Sehstörung RCS Augen im Stress

Gegenstände sehen verzerrt aus, ein grauer Fleck prangt im Gesichtsfeld. So macht sich ein Leiden bemerkbar, das Ärzte als Managerkrankheit des Auges bezeichnen. Stress ist der bekannteste Risikofaktor für die Sehstörung RCS.

Nahaufnahme des Auges (Illustration): Flüssigkeit unter Netzhaut bildet eine Blase
Corbis

Nahaufnahme des Auges (Illustration): Flüssigkeit unter Netzhaut bildet eine Blase


Sie sind oft dynamisch, ehrgeizig, ungeduldig, männlich und zwischen 20 und 50 Jahre alt. So beschreibt der Augenarzt Johann Roider, Patienten, die an Retinopathia centralis serosa (RCS) leiden.

Das Leiden wird von Ophthalmologen auch als Managerkrankheit des Auges bezeichnet. Zu viel Stress im Beruf oder Privatleben kann nach heutigem Wissensstand das RCS auslösen. Wie viele Menschen davon betroffen sind, lässt sich nur schätzen. "Es ist davon auszugehen, dass es häufiger auftritt als bei 1 von 10.000 Personen", sagt Roider, der die Klinik für Augenheilkunde am Campus Kiel des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein leitet.

Die Betroffenen gehen meist zum Augenarzt, weil sie plötzlich einen grauen Fleck im Gesichtsfeld haben, Gegenstände verzerrt sehen und das Lesen schwerfällt. Wenn der Arzt aufmerksam ist, gehen sie nicht nur mit einer Brillenverordnung, sondern auch mit der Diagnose RCS nach Hause.

Ursache unbekannt

Früher waren sieben von acht RCS-Patienten männlich, in den vergangenen Jahren wird die Diagnose vermehrt auch bei Frauen gestellt.

RCS ist ernst zu nehmen, denn es tritt Flüssigkeit aus der Aderhaut unter die Netzhaut, wodurch sich diese an der Stelle ablöst. Das Auge wird weitsichtig, so dass der Patient eine Brille benötigt. "In schweren Fällen kommt es zu Mikrorissen und zum Austritt der Flüssigkeit in den Augapfel", sagt Roider. Betroffene müssen zum Teil viele Woche lang krankgeschrieben werden.

Die eigentliche Ursache für die Netzhautveränderungen ist laut Roider nicht bekannt. Stress wird jedoch seit rund 50 Jahren am häufigsten als Auslöser genannt. "Untersuchungen haben gezeigt, dass Betroffene oft die Kriterien für eine Typ-A-Persönlichkeit erfüllen. Das heißt, sie zeigen ein ausgeprägtes Wettbewerbsverhalten, sind agil und haben viel zu organisieren. Eine Typ-A-Persönlichkeit kann mit erhöhter Konzentration des Stresshormons Kortisol im Blut einhergehen."

Doch nicht jeder Gestresste entwickelt das Augenleiden. Das könnte an einer unterschiedlich guten Stressverarbeitung liegen. Experten spekulieren über weitere Faktoren, darunter eine genetische Anfälligkeit oder eine Infektion mit dem Magenkeim Helicobacter pylori. "Das Krankheitsbild RCS ist definitiv noch nicht ausreichend erforscht", so Roiders Fazit.

Die Schilderung der Symptome und der ärztliche Blick auf den Augenhintergrund sollten den Augenarzt auf die richtige Spur bringen. Die genaue Diagnose ist mit der Fluoreszenzangiografie und der optischen Kohärenztomografie (OCT) möglich. Die Fluoreszenzangiografie zeigt mithilfe von gespritzten Farbstoffen, wie gut die Netzhaut durchblutet ist. Bei der OCT tastet ein diagnostischer Laserstrahl die Netzhautoberfläche ab. Ist die Netzhaut insbesondere im Zentrum, wo sich auch der Fleck des schärfsten Sehens befindet, vom Untergrund abgehoben, wird dies schnell festgestellt.

Oft erholt sich das Auge von ganz allein

Die gute Nachricht: Oft erholen sich die Betroffenen innerhalb von drei bis sechs Monaten von den Sehstörungen, ohne dass eine Behandlung erfolgt ist. "Man muss geduldig sein und sollte seinem Auge die Chance auf Spontanheilung lassen", sagt Roider.

Verschwinden die Symptome nicht von allein oder kommt es wiederholt zu Rückfallen, ist eine Therapie nötig. "Gut wirksam ist eine Lasertherapie, für die es energieärmere Varianten gibt, oder die sogenannte low fluence Photodynamische Therapie (PDT)", sagt der Experte. Diese Verfahren würden auch bei anderen Formen von Netzhautablösung eingesetzt. Das Laserlicht sorge dafür, dass die Netzhaut wieder an ihrem Untergrund hafte. Dabei kann es zu einer leichten Narbenbildung kommen, was aber laut Roider unproblematisch ist. "Durch das wiederholte Abheben der Netzhaut von ihrem Untergrund treten jedoch bei manchen Patienten großflächig narbige Veränderungen auf, so dass das Sehvermögen fortan merklich eingeschränkt ist", warnt er. Auch bei Spontanheilung bleiben aus diesem Grund mitunter leichte Einschränkungen der Sehqualität oder des Sehvermögens zurück.



insgesamt 3 Beiträge
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mat_1972 10.11.2014
1.
Zitat: Das Laserlicht sorge dafür, dass die Netzhaut wieder an ihrem Untergrund hafte. Dabei kann es zu einer leichten Narbenbildung kommen, was aber laut Roider unproblematisch ist. Na klar. Und weil es unproblematisch ist sehe ich genau wegen dieser Narben nach der Laserbehandlung seit 13 Jahren ein "Doppelbild". Das Probem an RCS ist einfach: Die meisten Augenärzte kennen diese Krankheit nicht mal bzw. es fehlt ihnen an Wissen um es diagnostizieren zu können. Ich z.b. musste zu 7 (!) Augenärzten bis man in einer Augenklinik RCS erkannte. Wer das hat weiss, wie nervig das sein kann :-(
choose_v 10.11.2014
2. Schönfärberei
Zitat Prof. Roider: "Das Krankheitsbild RCS ist definitiv noch nicht ausreichend erforscht" Dem kann ich aus eigener Erfahrung nur zustimmen. Schlimmer: Es besteht auch nach meiner Meinung keinerlei Interesse, diesen Zustand zu ändern: - Weder seitens der Pharmaindustrie und der (forschenden) Ärzte, weil der Prozentsatz in der Bevölkerung dafür statisch gesehen einfach (noch) zu gering ist, um Ressourcen zu binden und die Forschung sich lieber auf die Untersuchung derjenigen Krankheiten konzentriert, deren Heilmittelproduktion ausreichend Profite in der Masse versprechen. - Noch durch die Gesundheitspolitik des Staates. Wobei dieser von genau dieser Bevölkerungsgruppe mit Hang zur „Managerkrankheit“, der ich mich zurechne (stressiger Job, „besserverdienend“) einen nicht unerheblichen Steueranteil kassiert und die bestehenden Arbeitsbedingungen durch seine Gesetzgebung sogar fördert. Der noch schlimmere Skandal aber ist, dass man als Betroffener mehrfach bestraft wird: - Keine Übernahme der teuren Behandlungskosten (Durchführung der sog. Photodynamischen Therapie) durch die KV, weil diese vom "Medizinischen Dienst" nicht als wissenschaftlich gesicherte Behandlung klassifiziert wird. Fehlende Alternativen spielen anscheinend keine Rolle. - Das während der PDT injiziert Medikament „Avastin“ (oder vergleichbare Präparate) kostet zusammen aufgrund gebilligter Monopolbildung mit der gleichzeitigen Licht-/Laserbehandlung locker mal pro Behandlung über 2000 EUR, die nicht erstattet werden. - Ärztefortbildung findet nicht statt. Ein erschreckend hoher Anteil der Wald- und Wiesenärzte ist gar nicht in der Lage, eine halbwegs richtige Diagnose zu stellen. Zitat der Augenärztin, die ich bei den ersten Beschwerden aufsuchte: „Diese schwarzen Punkte im Sehbereich sind normal für Männer in Ihrem Alter...“ (Anm.: Damals war ich Mitte 30) In einem weiteren Punkt muss ich Prof. Roider und der Autorin entschieden widersprechen: Ich kann nicht beurteilen, aus welchen Erkenntnissen sich diese „guten Nachrichten“ ziehen lassen. Ich kann nur für mich urteilen und: Diese Krankheit zerstört bei schwerem Verlauf die Augen bis zur subjektiv empfundenen Blindheit. Der Teil der Netzhaut, der durch die Flüssigkeit angehoben wird und sich nicht nach einer bestimmten Zeit wieder anlegen kann, stirbt durch Unterversorgung der Zellen. Punkt. Nach ca. 7 Jahren kein Lesen mehr auf dem rechten Auge möglich, kein Erkennen von z.B. Gesichtern. Eingeschränktes bis nicht vorhandenes dreidimensionales Sehen, überdies „Nachtblindheit“ bzw. verzögertes Lichtanpassungsverhalten auf beiden Augen. Die sozialen Folgen und sonstigen Einschränkungen kann man sich denken.
susa_pilar 11.11.2014
3.
...mein Augenarzt hat die Diagnose am Telefon gestellt nachdem ich die Symptome geschildert habe! Natürlich funduskopisch und mittels OCT verifiziert: dauerte ca. 15 Minuten. Nach zweitem Rezidiv Medikament bekommen, aber nicht vertragen: Azetazolamid... wenigstens hätte ich dann auch keine Bergkrankheit bekommen ;)
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