Transparenzkodex Die wichtigsten Fragen und Antworten

Tausende Ärzte haben zugestimmt, dass Pharmafirmen ihre Zahlungen an sie offenlegen. Wer war der Bestverdiener unter ihnen? Welcher Konzern investierte am meisten? Wo sind Schlupflöcher? Die Antworten im FAQ.

Arzt mit Stethoskop
DPA

Arzt mit Stethoskop

Von und (Daten und Grafiken)


Ärzte sollten Entscheidungen auf der Grundlage von medizinischem Fachwissen treffen. Lassen sie sich von Pharmaunternehmen Honorare für Vorträge oder Reisekosten zahlen, ist diese Unabhängigkeit in Gefahr.

54 Pharmaunternehmen haben sich nun verpflichtet, einen Teil der Zahlungen an Ärzte im Detail offenzulegen. Gemeinsam mit dem Recherchezentrum "Correctiv" hat SPIEGEL ONLINE die Daten zusammengetragen und ausgewertet. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Ergebnissen.

Welche Firmen haben ihre Daten preisgegeben und warum?

Beim Transparenzkodex handelt es sich um eine Eigeninitiative des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (VfA) und des Vereins Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie (FSA). Die teilnehmenden Unternehmen decken nach eigenen Angaben 75 Prozent des deutschen Pharmamarkts für verschreibungspflichtige Medikamente ab. Ziel des Projekts sei, ein wachsendes Verständnis für die Zusammenarbeit von Ärzten und Unternehmen zu schaffen, erklärte der VfA.

Wie transparent ist der Kodex wirklich?

Noch bietet er zu viele Schlupflöcher. So mussten zwar alle teilnehmenden Unternehmen ihre Zahlungen an Ärzte offenlegen. Die Namen der Mediziner aber nannten sie nur, wenn diese der Veröffentlichung zugestimmt hatten. Grund dafür sei der Datenschutz, erklärten die Unternehmen. Stimmten Ärzte nicht zu, wurden ihre Daten zusammengefasst und anonymisiert veröffentlicht.

Wie viele Mediziner haben der Veröffentlichung ihrer Daten zugestimmt?

Mehr als 71.000 Mediziner erhielten den Daten zufolge Zahlungen von Pharmaunternehmen. Davon stimmten 29 Prozent der Veröffentlichung ihres Namens zu, immerhin rund 20.000 Mediziner. Die Daten erlauben somit einen Einblick in finanzielle Verbindungen von Ärzten und Industrie, den es in Deutschland so noch nie gab.

Offengelegt wurden die Zahlungen an Ärzte, Apotheker und Angehörige medizinischer oder pharmazeutischer Heilberufe - zusammengefasst als "Angehörige der Fachkreise". Ob es sich bei einem Empfänger um einen praktizierenden Arzt handelt, geht aus den Veröffentlichungen der Pharmaunternehmen nicht hervor. Jedoch ist der überwiegende Teil der Personen als Doktor der Medizin verzeichnet. Stichproben lassen zudem darauf schließen, dass viele weitere Ärzte ohne Angabe ihres Doktorgrades in den Veröffentlichungen aufgelistet sind.

Wie viel Geld erhalten Deutschlands Ärzte von der Industrie?

Den Angaben zufolge investierten die 54 Unternehmen 2015 rund 119 Millionen Euro in Honorare für Mediziner und andere Fachkreisangehörige wie Apotheker für Fortbildungen, Beratungen und Dienstleistungen. Im Schnitt erhielt jeder der über 71.000 Ärzte allein 1600 Euro.

Die Spannweite war enorm: Der am besten bezahlte Mediziner, ein renommierter Neurologe, erhielt mehr als 200.000 Euro. Der Arzt mit dem geringsten Beitrag, ein Chefarzt aus einer Reha-Klinik, rechnete 2,10 Euro Reisekosten ab.

Erfassen diese Angaben wirklich alle Zahlungen der Industrie an Ärzte?

Nein, einen sehr großen und wichtigen Block haben die Organisatoren des Transparenz-Kodex ausgelassen: Honorare für die Durchführung von Anwendungsbeobachtungen und Studien für neue Medikamente. Statt auch diese Zahlungen aufzuschlüsseln, veröffentlichten die Firmen nur die Summe: 366 Millionen haben sie Ärzten und Institutionen für Forschungs- und Entwicklungsarbeit bezahlt. Welcher Anteil davon nur an Ärzte ging, ist nicht bekannt. Auch hier fehlt es noch an Transparenz.

Wofür zahlten die Unternehmen Ärzten sonst das Geld?

Der Transparenzkodex unterscheidet bei den offengelegten Zahlungen zwischen fünf Kategorien:

  • Die Übernahme von Reise- und Übernachtungskosten rund um Fortbildungsveranstaltungen. Den namentlich genannten Spitzenreiter in dieser Kategorie - den Urologen und Oberarzt Peter-Jürgen Goebell - unterstützten die Unternehmen 2015 mit Reisekosten im Wert von 25.357 Euro.
  • Die Zahlung von Tagungs- und Teilnahmegebühren für Fortbildungen. Hier erhielt die mit der Veröffentlichung einverstandene Spitzenreiterin, die selbstständige Münchner Gynäkologin Celia Oldenbüttel, im Jahr 2015 knapp 3600 Euro.
  • Bei Sponsoringverträgen finanzieren Firmen die Vorbereitung, Ausrichtung oder Durchführung von Fortbildungsveranstaltungen. Der namentlich genannte Spitzenreiter in dieser Kategorie, der Münchner Dermatologe Matthias Volkenandt, erhielt 15.000 Euro.
  • Neben den Kosten für Fortbildungen bilden Honorare für Beratungen und Dienstleistungen den zweiten großen Block bei den offengelegten, finanziellen Verbindungen. Der Höchstverdiener in dieser Kategorie war der Essener Neurologe Hans Christoph Diener, der auch insgesamt die meisten Zahlungen erhielt. Allein für Beratungen und Dienstleistungen erhielt er 134.078 Euro.
  • Der letzte Punkt umfasst die Erstattung von Auslagen, die mit Beratungen oder Dienstleistungen zusammenhängen. Auch in dieser schwer fassbaren Kategorie erhielt Diener mit 50.820 Euro die höchste Summe.

Welche der Firmen zahlen Ärzten am meisten?

Wie finde ich heraus, ob mein Arzt Zahlungen von Pharmaunternehmen erhalten hat?

Der Transparenzkodex sieht vor, dass jedes der 54 Unternehmen eine eigene Liste mit einem Überblick der Zahlungen auf seiner Homepage veröffentlicht (einen Teil der Listen finden Sie hier). Einen Überblick können Patienten so kaum gewinnen. Um die Suche nach dem eigenen Arzt zu vereinfachen, haben "Correctiv" und SPIEGEL ONLINE die Angaben der Pharmaunternehmen in einer Datenbank zusammengetragen und visualisiert.

Bei der Suche sollte immer im Hinterkopf behalten werden, dass die veröffentlichten Daten nicht vollständig sind. Taucht ein Arzt nicht auf, bedeutet das nicht automatisch, dass er keine finanziellen Verbindungen hat.

Euros für Ärzte

Was bedeutet es, wenn ein Arzt Geld von einem Pharmaunternehmen erhalten hat?

Jede finanzielle Verbindung von Ärzten zur Industrie birgt die Gefahr, dass die Mediziner nicht mehr unvoreingenommen urteilen können. Werden Mediziner gefragt, ob die Zusammenarbeit einen Einfluss auf ihr professionelles Urteilsvermögen habe, antworten sie zwar meistens mit nein. Mehrere Untersuchungen konnten jedoch zeigen, wie die Verbindungen das professionelle Urteilsvermögen beeinflussen können.

Ein Beispiel dafür ist die Diskussion um das Diabetesmedikament Rosiglitazon. Eine Studie hatte darauf hingewiesen, dass das Medikament das Risiko für Herzinfarkte deutlich erhöht. Trotzdem setzten sich mehrere Mediziner weiter für das Mittel ein und hielten das Risiko für Nebenwirkungen für vertretbar. Eine Auswertung aus dem Jahr 2010 kam zum Schluss, dass diese Ärzte deutlich häufiger Zahlungen des Rosiglitazon-Herstellers erhalten hatten. In Deutschland ist der Einsatz des Medikaments mittlerweile verboten.

Trotzdem gilt grundsätzlich, dass sich ein Interessenkonflikt auf die Urteilskraft eines Mediziners auswirken kann - es aber nicht muss. Er beschreibt immer nur die Gefahr. Das macht ihn auch so schwer greifbar.

Warum gehen Ärzte trotz der bekannten Risiken Verbindungen mit der Industrie ein?

Das Risiko ist nur ein Teil, der bei der Bewertung finanzieller Interessenkonflikte eine Rolle spielen sollte. Der andere Teil ist der Nutzen, den die Gesellschaft aus den Verbindungen ziehen könnte. Hierbei gibt es große Unterschiede. So sind Pharmafirmen bei der Entwicklung und den Tests neuer Wirkstoffe oft auf die Unterstützung und Beratung praktizierender Ärzte angewiesen. Im Zweifel überwiegt hier der Nutzen, den Patienten daraus ziehen, das Risiko.

Deutlich fragwürdiger sind zum Beispiel sogenannte Anwendungsbeobachtungen, die erst nach der Markteinführung eines Medikaments durchgeführt werden. Dabei verschreiben Mediziner ihren Patienten das Mittel und beantworten anschließend Fragen, etwa zur Verträglichkeit. Kritiker sehen darin eine Möglichkeit, Mediziner versteckt für die Verschreibungen zu bezahlen. Ebenfalls diskussionswürdig ist, ob Pharmaunternehmen für die Fortbildung von Ärzten aufkommen sollten.

Wer als Patient Bedenken hat, sollte seinen Arzt am besten darauf ansprechen.


Mitarbeit: Hristio Boytchev, Markus Grill, Christoph Henrichs, Simon Jockers, Philipp Seibt, Patrick Stotz, Achim Tack, Stefan Wehrmeyer

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