Kampf gegen Pharmakonzern Hilfsorganisationen wollen Patent auf 1000-Dollar-Pille kippen

Ein Medikament könnte Hunderttausenden das Leben retten, ist aber viel zu teuer. Ärzte ohne Grenzen will nun vor dem Europäischen Patentamt das Monopol des Herstellers auf das Hepatitis-C-Mittel Sovaldi anfechten.

Das Pharmaunternehmen Gilead stellt das Hepatitis-C-Medikament her
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Das Pharmaunternehmen Gilead stellt das Hepatitis-C-Medikament her


Die Organisationen Ärzte ohne Grenzen und Ärzte der Welt haben vor dem Europäischen Patentamt in München Einspruch eingelegt gegen ein Patent auf den Wirkstoff Sofosbuvir (Markenname Sovaldi), das der US-Pharmakonzern Gilead hält. Die Arznei, die seit 2013 auf dem Markt ist, heilt sehr zuverlässig eine Hepatitis C. Unbehandelt löst die Infektionskrankheit schwere Leberschäden aus. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben daran jedes Jahr 399.000 Menschen.

Nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen könnten 90 Prozent der Hepatitis-C-Patienten, die mit Sofosbuvir behandelt werden, in zwölf Wochen geheilt werden. Doch die Arznei ist so teuer, dass sie als 1000-Dollar-Pille in die Geschichte einging. Regierungen und Anbieter seien dadurch "in vielen Ländern gezwungen, den Zugang zu dem Medikament zu beschränken und nur für Menschen mit fortgeschrittenen Formen von Hepatitis C zu gewähren", schreibt Ärzte der Welt in einer Pressemitteilung.

52 Euro statt 43.000 Euro

In Europa verlangt Gilead nach Angaben der Organisation für eine zwölfwöchige Therapie bis zu 43.000 Euro. In Ländern, in denen Sofosbuvir nicht von Patenten geschützt ist, koste die Behandlung dagegen dank des Wettbewerbs nur rund 52 Euro.

Durch das europäische Patent hat Gilead aber eine Monopolstellung und kann hohe Preise für den Wirkstoff bestimmen. Ein Sprecher des Europäischen Patentamts betonte, dass es in der Verhandlung nicht um eine politische Dimension der Debatte gehe, sondern nur darum, ob das Patent aus rein technischer Sicht zu Recht vergeben wurde. Am Donnerstag und Freitag soll in München verhandelt werden, für Donnerstag sind außerdem Proteste mit weiteren Organisationen vor dem Patentamt geplant.

Nach Angaben der WHO sind weltweit rund 71 Millionen Menschen mit Hepatitis C infiziert. Im europäischen Raum sind es 15 Millionen Menschen, etwa 112.500 Erkrankte sterben jedes Jahr an Folgeerkrankungen wie Leberkrebs oder Leberzirrhose.

hei/dpa

insgesamt 31 Beiträge
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schlumz 11.09.2018
1. Allgemeinwohl
Allgemeinwohl geht vor Eigenwohl. Auch wenn da ein ganzer Konzern mit mit Kosten für Forschung etc dran hängt hat es doch einen Eigenwohlcharakter.
The Restless 11.09.2018
2. Man braucht eine unabhängige Instanz
Falls es sich um ein neues Medikament handelt, dann war dessen Entwicklung teuer. Die Firma sollte also eine Möglichkeit haben, dieses Medikament patentieren und schützen zu lassen. Allerdings geht in solchen Fällen der Kapitalismus oft eigene Wege und die Preise, geschützt hinter der Monopolstellung, durch die Decke. In Europa führt das zu extremen Gesundheitskosten, in weniger reichen Ländern zum Tod. Was wir brauchen ist eine unabhängige Instanz, die den Marktwert solch einer Pille bewertet, denn die Monopolstellung setzt halt die sonst wirksamen Regulierungsmechanismen außer Kraft. Es muss sicher gestellt werden, dass die Firma Einnahmen hat, die die Ausgaben mehr als kompensieren, die aber auch keine obszönen Milliardenerträge auf dem Rücken der Kranken erwirtschaften.
ollifast 11.09.2018
3. Zwangslizenz
Der Ansatz, das Patent zu kippen, ist falsch, weil es dabei nur um Neuheit, Erfindungshöhe und gewerblichen Nutzen geht. Das Patentamt ist eine Behörde und kein Parlament. Der auch im Gesetz vorgesehene - Paragraf 24 PatG - Hebel ist die Zwangslizenz, die erteilt werden kann, wenn: "der Lizenzsucher sich innerhalb eines angemessenen Zeitraumes erfolglos bemüht hat, vom Patentinhaber die Zustimmung zu erhalten, die Erfindung zu angemessenen geschäftsüblichen Bedingungen zu benutzen, und das öffentliche Interesse die Erteilung einer Zwangslizenz gebietet." Der Punkt sind die angemessenen Bedingungen, der BGH hat durchaus schon eine Zwangslizenz für ein AIDS Medikament gebilligt. Hier gilt es anzusetzen, das könnte gegeben sein. Allerdings löst die Zwangslizenz noch nicht die Thematik, dass irgendwer den Wirkstoff dann auch herstellen muss - eben der Nachfrager der Zwangslizenz - und das ist oftmals nicht so einfach, wie es scheint. Im vorliegenden Fall geht es um den Wirkstoff mit dem freundlichen unkomplizierten Namen "Isopropyl-(2S)-2-({[(2R,3R,4R,5R)-5-(2,4-dioxopyrimidin-1-yl)-4-fluor-3-hydroxy-4-methyl-tetrahydrofuran-2-yl]methoxy-phenoxy-phosphoryl}amino)propanoat" und den bastelt man nicht mal eben hochrein zusammen. Aber klar ist: Es braucht unbedingt eine andere Regelung für Medikamentenpreise, die einerseits fair die Entwicklungskosten, andererseits aber auch fair das öffentliche Interesse an der Gesundheit berücksichtigt.
MatthiasPetersbach 11.09.2018
4. Bescheuert
Pille herstellen, massenweise. Ohne "Patent". Einfach so. Wer was dagegen hat soll klagen, Krieg führen. Gerne. Entwicklungszeit mal 40 Euro die Stunde - damit sollte JEDE Leistung auf unserem Planeten abgegolten sein. Das kann man bezahlen - und gut ist. Über die Entwicklungskosten hinaus sind Patente sind nur Geld für Minderleister. Das ist ne Mode, ohne Ware/Risiko/Leistung Geld und Einkommen für Vollpfosten und Loser zu kreieren. Ohne uns. Pech gehabt.
MatthiasPetersbach 11.09.2018
5.
Zitat von schlumzAllgemeinwohl geht vor Eigenwohl. Auch wenn da ein ganzer Konzern mit mit Kosten für Forschung etc dran hängt hat es doch einen Eigenwohlcharakter.
Nun ja, was diese Konzerne in "Forschung" investieren, dürfte die Kosten der Portokasse oder die der Presseabteilung nur wenig überschreiten. Da muß man sich nix vormachen.
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