Ein rätselhafter Patient Spurensuche auf dem Wochenmarkt

Eine 78-jährige Chinesin leidet unter Kopfschmerzen und geistigen Beeinträchtigungen. Drei Wochen später landet ihr Sohn mit ähnlichen Beschwerden in einer Klinik. Die Fälle führen die Ärzte auf einen lokalen Markt.

Markt in China (Archivbild)
AFP

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Seit einigen Wochen leidet die Frau unter mittelstarken Kopfschmerzen. Sie ist ungewöhnlich schläfrig und hat kognitive Probleme, wie es die Ärzte formulieren. Darunter fallen etwa Konzentrationsstörungen und Vergesslichkeit. Fieber hat sie nicht. Auch an Übelkeit oder Erbrechen habe sie in der Zeit nicht gelitten, berichtet die 78-Jährige den Ärzten im Zhujiang Hospital im chinesischen Guangzhou.

Der Nacken der Patientin ist etwas steif, stellen die Ärzte bei der Untersuchung fest. Sie entnehmen ihr Blut und Liquor - das ist die Flüssigkeit, die Hirn und Rückenmark umspült. Im Blut ist die Zahl der weißen Blutzellen erhöht. Vor allem schwimmen sogenannte eosinophile Granulozyten in ungewöhnlich großer Zahl im Blut. Diese Zellen treten beispielsweise bei allergischen Erkrankungen, bei Scharlach oder bei Parasitenbefall vermehrt auf.

Zu viele weiße Blutkörperchen

Auch im Liquor weisen die Mediziner größere Mengen weißer Blutzellen nach. Die Flüssigkeit ist hellgelb und getrübt, eigentlich sollte Liquor klar und farblos sein. Der Liquor der Patientin enthält zu viel Zucker (Glukose) und Eiweiß.

Die Frau sagt, sie habe in letzter Zeit keinen Unfall gehabt, sei keinen Giftstoffen ausgesetzt gewesen und habe auch keinen rohen Fisch oder rohe Meeresfrüchte gegessen.

Ihre Leber arbeitet normal, ein Röntgenbild des Oberkörpers zeigt nichts Auffälliges. Doch eine Magnetresonanztomografie des Gehirns offenbart Entzündungsherde.

Die Frau hat eine Meningoenzephalitis, eine Entzündung von Gehirn und Hirnhäuten. Doch was hat sie ausgelöst? Viren oder Bakterien? Die hohe Anzahl der eosinophilen Granulozyten lässt die Ärzte vermuten, dass in diesem Fall Würmer verantwortlich sind.

Um dies zu prüfen, suchen die Mediziner in Blut und Liquor nach Antikörpern gegen den Parasiten Angiostrongylus cantonensis - und werden fündig. Der Fadenwurm kommt unter anderem in China, Thailand, Vietnam vor. Er lebt vor allem in Ratten und Schnecken. Menschen können sich zum Beispiel anstecken, wenn sie nicht ausreichend gekochte Schnecken essen - oder Salat, der mit infizierten Schnecken in Kontakt war.

Die Patientin erhält drei Wochen lang ein Antiwurmmittel und einen Entzündungshemmer, ihre Beschwerden klingen ab. Erneut entnommener Liquor ist klar, die Laborwerte sind normal.

Um den Infektionsweg zu ergründen, befragen die Ärzte die Frau kurz nach der Diagnose erneut zu ihren Ernährungsgewohnheiten. Sie erzählt, dass sie mehrmals rohe Tausendfüßer gegessen hat.

Auch der Sohn erkrankt

Als sich seine Mutter erholt hat, sucht ihr 46-jähriger Sohn dieselbe Klinik in Guangzhou auf. Auch er leidet seit mehreren Wochen an Kopfweh. Sein Nacken ist versteift. Fieber oder kognitive Probleme hat er keine. Wie seine Mutter hat er rohe Tausendfüßer gegessen. Folgende Tests bestätigen die nun naheliegende Diagnose: Der Mann hat sich mit dem parasitären Fadenwurm infiziert, der auch seine Mutter plagte. Er wird mit der gleichen Behandlung kuriert, wie das Team um Huijie Wang im "American Journal of Tropical Medicine and Hygiene" berichtet.

Für die Ärzte sind die Fälle noch nicht abgeschlossen. Sie kaufen auf dem Markt, den auch die Patientin und ihr Sohn besuchten, einige lebende Tausendfüßer. Sie stammen nicht aus einer Zucht, sondern wurden gefangen. Im Labor stellen die Mediziner fest, dass sieben von 20 Tausendfüßern von A.-cantonensis-Larven befallen sind.

Tausendfüßer werden in der traditionellen chinesischen Medizin verwendet. Normalerweise werden sie dafür aber getrocknet oder zu Pulver zermahlen, was eine Übertragung von Wurmparasiten sehr unwahrscheinlich macht. Die beiden Patienten aber aßen die Tiere roh, weil sie glaubten, dies würde ihre Gesundheit fördern. "Stattdessen machte es sie krank", sagt die an dem Fall beteiligte Neurologin Lingli Lu.

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insgesamt 5 Beiträge
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flohzirkusdirektor 12.08.2018
1. Eine Frage:
Was soll an diesem Fall "besonders" gewesen sein? Der Liquor rief laut *mindestens Menigitis*! Die Eosinophilie im Diff-BB sagte gleich am Anfang "Parasit". Das einzig Interessante ist die Fadenwürmer im Hirn, das bekannte "Zebra"! Ich hätte zunächst an die "Pferde" Echinokokken gedacht - gerade nach der Echinokokkuszyste in einem Wirbelkörper vom letzten Sonntag, denn der wird mir sehr lange in Erinnerung bleiben (ich hatte nämlich ein Jahr lang in der WS-Chirurgie gearbeitet) ...
brosswag 13.08.2018
2. sehr erfreulich
Interessant ist vor allem, dass es in China möglich ist, eine aufwändige Untersuchung einzuleiten welche die Forscher zuletzt bis zum Lebensmittelmarkt führte. Dies lässt erkennen, dass das Individuum in China nicht so minder bewertet ist, wie es oft dargestellt wird.
flohzirkusdirektor 13.08.2018
3.
Zitat von brosswagInteressant ist vor allem, dass es in China möglich ist, eine aufwändige Untersuchung einzuleiten welche die Forscher zuletzt bis zum Lebensmittelmarkt führte. Dies lässt erkennen, dass das Individuum in China nicht so minder bewertet ist, wie es oft dargestellt wird.
Vielleicht gibt es ja in China auch meldepflichtige Krankheiten? In der Plastischen und Rekonstruktiven Chirurgie hatten wir mal ein Gästgruppe aus China und die Kollegen dort kochen mit demselben Wasser wie wir in Deutschland ...
willibaldus 13.08.2018
4.
Ist besonders interessant in China und Südostasien. Da wird vieles gegessen, was uns unbekannt ist. Oder Nahrungsmittel als Heilmittel angesehen. Der Verzehr von Salat als Gefahr per durch Schnecken übertragener Parasiten war mir neu. Gegen Hepatitis und Typhus kann man sich ja impfen.
rehde 14.08.2018
5. Warnungen
Hallo - ja, bei Reisen ins außereuropäische Ausland werden wir Deutschen/ in Deutschland Lebenden immer vor dem Essen von Salat gewarnt sowie vor rohem und nicht zu schälendem Gemüse und Obst. Es zeigt sich an diesem Beispiel wieder wie richtig das ist Danke!
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