Bluthochdruck-Studie Große Versprechen, keine Daten

Haben plötzlich viel mehr Menschen zu hohen Blutdruck? Ja, finden US-Forscher. Ihre Studie preist den Segen intensiver Medikamenten-Therapie. Doch entscheidende Informationen fehlen, Ärzte sind verunsichert.

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Blutdruckmessung: Ab wann sind Medikamente notwendig?
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Blutdruckmessung: Ab wann sind Medikamente notwendig?


Es klingt wie eine Sensation: Fast ein Drittel weniger Infarkte und Schlaganfälle, fast ein Viertel weniger Todesfälle. Diese Ergebnisse solle die "Sprint"-Studie der National Institutes of Health (NIH) geliefert haben, wie die US-Behörde am Freitag mitteilte.

Die Studienteilnehmer waren allesamt über 50 Jahre alt und hatten ein erhöhtes Risiko für Herzkreislauferkrankungen. Ihr Blutdruck wurde entweder, wie bislang üblich, auf 140 gesenkt. Oder aber mit einer intensiveren Medikamentengabe auf 120 - dadurch wurden laut NIH zahlreiche Infarkte, Schlaganfälle und frühzeitige Tode verhindert.

"Diese Studie liefert potenziell lebensrettende Informationen, die Ärzten helfen, wenn sie die beste Behandlung für einige ihrer Patienten prüfen - speziell jene über 50 Jahren", sagt Gary Gibbons vom National Heart, Lung, and Blood Institute (NHLBI), das der Hauptsponsor der Studie ist.

Die 2009 begonnene Studie war ursprünglich auf sieben Jahre angelegt, sie wurde vorzeitig beendet, um die vorläufigen Ergebnisse schnell verbreiten zu können.

Veröffentlichung - folgt

Nun kommt der Haken: Leider präsentiert die NIH diese Ergebnisse erst einmal nicht. Die Veröffentlichung soll in den kommenden Monaten folgen, heißt es in der Pressemitteilung.

Zu diesem Zeitpunkt kennt also niemand außer den beteiligten Forschern die absoluten Zahlen. Oder die beobachteten Nebenwirkungen in der intensiver therapierten Gruppe.

Soll man sich an dieser Stelle darauf verlassen, dass die Ergebnisse tatsächlich so durchschlagend positiv sind, allein weil sie von den staatlichen NIH stammen? Wohl kaum.

Die Ergebnisse werden sicher für Diskussionen sorgen, sobald sie veröffentlicht sind. Allein schon aus dem Grund, dass eine beträchtliche Anzahl von Menschen über 50 Jahren plötzlich als behandlungswürdige Bluthochdruckpatienten eingestuft werden können. Nämlich all jene, deren systolischer Blutdruck zwischen 120 und 140 liegt.

Blutdruckwerte
Bei der Blutdruckmessung werden immer zwei Werte angegeben, zum Beispiel 120 zu 80. Der höhere ist der systolische Blutdruck. Er tritt auf, während das Herz Blut in die Schlagadern drückt. Der niedrigere, diastolische Blutdruck herrscht, wenn die Herzkammern sich entspannen und füllen.
In dieser Hinsicht ist zum Beispiel sehr wichtig zu wissen, wie viele Menschen - dauerhaft - Medikamente einnehmen müssen, damit zum Beispiel ein Infarkt verhindert wird. Und es ist wichtig, dass nicht an der Studie beteiligte Experten prüfen, wie gut die Studie durchgeführt wurde und ob die Ergebnisse halten, was sie auf den ersten Blick versprechen.

In der aktuellen europäischen Leitlinie zur Bluthochdruck-Behandlung wird etwa darauf hingewiesen, dass bei Werten zwischen 130 und 139 eben keine Medikamente eingesetzt werden sollen. Auch wenn die Betroffenen ein erhöhtes Risiko für schwere Herzkreislauferkrankungen haben, sollten nur Veränderungen des Lebensstils empfohlen werden. Darunter regelmäßige Bewegung für eine halbe Stunde an mindestens fünf Tagen pro Woche, ein Rauchstopp für Zigarettenkonsumenten sowie ein Einschränken des Salzkonsums auf fünf bis sechs Gramm pro Tag.

Ob die "Sprint"-Studie tatsächlich diese Empfehlungen verändert? Vielleicht sind die Ergebnisse tatsächlich so überzeugend. Vielleicht auch nicht. Das lässt sich ohne Blick auf die Daten nicht sagen.

Die Pressemitteilung der NIH sorgte daher auch nicht nur für Begeisterung. So twitterte etwa der US-amerikanische Arzt und Forscher Jeremy Sussman, "aufgrund der Mitteilung werden nun viele Patienten ihren Ärzten sehr vernünftige Fragen über Blutdruckkontrolle stellen, die niemand beantworten kann. Wem ist damit geholfen?"

Details zur "Sprint"-Studie
So lief die Studie ab
Gut 9300 über 50-Jährige haben an der Studie teilgenommen. Sie hatten alle ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einen systolischen Blutdruck über 130. Ausgeschlossen wurden unter anderem Diabetiker und Menschen, die schon einen Schlaganfall erlitten hatten.
Zwischen 2010 und 2013 wurden die Teilnehmer in eine von zwei Gruppen eingeteilt. In der Vergleichsgruppe wurde der Blutdruck mithilfe von Medikamenten auf unter 140 eingestellt, im Schnitt nahmen diese Teilnehmer zwei unterschiedliche Blutdrucksenker. Oder ihr Blutdruck sollte unter 120 bleiben, diese Probanden nahmen durchschnittlich drei verschiedene blutdrucksenkende Mittel.
Das sind die Ergebnisse
Die Studienautoren nennen in der Pressemitteilung nur relative Zahlen. Demnach wurde durch die stärkere Blutdrucksenkung die Anzahl von Infarkten, Herzversagen, Schlaganfällen und anderen gefährlichen Herz-Kreislauf-Ereignissen um fast ein Drittel gesenkt. Das Risiko zu sterben war innerhalb des beobachteten Zeitraums um fast ein Viertel niedriger als in der Vergleichsgruppe.
Das fällt auf
Die Pressemitteilung enthält keine absoluten Zahlen. Man weiß also zu diesem Zeitpunkt nicht, wie viele Teilnehmer etwa einen Infarkt oder einen Schlaganfall erlitten. Auch auf die Nebenwirkungen wird nicht eingegangen.
Wer hat’s bezahlt?
Vor allem das US-amerikanische National Heart, Lung, and Blood Institute. Beteiligt waren zusätzlich das National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases, das National Institute of Neurological Disorders and Stroke und das National Institute on Aging.
Zur Autorin
  • Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.



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insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
TomRohwer 12.09.2015
1.
Die Pharma-Industrie nähert sich mit großen Schritten ihrem Traumziel: Kein Mensch mehr ohne medikamentös eingestellten Blutdruck! Über 120/70 ist zu hoch unter 120/70 ist zu niedrig. Pillen für 7 Milliarden Menschen - was für ein Markt...
günterjoachim 12.09.2015
2. Vorsicht...
Nach einem Schlaganfall vor 8 Jahren habe ich geraume Zeit Blutdrucksenker genommen - leichte Nebenwirkungen waren Gedächtnisverlust, Unsicherheit bei Breitenschätzung beim Autofahren. Habe vor einem Jahr alles abgesetzt. Blutdruck ist jetzt 130/80, Gedächtnisverlust ist weg, Breitenschätzung wieder o.k. Finger weg von den Medikamenten, insbesondere nicht auf Dauer einnehmen. Studien einfach ignorieren hält vermutlich besonders gesund.
jakam 12.09.2015
3.
Chemie Chemie Chemie - in den USA ist die Pillenhörigkeit besonders groß - und die Profitgier steht dem nichts nach. Selbst schuld, wer dermaßen unreflektiert alles zu sich nimmt. Statt sich mehr zu bewegen und weniger Fast Food in sich reinzustopfen - aber wer schon mal in den USA war und nicht nur die rosa "oooh ist das alles toll"-Touristenblindenbrille auf hatte, wird selbst bemerkt haben, wie rückständig und naiv die Einwohner eines einstmaligen Hoffnungsträgerlandes mittlerweile sind. Land of the flakes. Vom Nachahmen ist schwer abzuraten und man sollte sich nicht von den hübschen Imagefilmchen aus Hollywood blenden lassen.
sonorian 12.09.2015
4. Es stimmt leider...
...hier drüben in Kanada (und genauso oder noch mehr in den USA) werden sehr schnell starke Medikamente verschrieben. Bei Bluthochdruck, auch geringem, gern die volle Dosis Betablocker. Erst bei einem Besuch in Littauen, wo ich durch Freunde eine Kardiologie-Professorin traf, bekam ich gute Info, und ein wesentlich "leichteres" Medikament mit dem Wirkstoff Indapamid (mit oder ohne Perindopril); im Internet lässt sich mehr dazu finden. Noch schlimmer ist's in Nordamerika mit Psychopharmaka, überall sieht man die Ritalin-Zombies herumgeistern, schon im Kindesalter...aber das ist nun wieder ein anderes Thema. Zum Glück wird in dieser Sparte des SPON gut und viel berichtet. Dank an Frau Weber und Kolleginnen!
Rotter 12.09.2015
5. Neue Patienten generieren..
für Ärzte und Pharmaindustrie; dazu bedurfte es einer neuen "Studie", damit eine neue "Lehrmeinung" in die Welt gesetzt werden kann. Ob die auch die Nebenwirkungen der Medikamente untersucht haben?
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