Ein rätselhafter Patient: Träum ich oder wach ich?
Ein 47-jähriger Mann wird sprachlos und gelähmt ins Krankenhaus eingeliefert. Die Ursache ist den Ärzten ein Rätsel. Sein Zustand bessert sich, am nächsten Tag ist alles wieder wie zuvor. Des Rätsels Lösung findet sich im Kopf des Patienten.
Mittags bringt der Rettungsdienst den Patienten in die Notaufnahme des West Cumberland Hospital im britischen Whitehaven. Der Mann liegt gelähmt auf der Trage, er bewegt die Augen, kann nicken und kann etwas mit Fingern und Zehen wackeln, mehr geht nicht. Er spricht nicht mit den Ärzten. Kurz zuvor hat seine Ehefrau ihn im Schlafzimmer gefunden, den Blick starr an die Decke gerichtet, da reagierte er gar nicht auf sie.
Die Ärzte schieben ihren Patienten in den Computertomografen, doch sie sehen nichts Ungewöhnliches. In den nächsten Stunden gehen Lähmung und Sprachschwierigkeiten des Mannes langsam zurück. Er berichtet den Ärzten, er sei die ganze Zeit bei Bewusstsein gewesen. Allerdings habe sich alles angefühlt wie in einem Traum, er konnte nicht unterscheiden, ob seine Erlebnisse real waren oder nicht. Jetzt fühlten sich seine Gelenke steif an, die Muskeln seien schwach, er habe Kopfschmerzen und sehe verschwommen.
Die Ärzte um Kin Tong Chung untersuchen den Mann von Kopf bis Fuß, wie Chung im Fachmagazin "BMJ Case Reports" schildert. Sie kontrollieren die Hirnnerven, jene Nerven, die direkt aus dem Gehirn kommend grundlegende Körperfunktionen steuern. Der Patient riecht und schmeckt normal, kann seine Augen bewegen und die Pupillen reagieren wie erwartet auf Licht, sein Gesicht fühlt sich normal an, er verspürt keine Taubheit, kann normal hören, schlucken, husten und die Zunge bewegen. Seine Muskeln zittern nicht, sind entspannt und als er Arme und Beine bewegen soll, kann er einen Widerstand überwinden. Seine Reflexe funktionieren normal, er hat auch seine Sprache wiedererlangt und kann berichten, was er in den Stunden zuvor gespürt hat.
Schmerzendes Tageslicht
Vieles von dem, was an diesem Tag mit ihm geschehen ist, kennt der Patient bereits, allerdings haben ihn die Symptome seiner Krankheit noch nie mit dieser Wucht getroffen. Morgens um sieben, als er aufstand, spürte der Mann einen pulsierenden Schmerz am linken Hinterkopf. Das Tageslicht schmerzte ihn, er sah bereits verschwommen, ihm war übel und er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Er nahm einige Medikamente ein, die er für solche Fälle zu Hause hat, und legte sich wieder ins Bett. Gegen zehn am Morgen wachte er erneut auf. Der Kopfschmerz war stärker als zuvor, zog sich bis an die Stirn. Doch es kam noch schlimmer: Sein Körper gehorchte ihm nicht mehr, er konnte sich nicht bewegen und konnte auch nicht sprechen. In diesem Zustand fand ihn schließlich seine Frau und rief den Rettungsdienst.
Kopfschmerzen im linken Hinterkopf, pulsierende Schmerzen bis an die Stirn, eine undeutliche Sprache und selbst das Gefühl von Muskelschwäche sind Symptome der Migräne, unter der der Mann seit einer Kopfverletzung 17 Jahre zuvor leidet. Noch häufiger beginnen die Schmerzen hinter der Stirn, im linken Auge, mit einem klopfenden Schmerz, der Mann nimmt seine Umgebung dann nur noch verschwommen wahr und vermeidet es ganz, die Augen zu öffnen, weil das Licht die Symptome noch verstärkt. Noch nie allerdings war seine Migräne so ausgeprägt wie in diesem Fall.
Die Ärzte bleiben misstrauisch
Doch die Ärzte sind misstrauisch. Das, was mit dem Patienten heute passiert war, ist keine normale Migräne. Zwar passen viele der Symptome zu einem Migräneanfall, doch sie haben noch nie einen Migränepatienten gesehen, der komplett gelähmt und unfähig zu sprechen war. Sie ziehen Kernspinaufnahmen des Patienten zu Rate, die wenige Monate alt sind. Eigentlich würden sie auch an diesem Tag gerne eine Magnetresonanztomografie des Kopfes machen, doch in ihrem Krankenhaus ist kein Gerät verfügbar. In den früheren Aufnahmen fallen ihnen Hinweise auf Durchblutungsstörungen im Gehirn auf, sonst nichts.
Nachdem die Mediziner keine Hinweise auf einen Schlaganfall oder einen Gehirntumor finden, und der Patient am Tag nach der Lähmung keine Beschwerden mehr hat, gehen die Ärzte von einer äußerst ungewöhnlichen Migräneattacke aus. Sie schreiben in ihrem Fallbericht, es habe noch nie eine Schilderung von einer kompletten Lähmung durch eine Migräne gegeben. Den Vorfall erklären sie sich so: Beim Migräneanfall könnten die Gefäße im Gehirn sich so sehr geweitet haben, dass die übermäßige Durchblutung beider Hirnhälften die Lähmung und die Sprachschwierigkeiten des Patienten auslöste.
Für möglich halten die Mediziner noch einen weiteren Mechanismus. Die chronische Migräne mit ihren regelmäßigen Anfällen belastet den Patienten sowohl körperlich als auch geistig. Von psychiatrischen Patienten kennen Ärzte dissoziative Bewegungsstörungen: Die Patienten können nicht mehr sprechen, sich nicht mehr richtig bewegen oder alleine stehen. Chung will nicht ausschließen, dass sein Patient als Folge der schweren Migräne unter einer dissoziativen Bewegungsstörung litt.
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