Mythos oder Medizin: Brauchen Wunden Luft oder Pflaster?

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Aufgeschlagene Knie oder blutige Ellbogen teilen Eltern auf dem Spielplatz in zwei Lager: Die Pflaster-Verfechter und die Anhänger der "Wunden brauchen frische Luft"-Theorie. Wer hat recht?

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Corbis

Mama, Papa, aua: Sind Pflaster eine gute Wahl?

Knie, Kinn und Ellbogen lesen sich bei vielen wie ein Tagebuch ihrer Kindheit. Narben erzählen vom Rollschuhfahren, bei dem das Kinder-Ich einfach nicht akzeptieren konnte, dass der große Bruder schneller war. Vom Klettern auf dem Kirschbaum, bei dem die süßen Kirschen nicht nur verwurmt waren, sondern einfach zu weit oben hingen. Von der schmerzhaften Rangelei auf dem Ascheplatz.

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Während das Betrachten der Spuren bei Erwachsenen nostalgische Gefühle weckt, war ihre Errungenschaft viele Jahre zuvor mit großem Stress verbunden - vor allem für die Eltern. Was tun, damit die Wunde möglichst schnell und sauber verheilt? Geht das besser mit Pflaster oder ohne?

Die Antwort darauf ist komplex und einfach zugleich. Zwar hält sich seit Jahrzehnten der Mythos, dass Wunden an der Luft besser heilen können als unter einem Pflaster. Medizinisch-wissenschaftlich gesehen ist allerdings genau das Gegenteil der Fall. Um das zu verstehen, ist ein genauerer Blick auf die Prozesse bei der Wundheilung nötig.

Kruste wirkt wie ein Gewächshaus

Bei Schürfwunden werden die oberen Hautschichten verletzt, die sonst eine Barriere gegen Krankheitserreger bilden. Schon Minuten nachdem sich ein Mensch seine Haut aufgerissen hat, beginnt die Heilung. Der Körper lässt das Blut gerinnen und bildet Wundsekret, die Wunde nässt - aus gutem Grund. Das Sekret ermöglicht die Versorgung und Abfallwirtschaft der Wunde. Neben Nähr- und Botenstoffen oder Antikörpern, die es in die Wunde transportiert, trägt es auch Bakterien und abgestorbene Zellteile nach außen.

Fehlt ein Pflaster, trocknet die Oberfläche der Wunde schnell aus, während sich darunter noch feuchtes Wundsekret befindet. Dieses kann nicht mehr fließen, die Heilung stockt und mit ihr auch die Abfallwirtschaft. "Unter der trockenen Schicht befindet sich dann eine Schicht aus Bakterien, Schmutz und abgestorbenem Gewebe, die nicht mehr abtransportiert wird", sagt Thomas Horn, Oberarzt an der Klinik für Dermatologie der Helios Klinik Krefeld. "Man kann sich die Wirkung der Kruste ähnlich vorstellen wie die eines Gewächshauses." Bedeckt man hingegen die Wunde mit einem Pflaster und wechselt dieses regelmäßig, nimmt man immer wieder die obere Sekretschicht mit allem, was sich darin befindet, weg - und damit den Abfall des Körpers.

Horn empfiehlt deshalb, einfache Schürfwunden - vorausgesetzt, sie haben aufgehört zu bluten - zu desinfizieren und mit einem normalen Pflaster zu verschließen. "Ein wenig Jodsalbe oder Ähnliches auf dem Pflaster kann verhindern, dass es kleben bleibt und beim Abziehen schmerzt", sagt Horn. Erst wenn die Wunde keine Feuchtigkeit mehr abgibt, ist das Pflaster überflüssig. Dann wirkt die Luft sogar positiv und unterstützt die endgültige Abheilung der Wunde.

Viel schnellere Heilung unter Frischhaltefolie

"Wunden wurden über die Jahrhunderte hinweg immer eher feucht behandelt, historische Dokumente belegen Behandlungen mit Honig, Öl und Weinumschlägen", erzählt Horn. Im 20. Jahrhundert allerdings habe man die Theorie entwickelt, dass trockene Wunden Bakterien zum Absterben bringen, und auf feuchte Verbände verzichtet. Bis 1962, damals entdeckte der Mediziner George Winter die Vorzüge der feuchten Wundheilung neu.

Winter stellte fest, dass Wunden unter einer Polyurethanfolie - ähnlich einer haushaltsüblichen Frischhaltefolie - schneller abheilen. Heute werden vor allem chronische Wunden, deren Heilung nur verzögert eintritt, mit Hilfe spezieller Verbände gezielt feucht gehalten. Bei kleinen "Bagatellwunden", wie sie Horn nennt, reiche aber auch ein einfaches, herkömmliches Pflaster aus. Den Rest erledigt der Körper von alleine.

Kritisch sieht Horn hingegen alle Bisswunden oder Verletzungen mit Glassplittern. Auch bei allen anderen Verletzungen, bei denen Fremdkörper tief in die Wunde gelangt sein könnten (etwa ein Sturz auf der Aschebahn), empfiehlt der Dermatologe den Gang zum Arzt. "Dann sollte das Motto lauten 'nicht zögern, sondern eilen'", sagt der Dermatologe. "Am Anfang steckt der Dreck noch nicht richtig fest drin, nach 24 Stunden aber ist er nur noch schwer zu entfernen."

Fazit: Sobald eine Schürfwunde aufgehört hat zu bluten, sollte sie mit einem Pflaster verschlossen werden. Der Verband hält die Wunde feucht und unterstützt sie so beim Abheilen. Sobald die Wunde trotz Pflaster kein Sekret mehr abgibt, hilft Luft bei der weiteren Heilung.

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Zur Autorin
  • Jeannette Corbeau
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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