Unnütze Analysen Ärzte warnen vor Speicheltest auf Hormone

Depressionen, Wechseljahre, Erektionsstörungen - Speicheltests können angeblich exakt Auskunft geben, welche Hormone verrücktspielen. Labore versprechen dem Verbraucher nach dem Ergebnis eine passende Therapie. Doch Fachärzte warnen: Die meisten Analysen sind unnütz.

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Laboruntersuchung: Für Hormonbestimmungen im Speichel fehlen verlässliche Referenzwerte
Corbis

Laboruntersuchung: Für Hormonbestimmungen im Speichel fehlen verlässliche Referenzwerte


"Wechseljahrsbeschwerden durch einen Hormontest lindern." Mit diesem Versprechen wirbt ein Labor auf einer redaktionell anmutenden Werbefläche im Internet. Der Leser soll davon überzeugt werden, seinen Hormonspiegel über den Speichel bestimmen zu lassen. Einige Ärzte und Heilpraktiker nutzen die Tests bereits bei den unterschiedlichsten Beschwerden als Grundlage für Hormonbehandlungen. Was sie ihren Patienten verschweigen: Die Methode ist hoch umstritten.

"In der Diagnostik sind Hormonspeicheltests bisher nur sehr begrenzt und mit viel Hintergrundwissen einsetzbar", sagt Christof Schöfl, Leiter der Endokrinologie und Diabetologie am Uniklinikum Erlangen und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Der Grund: Es fehlten verlässliche Referenzwerte, sagt Schöfl. Das mache es nahezu unmöglich, Testergebnisse zu interpretieren und darauf eine Behandlung aufzubauen.

"Hormonspeicheltests sind aber nicht an und für sich Unsinn", meint Schöfl. Tatsächlich haben sie einen entscheidenden Vorteil: Im Gegensatz zum Blut werden über den Speichel nur sogenannte freie Hormone gemessen, also solche, die der Körper direkt nutzen kann und die nicht etwa zum Transport an andere Stoffe gebunden sind. Die Labore werben deshalb mit der Genauigkeit der Speicheltests. "Im Blut werden auch die gebundenen Hormone erfasst", erklärt Sabine Bischoff, Geschäftsführerin eines Analyselabors, das Speicheltests anbietet. "Diese Methode ist im Grunde also nicht ganz sauber."

Nachhilfe für Hausärzte

Neben Tests bei Wechseljahrsbeschwerden bieten die Labore unter anderem Untersuchungssets bei Pickeln oder Haarausfall, Erektionsstörungen, Übergewicht, Depressionen und Demenz an. Für 100 bis 300 Euro bekommt man Teströhrchen samt Anleitung nach Hause geschickt. "Es gibt immer weniger Fachärzte für Hormone in Deutschland", sagt Bischoff. "Und Allgemeinmediziner sind mit dem Thema oft überfordert." Mit ihrem Angebot will Bischoff gegensteuern: Damit auch Hausärzte Hormonstörungen zuverlässig behandeln können, schicke das Labor den Befund der Speicheltests mit einer ausführlichen Stellungnahme und Therapiehinweisen per E-Mail an die Patienten oder den Hausarzt.

"Es kommt vor, dass Ärzte oder Heilpraktiker Wochenendschulungen zu Hormonstörungen besuchen und ihr neues Wissen, das man hier mit Recht Halbwissen nennen darf, dann an Patienten testen", erzählt auch Schöfl. Hormonspeicheltests mit Behandlungsanleitung hält er aber für die falsche Gegenmaßnahme. Auch der Biologe Michael Gröschl schreibt in einem Übersichtsartikel von 2008: "Wenn Patienten ihrem Facharzt die Ergebnisse von Hormonspeicheltests vorlegen und feststellen, dass diese praktisch wertlos sind, sind sie meist überrascht." Erfahrene Endokrinologen greifen nur bei wenigen Krankheitsbildern zu Hormonspeicheltests (siehe Kasten).

DIESE HORMONSPEICHELTESTS SIND SINNVOLL
In der Praxis haben sich bisher nur wenige Hormonspeicheltests etabliert. Einer davon wird zur Erstdiagnose des sogenannten Cushing-Syndroms von der Endocrine Society empfohlen. Das Krankheitsbild zeichnet sich durch einen erhöhten Wert des Stresshormons Cortisol aus. Dabei vermehrt sich das Fettgewebe am Rumpf, im Nacken und im Gesicht, während Arme und Beine durch schwindende Muskeln ausdünnen. Hinzu kommen Probleme wie Wassereinlagerungen, Hautprobleme, erhöhter Blutdruck. Weil sich der Cortisol-Wert über den Tag verändert, muss er bei Verdacht oft auch um Mitternacht bestimmt werden. "Der Speicheltest bietet hier den Vorteil, dass der Patient zu Hause die Speichelprobe gewinnen kann und kein Arzt für die Blutentnahme erforderlich ist", sagt Christof Schöfl, Leiter der Endokrinologie und Diabetologie am Uniklinikum Erlangen.

Auch bei der Behandlung des seltenen Adrenogenitalen Syndroms bei Kindern kommen Hormonspeicheltests ergänzend zum Einsatz. "Weil Nadeln bei den Kleinen oft besonders großen Stress auslösen, kann der Speicheltest eine Hilfe sein", sagt Schöfl. Die dem Syndrom zugrundeliegende Stoffwechselkrankheit äußert sich unter anderem durch einen niedrigen Cortisol-Wert. Zur Kontrolle der Therapie seien gelegentlich aber auch Blut- und Urintests nötig, sagt Schöfl.

Entscheidend sind die Symptome

Trotz Gegenwehr der Labore rät auch die größte endokrinologische Gesellschaft The Endocrine Society von Hormonspeicheltests ab: "Es gibt keine publizierten Studien in serösen Fachzeitschriften, die zeigen, dass Hormonspeicheltests eine sichere Grundlage für eine effektive Ersatztherapie bieten", schreiben die Fachärzte in einem Statement.

Besonders skurril erscheint das Angebot für Hormonspeicheltests im Zusammenhang mit Wechseljahrsbeschwerden. "Soweit ich weiß, beziehen sich die meisten Testkits auf diesen Bereich", sagt Cynthia Stuenkel, Endokrinologin an der University of California. Jedoch solle die Hormontherapie in den Wechseljahren grundsätzlich nicht auf der Grundlage von Hormonanalysen stattfinden. Entscheidend seien die Symptome der Betroffenen. Die Dosis der Ersatzhormone solle so gering wie möglich gehalten werden.

Paradies für Quacksalber

Dass manche Schulmediziner Hormonspeicheltests empfehlen, kann Schöfl sich nur so erklären, dass sie von einer Vermittlung profitieren. Tatsächlich scheint es in der Branche Verstrickungen zu geben: "Es gibt Mediziner, die erwarten, dass wir sie für die Vermittlung der Hormonspeicheltests bezahlen", berichtet Bischoff. "Offenbar gibt es Labore, die den Ärzten Geld bieten." In Erlangen hat sich zudem eine angeblich unabhängige Hormonselbsthilfegruppe gegründet, die nicht als Verein eingetragen ist. Ihre Leiterin fungiert zugleich als Geschäftsführerin einer Dienstleistungsfirma, die mit einem Testlabor für Hormonspeicheltests zusammenarbeitet. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklärt sie, die Selbsthilfe so auf von der Pharmaindustrie finanziell unabhängige Beine gestellt zu haben.

Schöfl rät, bei Beschwerden immer zum Arzt zu gehen. "Es kann schließlich auch sein, dass die Symptome eine ganz andere Ursache als fehlgesteuerte Hormone haben." Scheine eine Hormonstörung wahrscheinlich, solle man sich in jedem Fall an einen Facharzt wenden. Nicht jeder abweichende Wert sei krankhaft oder müsse behandelt werden. "Viele Patienten haben lange Leidenszeiten hinter sich und sind verzweifelt", sagt Schöfl. "Das öffnet der Quacksalberei Tür und Tor."

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Seite 1
analyse 02.11.2013
1. Danke für die Hinweise !
Ach gäbe es doch auch fachlich begründete Warnungen vor medialen Empörungswellen im politischen Bereich,die sogar ohne jeden Test und Verstand über die Bevölkerung ausgeschüttet werden mit schädlichen Nebenwirkungen !
zaphod1965 02.11.2013
2. Und viele Ärzte
sind für die langen Leidenswege der Patienten mit Hormonstörungen verantwortlich, weil die Betroffenen statt eine Behandlung zu erfahren in die Psychosomatik abgeschoben werden. Anderen werden selbst vom Facharzt Diagnose und Behandlung verweigert und damit vermeintlich Kosten gespart. Der Grundaussage des Artikels stimme ich zu. Die Speicheltests sind Augenwischerei und Hormontests gehören in die Hände von ausgewiesenen Fachleuten.
tanmenu 02.11.2013
3. Wenn Äzte wanen
Zitat von sysopCorbisDepressionen, Wechseljahre, Erektionsstörungen - Speicheltests können angeblich exakt Auskunft geben, welche Hormone verrücktspielen. Labore versprechen dem Verbraucher nach dem Ergebnis eine passende Therapie. Doch Fachärzte warnen: Die meisten Analysen sind unnütz. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/speicheltests-auf-hormone-aerzte-warnen-vor-unnuetzen-analysen-a-930835.html
Lewute die mit ihren IGel-Angeboten nur Schrott anbieten, warnen vor der Konkurrenz. Sehr vertrauenswürdig das Ganze.
kukakeki 02.11.2013
4. Grauenvoller Beitrag
Wieder mal ein so schlecht recherchierter Beitrag, das einem beim Lesen übel wird. Auch der Author sollte sich mit der Primärliteratur hierzu auseinandersetzen, bevor er Meinungen und Ratschläge von sogenannten Experten zitiert, deren Expertise sich anscheindend nur aus den Titeln derjenigen zusammensetzt. Dass Schulmediziner ein sehr eingschränktes Sichtfeld haben ist hinlänglich bekannt. Beispiel mitochondriale Erkrankungen. Einstein: Es ist leichter ein Atom zu spalten, als eine bestehende Meinung zu ändern. P.S.: Bin selbst "Schulmediziner", konnte mich aber von dieser Lethargie befreien.
milz.c 02.11.2013
5. schlecht recherchiert....
Zur Erhellung trägt dieser Artikel in der Tat nicht bei. Ich empfinde ihn als eine recht schlecht recherchierte bloße einseitige Ananeinnaderreihung von Zitaten von Ärzten mit Scheuklappensicht, die sich in Ihrer Lizens zum Gelddrucken von Alternativansätzen bedroht fühlen. Dass ein erhöhter im Speichel nachgewiesener, über den Tag nicht abflachender Cortisolspiegel nicht nur beim Cushing-Syndrom eine Rolle spielt und relevante Auskunft über die Stressachse des jenigen liefert, ist unbestritten.
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