Sport bei Krebs "Laufen war ein Stück Normalität"

Sandra Otto war 34 Jahre alt, als bei ihr Brustkrebs entdeckt wurde. Trotz Warnungen der Ärzte hielt sie an ihrem Hobby Laufen fest. Ein Gespräch über Ausdauer, bürokratische Hürden und Läufer-Tunnelblick.

Sandra Otto im April 2014: "Ich habe sehr viel Kraft aus dem Laufen geschöpft"
Sandra Otto

Sandra Otto im April 2014: "Ich habe sehr viel Kraft aus dem Laufen geschöpft"


Zur Person
Sandra Otto, Jahrgang 1977, promovierte im Bereich Rechnungslegung. 2011 wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. Das Laufen half ihr, die Krankheit zu bewältigen. Sandra Otto hat einen Ratgeber geschrieben: "Brustkrebs - Hilfe im Bürokratie-Dschungel: Insidertipps für sozialrechtliche Fragen". Sie arbeitet in Leipzig.
SPIEGEL ONLINE: Frau Otto, wann haben Sie erfahren, dass Sie Brustkrebs haben?

Otto: Im September 2011. Ich dachte mir schon, dass was nicht stimmt, aber meine Frauenärztin hatte meine Beschwerden wiederholt als Zyste abgetan. Nach der richtigen Diagnose ging es sehr schnell: Operation, Chemotherapie, Bestrahlung.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Diagnose aufgenommen?

Otto: Es war ein Schock. Ich habe mich gefragt: Warum ich? Ich rauche nicht, trinke nicht, treibe Sport und ernähre mich gesund. Ich habe die Schuld bei mir gesucht und gedacht, dass mein Leben vorbei ist. Heute weiß ich: Man kann viele Risikofaktoren ausschließen - ich habe einfach Pech gehabt.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging es dann weiter?

Otto: Die erste Prognose sah nicht gut aus. Ich habe Tag und Nacht nur geheult - bis ich irgendwann gedacht habe, so kann es nicht weitergehen. Auch wenn keiner weiß, wie lange mein Leben noch geht. Ich muss etwas finden, was mich jeden Tag aufstehen lässt. Da habe ich auf meine Konstante Sport zurückgegriffen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben im September die Diagnose bekommen, im Oktober war die OP und Chemo. Ab wann durften Sie joggen?

Otto: Ich habe immer, so gut es ging, versucht mich zu bewegen, auch wenn es nur ein Spaziergang ums Krankenhaus war. Die Ärzte haben gesagt, ich solle mich bloß nicht überanstrengen. Der Winter stand vor der Tür, die Chemo und das Kortison greifen die Knochen an - ich konnte mir also schneller Brüche zuziehen. Anfangs bin ich ganz langsam gelaufen. Ich habe mir sogar ein Laufband gekauft.

SPIEGEL ONLINE: Warum war Laufen für Sie so wichtig? Das kostet doch Kraft.

Otto: Im Gegenteil. Ich habe sehr viel Kraft aus dem Laufen geschöpft. Durchs Laufen konnte ich mir beweisen: Du kannst was. Die Krankheit hat dich nicht völlig im Griff. Das Ganze war zwar mit Beschwerden und Schmerzen verbunden, das kann ich nicht abstreiten, aber ich habe mir mit dem Laufen Lebensqualität, Lebenskraft und Lebensfreude erhalten. Laufen war ein Stück Normalität.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie einen Trainingsplan?

Otto: Ich habe meine Routine beibehalten. Ich war wie immer vier Mal in der Woche laufen - nur mit reduzierten Umfängen. An den anderen drei Tagen bin ich spazieren gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich während des Laufens gefühlt?

Otto: Ich war ständig außer Puste, hatte therapiebedingt Gliederschmerzen, aber ich habe gemerkt, wie gut der Sauerstoff mein Gehirn durchpustet. Schmerzen, Tränen, Trauer, Angst - mit jedem Schritt wurde alles leichter und verflog. Zu Hause angekommen, habe ich das Blut in meinen Adern gespürt und gemerkt: Ich bin noch am Leben.

SPIEGEL ONLINE: Spüren Sie körperliche Beschwerden beim Sport?

Otto: Ich habe mich mit den Einschränkungen arrangiert. 2013 hatte ich einen Rückfall, eine Brust wurde mir abgenommen. Die Narbe wird mich mein Leben lang begleiten, aber optisch kann ich es gut kaschieren. Der unangenehme Narbenschmerz vergeht mit der Zeit. Unter der Achsel habe ich ein Taubheitsgefühl, weil man mir Lymphknoten entfernt hat. Bei extremen Temperaturschwankungen staut sich die Lymphflüssigkeit in den Achseln oder oberhalb der Brust - das schmerzt.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich die Bedeutung von Sport für Sie gewandelt?

Otto: Früher war Sport Spaß, Freizeit, Freunde treffen und ein Stück weit Selbstbestätigung. Heute genieße ich viel mehr. Morgens zwischen 7 und 9 ist meine Zeit. Ich schaue: Wie ist der Geruch des Laubes? Wie ist der Lichteinfall? Die Intensität des Erlebens ist ganz anders. Laufen gehört für mich zum Tag wie Zähneputzen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihnen Ihre Ausdauer beim Bewältigen Ihrer Krankheit geholfen?

Otto: Definitiv. Diese typische Läufermentalität hat mir geholfen, das alles durchzustehen. In manchen Situationen habe ich mir gesagt, dass das jetzt wie beim Marathon bei Kilometer 35 ist. Ab hier wird es noch mal richtig hart. Da konnte ich den Tunnelblick aktivieren und mich auf das Ziel konzentrieren.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie durch die Krankheit eine andere Läuferin geworden?

Otto: Ja, ich bin ausdauernder, leidensfähiger und zäher geworden. Es fällt mir leichter, die Zähne zusammenzubeißen und meine Kräfte besser einzuteilen. Ich höre auf meinen Körper und nehme mir Pausen. Außerdem habe ich meine Ernährung umgestellt. Ich verzichte auf Fleisch und Wurst, Milchprodukte, Reis, Nudeln, Brot, Brötchen, Weizen, Roggen und vor allem Zucker. Früher habe ich auch mal ein Glas Nutella in der Woche leergemacht. Jetzt lasse ich Süßes komplett weg. Dafür viel frisches Obst und Gemüse. Ich fühle mich weniger müde.

SPIEGEL ONLINE: Was viele vergessen: Während der Krankheit hat man auch viel Bürokratie zu erledigen. Sie haben einen Ratgeber darüber geschrieben. Was hat Sie am meisten schockiert?

Otto: Es hat unglaublich lange gedauert, bis die Versicherungen gezahlt haben. Und was Krebskranken in einer Situation, in der man um sein Leben kämpft, an Bürokratie aufgebürdet wird, ist respektlos und der Situation nicht angemessen. Ich sollte zehnseitige Formulare ausfüllen. Die Sachbearbeiter versuchen abzuwimmeln und Ansprüche abzuschmettern. Vielen fehlt die Kraft und die Zeit dagegen vorzugehen. Das hat System. Deswegen habe ich den Ratgeber geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es Ihnen jetzt?

Otto: Derzeit bin ich krebsfrei - soweit man das sagen kann. Ich bin mir jetzt darüber bewusst, wie schön es ist, jeden Tag zu leben. Ich plane auch nicht mehr für fünf Jahre im Voraus. Ich lebe mehr in den Tag hinein. Laufen ist mein Lebenselixier.

Das Interview führte Frank Joung



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.