erbringen" - heißt: Sie lesen zu viel auf dem Handy, Tablet und am Computer. "Wenn Kinder eine Stunde am Tag im Freien wären, würden sich Probleme mit der Sehschärfe schon bessern", sagt Trimmel (Hintergründe zum Zusammenhang lesen Sie hier).

Um den negativen Trend bis 2050 abzuschwächen, muss nach Angaben des Verbands mehr Aufklärung betrieben werden. Dazu gehöre, das Risiko für die Augen durch Rauchen zu erläutern. Bei Diabetes müssten regelmäßige Augenuntersuchungen durchgeführt werden. "Wenn Netzhauterkrankungen früh erkannt werden, kann man intervenieren", so Trimmel.

jme/dpa



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