Mediziner im Simulator Untersuchung an der Kunststoffbrust

Üben am lebenden Objekt? Lieber nicht! Vermehrt lassen Universitäten ihre Studenten an Puppen und mit Schauspielern üben. Pflicht sind solche Kurse nicht überall - doch in der Weiterbildung für Ärzte bleiben sie eine Seltenheit.

LMU München

Dumm, wenn man der Erste ist: Der erste Patient, dem ein junger Arzt einen Venenkatheter legt. Oder die erste Patientin mit schweren Komplikationen, die ein Geburtshelfer im Kreißsaal erlebt. Niemand möchte der Erste sein, doch jeden Tag trifft es Menschen. Denn viele Handgriffe lernen Ärzte an Patienten. "Sie haben die Fertigkeiten nicht ausreichend im Studium geübt, sie wurden nicht auf Kompetenz geprüft, sie machen es einfach", sagt Marcus Rall vom Tübinger Patienten-Sicherheits und Simulations-Zentrum TüPASS.

Einen Vorwurf kann man den Ärzten kaum machen, denn meistens fehlt schlicht die Alternative. Das klassische Medizinstudium ist auf Wissenserwerb ausgelegt. Die Studenten pauken Fachbegriffe, Krankheitsbilder, Behandlungsoptionen. Erst seit rund zehn Jahren wird mehr Wert auf praktisches Üben gelegt. Wie die medizinischen Fakultäten das vermitteln - ob am Patienten oder in der Simulation - bleibt ihnen selbst überlassen.

Die Charité in Berlin hat sich früh für die Simulation entschieden: Vor einer Studentengruppe im Lernzentrum liegen Kunststoffbrüste. Die angehenden Mediziner tasten sie ab, drücken, fühlen. Dann schnallt sich eine Frau ein Brustmodell um und lässt die Studenten daran tasten und erklären, was sie tun. Die nächste Frau mit Plastikbrust ist 80 Jahre alt. Man sieht den Studenten an, dass es sie deutlich mehr Überwindung kostet, bei ihr die Brust zu untersuchen. Erst wenn die Studenten diese Hürde genommen haben, bekommen sie eine echte menschliche Brust in die Hand. Auch hier ist es nicht schlimm, wenn sie zögern, erneut fühlen, überlegen, stammeln. Alle Frauen sind Schauspielerinnen, die für die "Brustuntersuchung" engagiert wurden.

"Die Hürde für die Studierenden ist nicht die Brustuntersuchung selbst, sondern das Schamgefühl", sagt Wolf Blaum, Leiter des Lernzentrums an der Charité. Erst wenn die Studenten alle Schritte durchlaufen haben, untersuchen sie die Brust einer echten Patientin - und können dann, so die Hoffnung, besser auf die Frau eingehen, weil sie wissen, wie sie tasten müssen und ihr Schamgefühl im Griff haben.

Trainingspuppen können die Geburt simulieren

Das Berliner Lernzentrum ist ein Vorreiter. Es wurde 1999 als erstes Simulationszentrum in Deutschland gegründet. Inzwischen haben 38 von 43 medizinischen Fakultäten im deutschsprachigen Raum sogenannte Skills Labs. "Die fünf anderen bieten Simulation in einzelnen Fachabteilungen an", sagt Alexander Damanakis vom Universitätsklinikum Marburg, der seine Doktorarbeit über den Stand der Skills Labs schreibt.

Die Unterschiede zwischen den Einrichtungen sind gewaltig. "Es gibt Skills Labs, die nur aus einem Raum bestehen. Für jeden Kurs müssen die Simulatoren extra aufgebaut werden", sagt Damanakis. Andere Fakultäten haben ein eigenes Trainingszentrum. In Marburg beispielsweise können die Studenten in einem Operations- oder einem Intensivraum komplexe Abläufe an Simulationspuppen üben.

In manchen Trainingszentren müssen die angehenden Mediziner spezielle Kurse besuchen, in anderen dürfen sie selbständig üben, Blut abzunehmen oder Blasenkatheter zu legen. Kai Schnabel vom Institut für medizinische Lehre der Universität Bern findet das freie Üben wichtig: "Der Vorteil ist, dass die Studierenden so lange üben können, wie sie wollen, und unterschiedliche Methoden ausprobieren können." Die Hoffnung sei, dass es das lebenslange Lernen fördert, "weil die Studierenden gewohnt sind, selbständig zu arbeiten".

Im Lernzentrum der Charité können die Studenten alleine oder in einem der 48 Tutorien üben. Es gibt zum Beispiel Puppen, an denen sich Herz- und Lungengeräusche abhören lassen, und andere, mit denen der Geburtsvorgang nachgestellt wird. Die angehenden Mediziner müssen Simulationspatienten untersuchen, die aggressiv oder verschlossen sind. Und sie üben, schlechte Nachrichten zu überbringen. Wie sagt man einer Patientin schonend, dass sie Brustkrebs hat? "Der große Vorteil ist, dass sie das Gespräch jederzeit unterbrechen können, um in der Gruppe zu besprechen, was gerade nicht gut läuft", sagt Schnabel. Am Ende geben die Schauspieler Feedback.

Systematisches Simulationstraining in der Facharztausbildung gibt es kaum

In Berlin, Marburg und Bern zum Beispiel sind solche Kurse Pflicht. Einige andere Fakultäten bieten die Simulationen auf freiwilliger Basis an. "Die Prüfungen für das Staatsexamen sind nur für den kognitiven Teil standardisiert, aber nicht, was die Praxis angeht", sagt Schnabel. Das soll sich ändern. Die Gesellschaft für Medizinische Ausbildung hat einen Katalog mit praktischen Fertigkeiten erstellt, die Studenten am Ende ihres Studiums beherrschen sollen. Schnabel ist zuversichtlich, dass er im kommenden Jahr umgesetzt wird. "Wenn man möchte, dass angehende Ärzte bestimmte Fähigkeiten beherrschen, muss man das prüfen."

Deutlich schwieriger sieht es bei der Weiterbildung zum Facharzt aus. Denn die ist in Deutschland kaum strukturiert, sagt Schnabel. Wie die jungen Ärzte geschult werden, hängt maßgeblich von der Klinik ab, an der sie arbeiten. "Die meisten Fähigkeiten, die Ärzte lernen, lernen sie am lebenden Kassenpatienten", sagt Marcus Rall vom TüPASS. "Ein systematisches Simulationstraining in der Facharztausbildung gibt es fast nicht."

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Seite 1
Anna Konda 31.08.2012
1. Üben üben üben
Was mich an diesem Artikel stört ist der letzte Absatz. Was soll dieses Gehetze von wegen Kassenpatienten? Hier wird suggeriert, dass a) entweder Assistenzärzte nicht an Privatpatienten gelassen werden oder b) an Kassenpatienten geübt wird um der Übung willen. Und das stimmt einfach nicht. Wenn ein Patient eingeliefert wird und der Assistent nimmt ihn auf, da fragt erstmal keiner nach der Versicherung. Es gibt dringendere Probleme. Gelernt wird am lebenden Patienten. Logisch. Aber ob Kasse oder Privat ist völlig wurscht.
Anna Konda 31.08.2012
2. Üben üben üben
Was mich an diesem Artikel stört ist der letzte Absatz. Was soll dieses Gehetze von wegen Kassenpatienten? Hier wird suggeriert, dass a) entweder Assistenzärzte nicht an Privatpatienten gelassen werden oder b) an Kassenpatienten geübt wird um der Übung willen. Und das stimmt einfach nicht. Wenn ein Patient eingeliefert wird und der Assistent nimmt ihn auf, da fragt erstmal keiner nach der Versicherung. Es gibt dringendere Probleme. Gelernt wird am lebenden Patienten. Logisch. Aber ob Kasse oder Privat ist völlig wurscht.
elesha 31.08.2012
3. Vorbereiten ist immer gut -
- aber im Ernstfall kommt es dann doch ganz anders. Es ist sicherlich sinnvoll, die Bewegungsabläufe schon mal geübt zu haben, bevor man zum ersten Mal am Patienten einen Zugang legt oder eben eine Brust abtastet, und dafür sind Modelle ideal. Das Problem der Skills Labs ist aber, dass sie dazu verleiten, Studierenden weniger Kontakt zu Patienten zu ermöglichen. Jene müssen nämlich erstmal für Studentenkurse rekrutiert werden, und das ist für Ärzte oft langwierig und unangenehm. Außerdem haben viele Ärzte Angst, dass ihnen Patienten am Privatkliniken verloren gehen, wo sie nicht von Studierenden "traktiert" werden. So lernen angehende Mediziner eher Arzt spielen als Arzt sein, und es gibt Punktabzug, wenn man sich der Plastikpuppe nicht nametlich vorstellt. Dabei gehört Lehre an einer Uniklinik eben einfach dazu, und auch wenn man an einer Puppe viel lernen kann, lernt man am Patienten zehnmal mehr. Natürlich ist das nicht immer einfach, aber den meisten Patienten ist klar, dass neue Ärzte nicht vom Himmel fallen und ich habe viele erlebt, die mit sehr viel Geduld und Wohlwollen mitgemacht haben - und das ist für beide gut, für den Studierenden natürlich, aber auch für den Patienten, da Studierende in der Regel viel mehr Zeit für eine kleine Unterhaltung haben als Ärzte, und es außerdem vielleicht auch ein schönes Gefühl ist, einem jungen Menschen die Chance gegeben zu haben, etwas zu lernen.
amidelis 31.08.2012
4. matters a lot
Zitat von sysopLMU MünchenÜben am lebenden Objekt? Lieber nicht! Vermehrt lassen Universitäten ihre Studenten an Puppen und mit Schauspielern üben. Pflicht sind solche Kurse nicht überall - doch in der Weiterbildung für Ärzte bleiben sie eine Seltenheit. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,851622,00.html
Wir hatten / haben in Heidelberg eine Menge Skills Lab - und das war und ist und bleibt geil. Von dem was ich da gelernt habe profitiere ich heute noch. Und ehrlich - wenn ich mir die Studenten aus meiner hiesigen Uniklinik anschaue - und andere Kollegen - man merkt den Unterschied - !!! Leider weiß mein Chef das nicht zu würdigen :-D
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