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Studie: Medienberichte über Suizid können Nachahmungstaten auslösen

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Zeitungsständer: Medien sollten bei der Berichterstattung über Suizide weder Ort noch Methode detailliert beschreiben Zur Großansicht
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Zeitungsständer: Medien sollten bei der Berichterstattung über Suizide weder Ort noch Methode detailliert beschreiben

Lösen Zeitungsartikel über Suizide Nachahmungstaten aus? Eine neue Studie legt diesen Schluss nahe: Wenn Medien intensiv über Suizide von Teenagern berichten, häufen sich die Todesfälle Gleichaltriger.

Wenn ein Mensch sich das Leben nimmt, ist das oft auch ein Thema in den Medien. Teilweise untermauert mit großem Foto und Namen des Toten sowie mit Informationen, wie sich die Person wo und wann selbst getötet hat, werden die Schicksale präsentiert. Genau das kann jedoch weitere Leben kosten, berichtet ein US-amerikanisches Forscherteam in einer aktuellen Studie im Fachjournal "The Lancet Psychiatry".

Der sogenannte Werther-Effekt, also die gehäufte Zahl an Suiziden nach einer vorherigen Selbsttötung, ist lange bekannt. Die neue Studie zeigt aber erstmals einen Zusammenhang zwischen dem Umfang der Berichterstattung von Zeitungen nach einem Teenager-Suizid und weiteren Selbsttötungen Gleichaltriger in der Region.

Die Forscher untersuchten dafür die Sterberegister aus 48 US-Bundesstaaten nach Fällen von 13- bis 20-Jährigen, die sich zwischen 1988 und 1996 das Leben genommen hatten. Mit einem statistischen Scanprogramm durchsuchten sie die Daten nach Anhäufungen solcher Todesfälle. Selbsttötungen, auf die innerhalb von drei Monaten im gleichen Landkreis eine deutlich erhöhte Zahl weiterer Suizide folgten, wurden zu einem sogenannten Cluster zusammengefügt. Als Vergleich dienten ähnlich bevölkerungsstarke Regionen, in denen sich Jugendliche das Leben genommen hatten, ohne dass anschließend die Suizidrate in der Gegend angestiegen war.

Den Tod prominent auf der Titelseite

Für 48 Cluster werteten die Forscher die Berichte von Zeitungen aus, die in der jeweiligen Gemeinde gelesen wurden, insgesamt kamen sie auf mehr als 460 verschiedene Blätter. Dabei konzentrierten sie sich auf die Anzahl der Berichte über Suizide zwischen der ersten Selbsttötung eines Jugendlichen in der Region und den folgenden, gehäuften Suiziden. Ihr Ergebnis: In Gemeinden, in denen die Selbsttötung eines Teenagers eine erhöhte Suizidrate nach sich zog, hatten die Zeitungen in der Zwischenzeit deutlich mehr über solche Todesfälle berichtet.

In Gemeinden, wo sich Suizide häuften, hatten Zeitungen zuvor in durchschnittlich 7,4 Artikeln über eine erste Tat berichtet oder etwa über den Suizid eines Prominenten.

In den Kontrollgemeinden, in denen es nach dem ersten Fall keine Nachahmer gab, zählten die Forscher nur knapp fünf Berichte zum Thema. In jeder vierten der Cluster-Gemeinden schrieben die Zeitungen über den ersten Teenager-Suizid, doch nur in jeder siebten Kontrollregion taten die Printmedien das gleiche.

Auch fiel auf, dass die Zeitungen in den Cluster-Regionen den Tod von Menschen, die sich das Leben genommen hatten, viel häufiger auf der Titelseite hervorhoben, schon in der Schlagzeile das Wort "Suizid" druckten und über Details der Tat berichteten. Die Forscher stuften sie häufiger als sensationslüstern ein. In einigen Berichten romantisierten die Autoren das Geschehene oder verherrlichten den Verstorbenen. Zudem schienen generell Artikel über die Selbsttötung eines Jugendlichen oder einer Berühmtheit junge Menschen zum gleichen Schritt zu animieren.

Den Suizid nicht normalisieren

Vor dieser Form der Berichterstattung, in der Verständnis für den Suizid geweckt wird oder die Betroffenen viel Aufmerksamkeit erhalten, warnen Experten schon lange. Es besteht die Befürchtung, dass sie Menschen, die bereits Suizidgedanken und -pläne hegen, eher dazu ermutigen, dem nachzugehen. "Wiederholte, explizite Berichte über vollzogene Suizide könnten diese in den Augen von empfindlichen jungen Menschen normalisieren und ihnen damit den Widerstand gegen den Akt nehmen", erklären die Autoren der Cluster-Studie. In den meisten Ländern gibt es daher inzwischen Richtlinien für die Berichterstattung über Suizide, auch in Deutschland.

"Auch wenn wir keine kausalen Zusammenhänge zeigen konnten, weist unsere Studie darauf hin, dass die Darstellung von Suiziden in den Medien eine wichtige Rolle dabei spielen könnte, warum sich Selbsttötungen unter Jugendlichen danach häufen", sagt die Studienautorin Madelyn Gould von der Columbia University. Zugleich zeige die Studie nur die Effekte der Zeitungen, die Auswirkungen von modernen Medien sei hier noch gar nicht inbegriffen.

"Intuitiv ist zu erwarten, dass weniger regulierte und interaktivere Medien womöglich einen noch größeren Effekt auf die Jugendlichen haben", kommentieren die Medizinerinnen Jane Pirkis und Jo Robinson von der australischen University of Melbourne in der gleichen Ausgabe des Fachjournals, das dem Thema Suizid einen Schwerpunkt gewidmet hat. Die jungen Menschen seien jedoch nicht nur die Hauptkonsumenten neuer Medien, sondern oftmals auch für deren Inhalt verantwortlich.

Doch den möglichen Auswirkungen ihrer Mitteilungen sind sich bislang wohl die wenigsten bewusst.

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    Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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Das Portal der Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet weiterführende Informationen und Kontakte zu Krisendiensten. Dort kann man, nach Postleitzahlen gegliedert, ortsgebundene Anlaufstellen finden.

Bei akuten Notfällen sollte der Rettungsdienst unter der Nummer 112 verständigt werden.
Erste Hilfe bei Alkoholsucht
Auf dem Hilfsportal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) finden sich ein Selbsttest und Informationen zum Thema Alkohol beziehungsweise Suchtprävention.

Interessierten steht zudem ein Infotelefon zur Verfügung. Die Mitarbeiter der BZgA beantworten unter der Nummer 0221-892031 Fragen zur Suchtvorbeugung und vermitteln Betroffene an Beratungsstellen in ihrer Nähe. Die Homepage bietet zudem ein Verzeichnis der Suchtberatungsstellen.
Erste Hilfe bei Spielsucht
Auf dem Portal zur Spielsucht der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt es einen Selbsttest, eine Chatsprechstunde, eine Online-Beratung sowie ein kostenloses und anonymes Beratungstelefon unter der Nummer 0800-1372700. Außerdem bietet das Portal weiterführende Links zu regionalen Anlaufstellen in Wohnortnähe.
Spezifische Hilfe für Kinder, Jugendliche und Eltern
Beim kostenlosen und anonymen Angebot des Vereins Nummer gegen Kummer können Kinder und Jugendliche über Sorgen und Probleme reden. Unter der Nummer 0800-1110333 erhalten die Jugendlichen montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr Hilfe, samstags beraten Jugendliche die Jugendlichen.

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