Bei Allergien und Schimmel Die nützliche Seite der Silberfische

Schaden Silberfischchen der Gesundheit und in welchem Umfeld fühlen sie sich besonders wohl? Biologin Susanne Smolka erkärt, wie man die Ur-Insekten wieder loswird, aber auch wie Allergiker von ihrer Anwesenheit profitieren können.

Sehr anpassungsfähig: Silberfischchen fressen allerlei - auch Papier
Corbis/ Minden Pictures

Sehr anpassungsfähig: Silberfischchen fressen allerlei - auch Papier

Ein Interview von


Zur Person
  • Privat
    Susanne Smolka ist Diplom-Biologin und arbeitet beim Pestizid Aktions-Netzwerk e.V. (PAN Germany) in Hamburg. PAN Germany ist eine gemeinnützige Organisation, die über die negativen Folgen des Einsatzes von Pestiziden und Bioziden informiert und sich für umweltschonende, sozial gerechte Alternativen einsetzt.
  • Homepage Pestizid Aktions-Netzwerk e.V. (PAN)

SPIEGEL ONLINE: Frau Smolka, sind Silberfischchen gefährlich für die Gesundheit?

Smolka: Nein, es ist nicht bekannt, dass Silberfischchen Krankheitserreger übertragen. Aber sie können alte Bücher, Textilien und Lebensmittel befallen.

SPIEGEL ONLINE: Welche zum Beispiel?

Smolka: Ihren lateinischen Namen Lepisma saccharina haben sie nicht ohne Grund, sie mögen sehr gerne zucker- und stärkehaltige Lebensmittel. Ansonsten fressen sie allerlei: Hautschuppen, Tapetenkleister, pflanzliche Textilfasern und Schimmelpilze. Das ist übrigens auch ein nützlicher Hinweis, denn Silberfischchen können darauf hindeuten, dass man ein Problem mit Schimmel im Haus hat.

Noch eine nützliche Eigenschaft: Sie fressen Hausstaubmilben. Für Hausstaub-Allergiker, die auf den Kot der Milben reagieren, ist das von Vorteil.

SPIEGEL ONLINE: Die Milben leben ja bevorzugt in Matratzen und Bettwäsche. Heißt das, dass die Silberfischchen früher oder später dort landen?

Smolka: Silberfischchen im Bett sind selten und wahrscheinlich würden das die meisten Menschen nicht begrüßen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Lebensmittel von Silberfischchen befallen sind - muss ich sie dann unbedingt wegwerfen?

Smolka: Aus hygienischen Gründen würde ich das empfehlen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Silberfischchen ins Haus?

Smolka: Silberfischchen sind Ur-Insekten. Sie leben überall dort, wo es warm und feucht ist und es Nahrung gibt. Hier in Mitteleuropa ist es ihnen draußen zu kalt, daher leben sie nur in den Abwasserkanälen und Häusern. Es ist selten, dass man sie über Lebensmittel einträgt. Sie kommen über die Abwasserrohre und leben in der Bausubstanz.

SPIEGEL ONLINE: Wie pflanzen sie sich fort?

Smolka: Sie legen Eier und wachsen über mehrere Larvenstadien und Häutungen bis zu ihrer vollen Größe heran. Die Jungtiere sehen aus wie die adulten, nur kleiner.

SPIEGEL ONLINE: Wie alt werden Silberfischchen?

Smolka: Da gehen die Angaben durcheinander: zwischen zwei und acht Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Und wie werde ich sie wieder los?

Smolka: Kälte und Trockenheit machen ihnen zu schaffen. Wenn Sie befallene Objekte haben, beispielsweise Bücher, können Sie die, eingepackt in eine Plastiktüte, einige Tage ins Gefrierfach legen. Sie sollten auch zur Vorsorge zwei-, dreimal täglich stoßlüften, damit die Luftfeuchtigkeit rausgeht. Außerdem sitzen Silberfischchen hinter Fußleisten und Ritzen, bei Altbauten sollten Sie die abdichten. Silberfischchen können sich in Abflüsse von Waschbecken oder Dusche verstecken. Verschließen Sie diese über Nacht und lassen Sie regelmäßig heißes Wasser ablaufen.

SPIEGEL ONLINE: Was mache ich, wenn ich im Bad kein Fenster habe?

Smolka: Das ist schlecht, in der Regel gibt es mindestens eine Entlüftung, die Sie auch nutzen sollten. Lassen Sie außerdem die Tür offen, während Sie in den anderen Zimmern stoßlüften. Und hängen Sie auf keinen Fall Wäsche zum Trocknen im Bad auf.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt in Drogeriemärkten Silberfischchen-Fallen. Wie funktionieren die?

Smolka: Klebefallen locken die Tiere mit Sexuallockstoffen an. Dann gibt es Köderdosen und Insektensprays mit Insektengiften. Davon raten wir aber ab.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Smolka: Weil Insektengift nicht die Ursache des Befalls beseitigen kann und der Einsatz immer mit Risiken verbunden ist, besonders bei Sprays. Bei Köderdosen geht womöglich ein Kind dran oder das Haustier. Und wie stellen Sie sicher, dass die Dosen nach der Entsorgung nicht von Tieren gefressen werden?

SPIEGEL ONLINE: Welche Alternativen gibt es?

Smolka: Sie können die Tiere biologisch bekämpfen. Spinnen oder Ohrwürmer sind die natürlichen Feinde der Silberfischchen. Im Keller macht das Sinn, aber natürlich will man auch diese Tiere nicht so gerne im Wohnbereich haben. Sie können Fallen bauen: Legen Sie ein mit Zuckerwasser getränktes Haushaltspapier aus, am nächsten Morgen können Sie die gesammelten Tiere darauf aus dem Haus tragen. Eine weitere Möglichkeit ist Kieselgur, das ist feiner scharfkantiger Kalkstaub von mikroskopisch kleinen Plankton-Organismen. Der wirkt wie Scherben auf die Tiere, schlitzt ihren Außenpanzer auf, so dass sie austrocknen. Man muss ihn bei den Verstecken der Tiere platzieren. Allerdings müssen Sie damit vorsichtig sein, denn Kieselgur ist ein sehr feines Pulver und geht leicht in die Lunge. Sie dürfen ihn nicht einatmen und müssen mit Handschuhen und Mundschutz arbeiten. Eine erfolgreiche Anwendung bedarf Erfahrung. Wir raten daher, einen Schädlingsbekämpfer einzuschalten.

SPIEGEL ONLINE: Was mache ich bei starkem Silberfischchen-Befall?

Smolka: Sie müssen den Ursachen des Befalls auf den Grund gehen. Sinnvoll kann ein Bausachverständiger sein, der das Gebäude auf Feuchtigkeit und Schimmelbefall hin untersucht. Zur akuten Bekämpfung beauftragen Sie einen Schädlingsbekämpfer.

SPIEGEL ONLINE: Aber wird ein Schädlingsbekämpfer nicht auch mit Insektengift arbeiten?

Smolka: Nicht unbedingt. Er wird gezielt die Verstecke der Tiere aufspüren und die beste Strategie ermitteln. Und selbst wenn, ein Schädlingsbekämpfer hat gelernt, wie man mit Gift umgeht und ist verpflichtet, immer die risikoärmste Maßnahme auszuwählen. Eine Begehung und ein Beratungsgespräch sind sehr wichtig. Fragen Sie nach Sachkundeausweis und Erfahrung und bestehen Sie auf ein schriftliches Protokoll der Bekämpfungsmaßnahme.

insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
PeterPan95 26.11.2014
1.
Aha, eine für den Menschen ungefährliche, einfach zu verwendende Variante (Köderbox) wird abgelehnt, statt dessen soll man etwas verwenden, was man nicht einatmen darf. Und natürlich den Kammerjäger rufen. Alles klar. Wenn ich als Hausbesitzer nicht mal Silberfische selber bekämpfen würde, wäre ich schnell pleite. Am besten auch Spinnennetze nicht einfach entfernen, schließlich könnten das Hinterlassenschaften von seltenen giftigen Spinnen sein, also auch da Kammerjäger. Und den Maulwurfshügel im Garten nicht einfach platt treten, sondern den Zoologen für die Umsiedlung und den Landschaftsgärtner für die Rasenpflege kommen lassen. Ja nee, is klar. Bei aller Vorliebe für biologische Mittel, aber "sozial gerecht" heißt nicht nur Tierfreundlich, sondern auch menschenfreundlich, auch finanziell gesehen. Was ist außerdem besser daran, die Tiere auf zu schlitzen und austrocknen zu lassen anstatt sie zu vergiften? Sind die Tiere dann weniger tot?
Meconopsis 26.11.2014
2. Harmlos
Das sind absolut harmlose Tiere vor denen man sich kein bischen ekeln sollte. Für mich sind es Mitbewohner, die mich, wenn sie nicht in Massen auftreten, eher erfreuen, als stören. Warum in diesem Artikel so sehr auf die Bekämpfung eingegangen wird, kann ich nicht verstehen.
Greggi 26.11.2014
3. Na ja ...
Wenn ich lese "Allerdings müssen Sie damit vorsichtig sein, denn Kieselgur ist ein sehr feines Pulver und geht leicht in die Lunge. Sie dürfen ihn nicht einatmen und müssen mit Handschuhen und Mundschutz arbeiten. Eine erfolgreiche Anwendung bedarf Erfahrung. Wir raten daher, einen Schädlingsbekämpfer einzuschalten" komme ich ins Grübeln. Dann lieber ein Silberfischchen-Dose aus dem Drogeriemarkt (das gemäß der Dame eventuell von Haustieren gefressen werden kann ...). Irgendwie: ***kopfkratz*** Nach meiner Beobachtung ist das eigentliche Problem Wärme, Feuchtigkeit und Mauerspalten in Bädern. Die Mauerspalten kommen daher, weil fast kein Fliesenleger sogenannte Moosgummis/Fugengummis, insbesondere am Wand-/Bodenabschluss verwendet. Deshalb entstehen dort bevorzugt (Setz)Risse in der Silikonabdichtung, die nicht sein müssten. Dort verstecken sich sehr gerne die Silberfischchen. Zweites Versteck sind auch die Hohlräume unter Duschen/Badewannen. Hier einfach die Revisionsklappen öffnen und die Silberfischchen-Dosen reinstellen - fertig. Und ganz zum Schluss: Alle Boden-/Wandsilikonabdichtungen entfernen, Fugengummis dahinter, Silikon drauf und gut is.
berufskonsument 27.11.2014
4.
Ich habe da einen ganz heißen Tipp, wie man vermeiden kann, dass Köderdosen von irgendwelchen Tieren gefressen werden: Ordnungsgemäß entsorgen! Hausmüll wird verbrannt. Wobei ich sagen muss: Wenn ein Tier eine voluminöse Plastikdose ohne Nährwert oder Geschmack frisst, dann hat es das auch irgendwie nicht anders verdient.
Newspeak 27.11.2014
5. ...
Zitat von MeconopsisDas sind absolut harmlose Tiere vor denen man sich kein bischen ekeln sollte. Für mich sind es Mitbewohner, die mich, wenn sie nicht in Massen auftreten, eher erfreuen, als stören. Warum in diesem Artikel so sehr auf die Bekämpfung eingegangen wird, kann ich nicht verstehen.
Geht mir genauso. Worüber redet man denn im Normalfall? Eine Handvoll Tiere, die man sieht, die nichts kaputtmachen. Ich habe noch nie einen Massenbefall erlebt und auch noch nie Silberfische in Nahrungsmitteln gefunden. Ich freue mich, wenn ich sie sehe. Weil sie lebende Urzeittiere sind, welche die Erde lange vor und noch lange nach dem Menschen bevölkern. Weil sie quirlig sind und dazu so elegant. Weil man Demut und Respekt für die Schöpfungskraft des Lebens empfinden kann. Letzteres ist natürlich selten geworden in einem Land, in dem man nicht nur Silberfische verachtet.
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