Glücksspielsucht "Es geht nicht ums Geld, sondern um die Gefühle"

Glücksgefühle, Erregung und Betäubung: Das sind die Motive, die Spielsüchtige antreiben, immer weiterzumachen. Der Suchtexperte Gerhard Meyer erklärt, warum der Nervenkitzel bleibt, selbst wenn der Spieler verliert.

Ein Interview von

Münzeinwurf beim Spielautomaten: Je schneller das Spiel, desto höher die Spielsuchtgefahr
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Münzeinwurf beim Spielautomaten: Je schneller das Spiel, desto höher die Spielsuchtgefahr


Eine Kreditkarte und eine gute Internetverbindung genügen, und die weite Welt des Online-Pokerspiels steht einem offen. Rund um die Uhr, an mehreren Tischen gleichzeitig kann man sein Glück herausfordern und dabei viel Geld gewinnen - oder verlieren. Für Suchtexperten steht fest: Glücksspiele im Internet haben ein hohes Gefährdungspotenzial. Ebenso wie Spielautomaten und Sportwetten.

Diese seien insbesondere für junge Männer faszinierend und gefährlich zugleich, sagt Konrad Landgraf, Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern. Der Kick wird dadurch erhöht, dass man etwa nicht mehr nur auf ein Fußballspielergebnis wettet. Stattdessen gibt es inzwischen Live-Wetten - auf das nächste Tor, die nächste Ecke oder die nächste gelbe Karte. Das Spiel wird so schneller, es gibt mehr Gewinn- und Verlustmöglichkeiten - und die Suchtgefahr steigt.

Einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zufolge gelten derzeit etwa 438.000 Menschen zwischen 16 und 65 Jahren als krankhafte Spieler. Fast jeder zehnte junge Mann zwischen 18 und 20 Jahren ist demnach in den Fängen des Glücksspiels. Tendenz steigend. Glückspielsüchtige sind zumeist Meister der Manipulation und des Vertuschens. "Es gibt aber nur einen Gewinner, den Glücksspielanbieter", sagt der Bremer Suchtforscher Gerhard Meyer. Das Problem: Viele Betroffene könnten der Sucht nicht allein entkommen. "Der Spielsüchtige ist in jeder Hinsicht der Verlierer."

ZUR PERSON
Gerhard Meyer, Jahrgang 1952, ist Professor am Institut für Psychologie und Kognitionsforschung der Universität Bremen und Leiter der Bremer Fachstelle Glücksspielsucht. Seit Jahren forscht Meyer zu pathologischem Glücksspielverhalten und den Suchtfaktoren von Spielen.
SPIEGEL ONLINE: Welche Menschen sind besonders gefährdet, in eine Glücksspielsucht hineinzuschlittern?

Meyer: Laut der jüngsten Studie der BZgA haben junge Männer, Arbeitslose und Personen mit Migrationshintergrund ein besonders hohes Risiko. Aber natürlich ist auch für Menschen, die vor Problemen fliehen, unter depressiven Stimmungen oder einem schwachen Selbstwertgefühl leiden, die Suchtgefährdung erhöht. Das gilt ebenso für Menschen, die den durch das Risiko verursachten Kick, die Stimulation und die Auseinandersetzung mit dem Risiko suchen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt es dann zur Glücksspielsucht?

Meyer: Die Fehlentwicklung zur Sucht schreitet durch eine Eigendynamik fort: Ein exzessives Spielverhalten führt infolge des hohen finanziellen Aufwands und sozialen Folgeschäden zu belastenden Gedanken und Gefühlen, die sich am schnellsten und effektivsten durch eine erneute Spielteilnahme beheben lassen.

SPIEGEL ONLINE: Geht es denn langfristig um das große Geld, oder was treibt die Leute an, weiterzumachen?

Meyer: Nein, es geht nicht ums Geld, sondern um die Gefühle, die die Teilnahme am Glücksspiel hervorruft. Das sind Glücksgefühle, Betäubung oder Erregung. Der Spieler steckt beispielsweise Geld in den Spielautomaten, in der Hoffnung einen Gewinn zu erzielen. Der Einsatz ist mehr oder minder bewusst mit der Angst gekoppelt, dass Geld zu verlieren. Diese Kombination aus Angst vor dem Verlust und der Hoffnung auf den Gewinn ist mit Stimulation verbunden, eine Art Nervenkitzel. Der positive Effekt wird dabei völlig unabhängig vom tatsächlichen Spielausgang erreicht. Geht das Spiel verloren, können die negativen Gefühle wie Enttäuschung sofort ausgeblendet werden, wenn gleich wieder Geld eingesetzt werden kann. Glücksspiele mit rascher Spielabfolge wie Spielautomaten haben deshalb ein hohes Gefährdungspotenzial.

Krankhaftes Glücksspiel
Das Diagnostische und Statistische Handbuch Psychischer Störungen (DSM-IV) definiert pathologisches Glücksspiel als andauerndes und wiederkehrendes, fehlangepasstes Spielverhalten, was sich in mindestens fünf der folgenden Merkmale ausdrückt (treffen nur drei bis vier Merkmale zu, handelt es sich um problematisches Spielverhalten):

1. Starke Eingenommenheit vom Glücksspiel (z.B. starke gedankliche Beschäftigung mit Geldbeschaffung)
2. Steigerung der Einsätze, um gewünschte Erregung zu erreichen
3. Wiederholte erfolglose Versuche, das Spiel zu kontrollieren, einzuschränken oder aufzugeben
4. Unruhe und Gereiztheit beim Versuch, das Spiel einzuschränken oder aufzugeben
5. Spielen, um Problemen oder negativen Stimmungen zu entkommen
6. Wiederaufnahme des Glücksspiels nach Geldverlusten
7. Lügen gegenüber Dritten, um das Ausmaß der Spielproblematik zu vertuschen
8. Illegale Handlungen zur Finanzierung des Spielens
9. Gefährdung oder Verlust wichtiger Beziehungen, von Arbeitsplatz und Zukunftschancen
10. Hoffnung auf Bereitstellung von Geld durch Dritte

SPIEGEL ONLINE: Hat der Gesetzgeber bei Spielautomaten nicht den Gewinn nach oben gedeckelt?

Meyer: Ja, der Einsatz darf 0,20 Euro und der Höchstgewinn 2 Euro nicht übersteigen. Die Automatenindustrie hat allerdings einen Weg gefunden, die aufgezeigten Grenzwerte geschickt zu umgehen. Der Trick umfasst die Umwandlung des Geldes in Punkte und den Transfer der Punkte zurück in Geld. Auf diese Weise sind beispielsweise Gewinne von 1000 Euro und mehr möglich. Vor etwas mehr als einem Jahr wurden im Bundesrat Änderungen diskutiert, die jetzt in eine Novellierung der Spielverordnung einfließen sollen. Demnach soll künftig etwa das Spiel um Punkte verboten werden.

SPIEGEL ONLINE: Wäre das wirklich ein Fortschritt?

Meyer: Es ist nur ein halbherziger Schritt, denn der Glücksspielcharakter des Automatenspiels bleibt erhalten und es stehen weiterhin Vermögenswerte auf dem Spiel. Gleichwohl ist es ein Schritt in die richtige Richtung.

SPIEGEL ONLINE: In Norwegen wurde eine personengebundene Karte für den Einsatz eingeführt, um zu verhindern, dass die Leute ihr Hab und Gut verzocken.

Meyer: Ja, alle Glücksspielangebote des norwegischen Monopolisten "Norsk Tipping", wie Lotterien, Spielautomaten und Online-Glücksspiele, können nur nach dem Einsatz einer personengebundenen Karte beispielweise mit fixen monatlichen Verlustgrenzen gespielt werden.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland setzt die Politik auf Sozialkonzepte. Wie sehen die aus?

Meyer: Mitarbeiter von Spielhallen werden zum Beispiel in der Früherkennung von problematischen oder süchtigen Spielern geschult. Ob der geforderte Spielerschutz auch tatsächlich umgesetzt wird, wird aber bisher nicht überprüft. Ein wesentlicher Anteil der Einnahmen in den Spielhallen stammt von Spielsüchtigen, die Umsetzung der Sozialkonzepte ist also eine Gratwanderung zwischen Profitstreben und sozialer Verantwortung. Daher erscheint eine unabhängige Evaluation dringend erforderlich.

WEGE AUS DER SPIELSUCHT
Hilfe für Spielsüchtige
Für Glücksspielsüchtige gibt es Selbsthilfegruppen ( Anonyme Spieler ), ambulante Beratung und Rehabilitation, stationäre Behandlungseinrichtungen bis hin zu Telefon-Hotlines und internetbasierten Hilfen, wie etwa bei der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern.

Wenn Sie an Glücksspielen teilnehmen und sich fragen, ob Ihr Umgang damit angemessen ist, können Sie bei Check Dein Spiel, einem Informationsangebot der BZgA, an einem interaktiven Selbsttest teilnehmen.

BZgA-Beratungstelefon zur Glücksspielsucht (kostenlos und anonym):
0800 - 1 37 27 00

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 25.09.2014
1. Daddelautomaten...
...sind ausgeklügelte Psycho-Maschinen...Lichter, Farben, Geräusche und Musik lassen da bei vielen das Hirn glühen. Einzige Möglichkeit...die Dinger abzuschaffen...sprich zu verbieten. Die Daddelhallen sind meist eh nur Geldwaschanlagen des organisierten Verbrechens....aber...scheinbar sind dessen Verbindungen in die Politik so gut, dass es keine Einschränkungen geben wird.
toolhead 25.09.2014
2.
Ich finde es ja schade, daß ein ehemaliger Nationaltorhüter Fernsehwerbung für einen Wettanbieter macht und mit "Sicherheit" wirbt. Für so eine perfide Abzocke würde ich meinen Namen nicht hergeben, erst recht nicht wenn ich schon zigfacher Millionär wäre. Der Ex-Torhüter bekommt dafür Geld, was armen Schweinen aus der Tasche gezogen wurde. Erbärmlich.
spon-facebook-1425587294 25.09.2014
3. Alle Bemühungen sind halbherzig..
..Also, ich gehe selbst seit vielen Jahren gelegentlich in die Spielhalle. Verzocke da einen gewissen Betrag und freu mich wenn ich etwas gewinne. Gleichzeitig ist es für mich eine Art Zeitvertreib. Und solange man das Ganze nicht zu oft und unkontrolliert betreibt, ist es auch gut so. Wenn man sich allerdings mal die "Maßnahmen" der Politik zur Eindämmung der Glücksspielsucht der letzten Jahre anguckt, kann man echt nur müde lächeln. Da wird mit diversen Gängelungen versucht, dem Spieler das Spielen zu vermiesen (Rauchverbot, kostenlose Getränke-Verbot, Reduktion der Automatenanzahl usw.) nur leider sieht man trotzdem immer die gleichen schweren Fälle der Spielsüchtigen...denn sind wir doch mal ehrlich; das hält doch keinen Zockwilligen davon ab. Reduzierung von Einsatz und Gewinn bringt nichts...dann werden eben 5 Automaten gleichzeitig gespielt. Zum Thema "Mitarbeiterschulung" damit diese Spielsucht erkennen lernen und den Spieler ggf. davon abbringen! Zu der Maßnahme fällt mir echt nichts mehr ein...Ich möchte mal eine Spielhallenaufsicht (die für 5 Euro die Stunde da rumsitzen und sich das Gepöbel der Leute anhören und abfedern müssen) sehen, die auf einen Spielsüchtigen zugeht und ihn darum bittet, doch sein Spielverhalten zu überdenken. Das einizige wäre wirklich ein Verbot aber dazu spendet Herr G(r)auselmann wohl zu hohe Summen in die Parteikassen.
Werner655 25.09.2014
4. Gauselmanns Paylists?
Experte Meyer erdreistet sich, nachfolgendes publizieren zu lassen: "Mitarbeiter von Spielhallen werden zum Beispiel in der Früherkennung von problematischen oder süchtigen Spielern geschult. Ob der geforderte Spielerschutz auch tatsächlich umgesetzt wird, wird aber bisher nicht überprüft. Ein wesentlicher Anteil der Einnahmen in den Spielhallen stammt von Spielsüchtigen. Es ist also immer eine Gratwanderung zwischen Profitstreben und sozialer Verantwortung..." Jeder Automatenspieler, der über mehr Hirn als ein paar Gramm Salz verfügt, kann über einen solchen "Experten" nur den Kopf schütteln.
Werner655 25.09.2014
5.
Zitat von fatherted98...sind ausgeklügelte Psycho-Maschinen...Lichter, Farben, Geräusche und Musik lassen da bei vielen das Hirn glühen. Einzige Möglichkeit...die Dinger abzuschaffen...sprich zu verbieten. Die Daddelhallen sind meist eh nur Geldwaschanlagen des organisierten Verbrechens....aber...scheinbar sind dessen Verbindungen in die Politik so gut, dass es keine Einschränkungen geben wird.
Selbstverständlich gehörten die Dinger längst verboten, aber: Da kommt richtig Kohle rein. Auch für die Kommunen, die Monat für Monat Festgebühren pro aufgestelltem Geldspielunterhaltungsgerät einsacken.
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