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25. September 2014, 15:02 Uhr

Glücksspielsucht

"Es geht nicht ums Geld, sondern um die Gefühle"

Ein Interview von

Glücksgefühle, Erregung und Betäubung: Das sind die Motive, die Spielsüchtige antreiben, immer weiterzumachen. Der Suchtexperte Gerhard Meyer erklärt, warum der Nervenkitzel bleibt, selbst wenn der Spieler verliert.

Eine Kreditkarte und eine gute Internetverbindung genügen, und die weite Welt des Online-Pokerspiels steht einem offen. Rund um die Uhr, an mehreren Tischen gleichzeitig kann man sein Glück herausfordern und dabei viel Geld gewinnen - oder verlieren. Für Suchtexperten steht fest: Glücksspiele im Internet haben ein hohes Gefährdungspotenzial. Ebenso wie Spielautomaten und Sportwetten.

Diese seien insbesondere für junge Männer faszinierend und gefährlich zugleich, sagt Konrad Landgraf, Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern. Der Kick wird dadurch erhöht, dass man etwa nicht mehr nur auf ein Fußballspielergebnis wettet. Stattdessen gibt es inzwischen Live-Wetten - auf das nächste Tor, die nächste Ecke oder die nächste gelbe Karte. Das Spiel wird so schneller, es gibt mehr Gewinn- und Verlustmöglichkeiten - und die Suchtgefahr steigt.

Einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zufolge gelten derzeit etwa 438.000 Menschen zwischen 16 und 65 Jahren als krankhafte Spieler. Fast jeder zehnte junge Mann zwischen 18 und 20 Jahren ist demnach in den Fängen des Glücksspiels. Tendenz steigend. Glückspielsüchtige sind zumeist Meister der Manipulation und des Vertuschens. "Es gibt aber nur einen Gewinner, den Glücksspielanbieter", sagt der Bremer Suchtforscher Gerhard Meyer. Das Problem: Viele Betroffene könnten der Sucht nicht allein entkommen. "Der Spielsüchtige ist in jeder Hinsicht der Verlierer."

SPIEGEL ONLINE: Welche Menschen sind besonders gefährdet, in eine Glücksspielsucht hineinzuschlittern?

Meyer: Laut der jüngsten Studie der BZgA haben junge Männer, Arbeitslose und Personen mit Migrationshintergrund ein besonders hohes Risiko. Aber natürlich ist auch für Menschen, die vor Problemen fliehen, unter depressiven Stimmungen oder einem schwachen Selbstwertgefühl leiden, die Suchtgefährdung erhöht. Das gilt ebenso für Menschen, die den durch das Risiko verursachten Kick, die Stimulation und die Auseinandersetzung mit dem Risiko suchen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt es dann zur Glücksspielsucht?

Meyer: Die Fehlentwicklung zur Sucht schreitet durch eine Eigendynamik fort: Ein exzessives Spielverhalten führt infolge des hohen finanziellen Aufwands und sozialen Folgeschäden zu belastenden Gedanken und Gefühlen, die sich am schnellsten und effektivsten durch eine erneute Spielteilnahme beheben lassen.

SPIEGEL ONLINE: Geht es denn langfristig um das große Geld, oder was treibt die Leute an, weiterzumachen?

Meyer: Nein, es geht nicht ums Geld, sondern um die Gefühle, die die Teilnahme am Glücksspiel hervorruft. Das sind Glücksgefühle, Betäubung oder Erregung. Der Spieler steckt beispielsweise Geld in den Spielautomaten, in der Hoffnung einen Gewinn zu erzielen. Der Einsatz ist mehr oder minder bewusst mit der Angst gekoppelt, dass Geld zu verlieren. Diese Kombination aus Angst vor dem Verlust und der Hoffnung auf den Gewinn ist mit Stimulation verbunden, eine Art Nervenkitzel. Der positive Effekt wird dabei völlig unabhängig vom tatsächlichen Spielausgang erreicht. Geht das Spiel verloren, können die negativen Gefühle wie Enttäuschung sofort ausgeblendet werden, wenn gleich wieder Geld eingesetzt werden kann. Glücksspiele mit rascher Spielabfolge wie Spielautomaten haben deshalb ein hohes Gefährdungspotenzial.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Gesetzgeber bei Spielautomaten nicht den Gewinn nach oben gedeckelt?

Meyer: Ja, der Einsatz darf 0,20 Euro und der Höchstgewinn 2 Euro nicht übersteigen. Die Automatenindustrie hat allerdings einen Weg gefunden, die aufgezeigten Grenzwerte geschickt zu umgehen. Der Trick umfasst die Umwandlung des Geldes in Punkte und den Transfer der Punkte zurück in Geld. Auf diese Weise sind beispielsweise Gewinne von 1000 Euro und mehr möglich. Vor etwas mehr als einem Jahr wurden im Bundesrat Änderungen diskutiert, die jetzt in eine Novellierung der Spielverordnung einfließen sollen. Demnach soll künftig etwa das Spiel um Punkte verboten werden.

SPIEGEL ONLINE: Wäre das wirklich ein Fortschritt?

Meyer: Es ist nur ein halbherziger Schritt, denn der Glücksspielcharakter des Automatenspiels bleibt erhalten und es stehen weiterhin Vermögenswerte auf dem Spiel. Gleichwohl ist es ein Schritt in die richtige Richtung.

SPIEGEL ONLINE: In Norwegen wurde eine personengebundene Karte für den Einsatz eingeführt, um zu verhindern, dass die Leute ihr Hab und Gut verzocken.

Meyer: Ja, alle Glücksspielangebote des norwegischen Monopolisten "Norsk Tipping", wie Lotterien, Spielautomaten und Online-Glücksspiele, können nur nach dem Einsatz einer personengebundenen Karte beispielweise mit fixen monatlichen Verlustgrenzen gespielt werden.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland setzt die Politik auf Sozialkonzepte. Wie sehen die aus?

Meyer: Mitarbeiter von Spielhallen werden zum Beispiel in der Früherkennung von problematischen oder süchtigen Spielern geschult. Ob der geforderte Spielerschutz auch tatsächlich umgesetzt wird, wird aber bisher nicht überprüft. Ein wesentlicher Anteil der Einnahmen in den Spielhallen stammt von Spielsüchtigen, die Umsetzung der Sozialkonzepte ist also eine Gratwanderung zwischen Profitstreben und sozialer Verantwortung. Daher erscheint eine unabhängige Evaluation dringend erforderlich.

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