Selbstmedikation Wenn die Hausapotheke gefährlich wird

Im Herbst kommt bei vielen Menschen die Erkältung, dann greifen etliche zuerst in den Medizinschrank, statt einen Fachmann zu fragen. Doch das birgt Risiken, warnen Experten.

Tablette auf der Zunge einer Frau
DPA

Tablette auf der Zunge einer Frau


Jedes Jahr im Herbst werden Millionen Deutsche zu Selbsttherapeuten. Bei nasskaltem Wetter sind viele von Erkältungsinfekten betroffen. Egal ob Schnupfen oder Kopfschmerzen: Statt einen Mediziner zu fragen, greifen sie lieber selbst in den Arzneischrank - Risiken und Nebenwirkungen inklusive. Allein in Baden-Württemberg nimmt ein Viertel der Befragten einer Forsa-Studie zufolge bei Beschwerden mindestens einmal im Monat rezeptfreie Medikamente.

Experten sehen dies durchaus kritisch. "Selbstmedikation ohne Beratung oder eine blinde Bestellung in anderen Vertriebskanälen kann gefährlich werden", sagt Josef Kammermeier vom Bayerischen Apothekerverband (BAV). Apothekern komme hier eine Rolle als "Filter" zu.

Selbstmedikation - also die Eigenbehandlung von Beschwerden - sind auch Themen des mehrtägigen Deutschen Schmerzkongresses, der am 11. Oktober in Mannheim beginnt.

Trend zur Selbstversorgung

Schätzungen zufolge gibt jeder Deutsche jährlich knapp 50 Euro für Selbstmedikation aus. Gut ein Drittel der Mittel, die über den Ladentisch der Apotheke gehen, sind demnach rezeptfrei. Längst haben Pharmakonzerne den Trend zur Selbstversorgung gegen Schnupfen, Husten, Heiserkeit erkannt. Das Geschäft mit schmerzlindernden Mitteln, die rezeptfrei und ohne fachlichen Rat gehandelt werden, boomt. Die Tendenz ist steigend, denn die demografische Entwicklung und das zunehmende Übergewicht in den Wohlstandsländern sorgen bei den Gesundheitssystemen für immer höhere Kosten.

Aus Sicht von Krankenkassen könne es durchaus attraktiv sein, in Zukunft mehr Aufgaben auf Apotheker zu übertragen, ist Kammermeier überzeugt. "Die Bedeutung der Selbstmedikation ist gestiegen, seit die meisten rezeptfreien Arzneimittel aus der Apotheke nicht mehr von den Krankenkassen erstattet, sondern von den Patienten selbst bezahlt werden müssen." Rezeptfrei bedeute aber nicht harmlos. "Jedes Medikament hat erwünschte und unerwünschte Wirkungen."

Dass auch rezeptfreie Mittel den Körper belasten können, wissen der Forsa-Studie zufolge die meisten Befragten. Nur acht Prozent werfen bei einem neuen Medikament keinen Blick auf den Beipackzettel. Für mehr Informationen über Wirkung, Inhalt und Nebenwirkungen vertrauen die Befragten ihrem Arzt (23 Prozent) oder Apotheker (42 Prozent).

Einer der häufigsten Gründe für Schmerzmittelkonsum sind Kopfschmerzen. Doch schon hier müsse man unterscheiden: "Viele scheren alle Arten dieser Beschwerden über einen Kamm, aber Spannungskopfschmerz ist etwas völlig anderes als Migräne", betont die Medizinerin Stefanie Förderreuther von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München. Bei häufigem Kopfschmerz sei der Gang zum Arzt unumgänglich. "Das verhindert, dass der Schmerz chronisch wird. Es gibt auch gute Möglichkeiten der Vorbeugung. Insgesamt kann dies die Lebensqualität erheblich verbessern."

Auch Kammermeier betont, dass Kopfschmerzbehandlung per Selbstmedikation nur kurze Zeit durchgeführt werden sollte. "Hier können auch Bewegung, ein kalter Waschlappen, Flüssigkeit, eine Druckmassage oder Pfefferminzöl helfen", sagt er. Dem Patienten sollten die Grenzen der Selbstmedikation klar aufgezeigt werden.

Kritisch sei etwa, wenn Schmerzen chronisch zu werden drohten. "Spätestens dann sollte man sich helfen lassen. Schmerz verändert das Wesen des Menschen und hat Einfluss auf Familie und Beruf", sagt Förderreuther.

Von Wolfgang Jung, dpa/joe



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.