Suizid Unterschätzte Gefahr

Weltweit wird die Anzahl der Suizide unterschätzt, berichten internationale Forscher. Etwa 900.000 Menschen nehmen sich jährlich selbst das Leben. Die Ursachen für Selbsttötungen sind schlecht erforscht, Schutzmaßnahmen werden zu wenig genutzt, bemängeln Fachleute.

Hamburger Kirche: Lichtspirale zum Gedenken an Suizidopfer
Peter Morgenbrodt

Hamburger Kirche: Lichtspirale zum Gedenken an Suizidopfer

Von


Selbsttötung ist ein heikles Thema. Ein Tabuthema, über das man nicht spricht. Angehörige schämen sich, vom Suizid eines Verwandten zu berichten. Die Forschung tut sich schwer, das Problem zu erfassen, weil nicht alle Suizide auch als solche erkannt oder in Statistiken erfasst werden. Waren Selbsttötungen lange vor allem ein Thema reicher Staaten, werden Suizide zunehmend zum Problem von Gesellschaften im industriellen Umbruch.

In Indien sind Selbsttötungen mittlerweile die zweithäufigste Todesursache unter jungen Menschen, insgesamt gibt es dort eine der höchsten Suizidraten weltweit, berichten Forscher um Vikram Patel von der London School of Hygiene & Tropical Medicine im Fachmagazin "Lancet". Die britische Fachzeitschrift setzt sich in einer aktuellen Serie ausführlich mit dem Thema auseinander. Neben den Ergebnissen aus Indien überprüften internationale Forscher den weltweiten Wissensstand zu Selbsttötungen - und stießen an vielen Stellen nur auf lückenhafte Informationen.

Weltweit betrachtet seien Suizide die häufigste Todesursache weiblicher Jugendlicher, schreiben Keith Hawton von der University of Oxford und seine Kollegen. Bei männlichen Heranwachsenden stehe die Selbsttötung an dritter Stelle nach Verkehrsunfällen und Gewaltverbrechen. Laut offiziellen Statistiken nehmen sich jährlich auf der Welt 164.000 Menschen das Leben, die Wissenschaftler halten diese Zahlen für weitab der Realität. Sie gehen anhand aktueller WHO-Schätzungen von etwa 900.000 jährlichen Selbsttötungen aus.

In Deutschland töteten sich im Jahr 2010 nach den letzten verfügbaren Zahlen des Statistischen Bundesamtes etwas mehr als 10.000 Menschen selbst. Die Zahl der Suizide sinkt seit Jahrzehnten, im Gegensatz zu den Zahlen in wirtschaftlich aufstrebenden Staaten wie Indien. Trotzdem sterben nach Angaben des Nationalen Suizidpräventionsprogramms in Deutschland jährlich noch immer mehr Menschen durch Selbsttötung als durch illegale Drogen, Mord, Totschlag und Verkehrsunfälle zusammengenommen.

Schwierigkeiten, gefährdete Menschen zu erkennen

"Etwa zehn Prozent der Heranwachsenden berichten, sich schon einmal selbst verletzt zu haben. Trotzdem wissen wir über die Gründe, warum manche von ihnen sich selbst töten, und andere nicht, immer noch viel zu wenig", sagt Rory O'Connor von der britischen University of Stirling zu den im "Lancet" vorgestellten Studien. "Um Jugendliche vor Selbstverletzung und Selbsttötung zu schützen, müssen wir besser verstehen, warum manche Menschen, die Suizidgedanken haben, diese nicht in die Tat umsetzen." Sie fordert, neue Medien wie soziale Netzwerke auch dafür zu nutzen, suizidgefährdete Menschen zu unterstützen.

In einer weiteren aktuell vorgestellten Studie beklagen Paul Yip und seine Kollegen von der chinesischen University of Hongkong, suizidverhindernde Maßnahmen würden zu wenig ernst genommen. "Die verbreitete Wahrnehmung ist, dass wer sich töten will, das auch tut, koste es, was es wolle", sagt Yip. "Im Gegensatz zu diesem weitverbreiteten Glauben gibt es mehr und mehr Hinweise dafür, dass die Suizidraten deutlich gesenkt werden können, wenn der Zugang zu den tödlichsten Hilfsmitteln beschränkt wird."

Suizid sei eine impulsive Handlung, unterstützen US-Forscher die aktuellen Studiendaten in einem Kommentar. Zwischen der Entscheidung, sich zu töten, und der Umsetzung lägen häufig nur Minuten oder Stunden - der Drang, sich zu töten, nehme rasch ab, wenn sich die Tat nicht sofort realisieren lasse. In Sri Lanka etwa nutzten viele Menschen giftige Pflanzenschutzmittel zur Selbsttötung, sagt Yip. Nachdem die Stoffe verboten wurden, habe sich die Suizidrate zwischen 1995 und 2005 halbiert.

In Indien töten sich junge Frauen, in Deutschland ältere Männer

In Deutschland betrug 2010 das Durchschnittsalter von durch Suizid gestorbenen Menschen 56 Jahre. Die nun vorgestellten Daten aus Indien zeigen dagegen, dass dort bei jungen Frauen die Suizidrate am höchsten ist. Zur weltweiten Zahl von Selbsttötungen tragen Indien und China mit knapp der Hälfte aller Fälle bei, die Industrienationen dagegen nur mit knapp 16 Prozent.

Durch die neuen Ergebnisse erhalten Mediziner einen neuen Eindruck der Lage bei betroffenen Bevölkerungsgruppen: Während sich in Industrienationen deutlich mehr Männer als Frauen selbst töten, sind es in Indien nur etwa eineinhalbmal so viele, in China ist das Verhältnis ausgeglichen. In Deutschland dagegen war die Zahl der Selbsttötungen 2010 in allen Altersgruppen bei Männern deutlich höher als bei Frauen, obwohl auch in Deutschland deutlich mehr Frauen Suizidversuche begehen als Männer.

"Auch in Deutschland sind Suizide ein unterschätztes Problem, deshalb sollte die Suizidprävention mehr im Fokus der Politik liegen", sagt der Hamburger Psychologe Georg Fiedler vom Therapiezentrum für Suizidgefährdete des Universitätsklinikums Eppendorf. "Es hat zwar jede psychiatrische Klinik Angebote für Suizidgefährdete, aber nicht für alle Betroffenen ist die Psychiatrie eine Option. Es gibt zudem noch zu wenige auf Suizidalität spezialisierte Behandlungseinrichtungen."

Fiedler empfiehlt Betroffenen, in jedem Fall über das Thema zu sprechen und sich professionelle Hilfe zu suchen. Das müsse nicht notwendigerweise ein Arzt oder Psychologe sein, der einfachste Schritt sei häufig ein Anruf bei der Telefonseelsorge, bei der Betroffene anonym bleiben können.



© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.