Studie Arztpraxen in Deutschland bleiben ungerecht verteilt

In ländlichen Regionen sind Ärzte rarer - und der Osten steht schlechter da als der Westen. Eine neue Planung soll die Ungleichheiten ausbügeln. Dies wird kaum gelingen, zeigt eine Analyse im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung.

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Ob es in Deutschland genug Ärzte gibt - darüber lässt sich streiten. Zwar praktizieren mehr Mediziner als in vielen anderen Staaten, und Jahr für Jahr gibt es mehr berufstätige Ärzte. Auf der anderen Seite aber warten insbesondere gesetzlich Versicherte oft lange auf einen Facharzttermin. Und in ländlichen Regionen mangelt es an Hausärzten. Erst kürzlich forderte der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) einen Zuschlag für Mediziner in ländlichen Regionen, um dem entgegenzuwirken.

Infolge des sogenannten Versorgungsstrukturgesetzes von 2012 haben Gesundheitspolitiker an einigen Stellschrauben gedreht, damit die Arztpraxen in Deutschland künftig gerechter verteilt sind. Doch hält die neue Bedarfsplanung, was sie verspricht?

Das Iges Institut hat im Auftrag der Bertelsmann Stiftung verglichen, wie Praxen nach alter und neuer Bedarfsplanung verteilt sein müssten und welche Regionen dabei gut oder schlecht abschneiden oder im erhofften Durchschnitt liegen. Für den "Faktencheck Gesundheit" haben sie sich auf vier Fachrichtungen konzentriert: Hausärzte, Pädiater, Gynäkologen und Augenärzte.

Was ist die Bedarfsplanung?
Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) haben den Auftrag, die ambulante ärztliche Versorgung sicherzustellen. Das heißt: Die Versicherten sollen zu jeder Zeit und an jedem Ort unabhängig vom Status und von ihrer Krankenkasse einen Arzt oder Psychotherapeuten ihrer Wahl aufsuchen können. Zu diesem Zweck müssen die KVen gemeinsam mit den Krankenkassen sogenannte Bedarfspläne erstellen. In diesen Plänen wird festgelegt, wo wie viele Ärzte gebraucht werden.
  • Die offizielle Bedarfsplanung wurde Anfang der Neunziger eingeführt. Dabei wurde die damalige Verteilung mit ihrem starken Stadt-Land-Gefälle allerdings im Wesentlichen festgeschrieben.
  • Neu an der aktuellen Bedarfsplanung ist unter anderem der sogenannte Demografiefaktor. Die allgemeine Verhältniszahl im jeweiligen Planungsbereich wird anhand des Anteilsverhältnisses der unter 65-Jährigen zu den über 65-Jährigen angepasst.
Quelle: "Faktencheck Gesundheit"
Grundsätzlich gibt es ein Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land, in Ballungszentren sitzen überdurchschnittlich viele Ärzte. Zum Teil ist das sinnvoll, vor allem weil Pendler Routinetermine beim Arzt vor oder nach der Arbeit in der Stadt wahrnehmen. Diese Argumentation greift jedoch nicht in allen Fachrichtungen. So gehen wohl die wenigsten Eltern mit einem kranken Kind kurz in der Mittagspause zum Pädiater. Doch: "Die Planung verlangt weiterhin von den Bewohnern des Umlandes, sich in der Stadt behandeln zu lassen", sagt Stefan Etgeton von der Bertelsmann Stiftung. (Die Deutschlandkarten zur Planung finden Sie in der Fotostrecke.)

Regionale Unterschiede werden zum Teil verschärft

Durch die neue Planung würden die regionalen Unterschiede bei den Kinderärzten insbesondere zwischen Ost- und Westdeutschland noch verschärft, heißt es im "Faktencheck". Außerdem werde die Gesamtzahl der Kinderärzte verkleinert - um rund 24 Prozent gegenüber dem heutigen Stand. Die Planung für die Kinderarztsitze berücksichtigt nur die Bevölkerung unter 18 Jahren.

Auch Frauenärzte sind in Ostdeutschland seltener vertreten als im Westen. Hier würden die bestehendenden Unterschiede durch die neue Planung fortgeschrieben, heißt es.

Eine leichte Verbesserung sei dagegen bei der Verteilung der Augenärzte zu erwarten, so das Urteil. Das liege vor allem daran, dass die über 65-Jährigen, die im Schnitt häufiger zum Augenarzt gehen, durch die veränderte Planung stärker ins Gewicht fallen.

Positiv bewertet der "Faktencheck" die neue Bedarfsplanung für die Hausärzte. Hier wurden die Planungsbereiche verkleinert, was dazu führen sollte, dass mehr Menschen in der Nähe ihres Wohnortes einen Hausarzt finden. Zudem gilt bundesweit, dass auf 1671 Einwohner ein Hausarzt kommen sollte.

Wenn es gelingt, diese Planung umzusetzen, wären die Praxen von Allgemeinmedizinern in Stadt und Land, West und Ost künftig gerechter verteilt. Ob es gelingt - das ist allerdings eine andere Frage. Dafür müssten nicht nur neue Praxen in ländlichen Regionen eröffnet, sondern auch welche in heute überdurchschnittlich gut versorgten Regionen geschlossen werden.

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insgesamt 37 Beiträge
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mebschmw 10.07.2014
1. Das Grundgesetz kennt die Lösung
Die Lösung ist doch einfach: Auf dem Land und besonders im Osten müssen die Einkommen steigen, damit es dort genauso viele Privatversicherte gibt. Dann reguliert sich das Problem von selbst, weil viele Ärzte dort ihre Praxen eröffnen, wo sie gut verdienen. Ärzte zu zwingen, an unterentwickelten Orten für wenig Geld viel zu arbeiten, erscheint mir wenig sinnvoll. Das erzeugt doch nur neue Ungerechtigkeiten. Das Grundgesetz enthält doch schon die Lösung derartiger Probleme: gleiche Lebensverhältnisse in ganz Deutschland!
martinho79 10.07.2014
2. Tierärzte
Es wird auch in Zukunft zu wenig Ärzte in Deutschland geben, da diese für das Ausland weg gelockt werden, da der Verdienst dort wesentlich höher ist. Dass sich die Praxen auf dem Lande zuerst lichten ist ein logischer Aspekt. Es sollte ausgebildeten Tierärzten die Möglichkeit eines Aufbaustudiums gegeben werden, um als Allgemeinmediziner praktizieren zu dürfen. Die Tierärzte sind ohnehin die bestausgebildete Studiengruppe in Deutschland und extremst unterbezahlt. Ein Verdienst von 2000,- brutto bei Wochenenddienst und 60h-Woche ist hier die Regel. Eine Möglichkeit eines Aufbaustudiums für Allgemeinmedizin von bspw. 4 Semestern würde die Problematik wesentlich verbessern und ggf. sogar lösen.
kumi-ori 10.07.2014
3.
Zitat von sysopDPAIn ländlichen Regionen sind Ärzte rarer - und der Osten steht schlechter da als der Westen. Eine neue Planung soll die Ungleichheiten ausbügeln. Dies wird kaum gelingen, zeigt eine Analyse im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/stadt-land-gefaelle-arztpraxen-in-deutschland-ungerecht-verteilt-a-980049.html
Dafür gibt es für Allgemienärzte im ländlichen Raum die Möglichkeit, eine Zusatzqualifikation zu erwerben, die ihnen die Behandlung von Kindern gestattet. Ansonsten gibt es Kinderärzte nicht nur in den Ballungszentren sondern auch in den meisten Kreisstädten. Es ist nunmal so, dass die Bevölkerungsdichte auf dem Land stark abnimmt, und dass dies vor allem die jüngere Generation betrifft, die noch Kinder bekommt. Wie wollen Sie die Ärzte dazu bewegen, auf dieser Situation eine Existenz aufzubauen, wenn selbst die Schulen, die nicht gezwungen sind, sich wirtschaftlich zu tragen, auf dem Land schließen?
kdshp 10.07.2014
4.
Zitat von sysopDPAIn ländlichen Regionen sind Ärzte rarer - und der Osten steht schlechter da als der Westen. Eine neue Planung soll die Ungleichheiten ausbügeln. Dies wird kaum gelingen, zeigt eine Analyse im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/stadt-land-gefaelle-arztpraxen-in-deutschland-ungerecht-verteilt-a-980049.html
Dann müßten die beiträge auf dem land auch niedriger sein! Kann ja nicht sein das ich buxtehude das gleiche zahle wie in münchen aber keine arzt vor ort habe aber in münchen 50 arbeiten wovon 10 zuviel sind. Aber das haben wir ja den liberalen zu verdanken.
MünchenerKommentar 10.07.2014
5. Angebot und Nachfrage
Nachdem trotz "Bedarfsplanung" dann die Praxen auf dem Land nicht besetzt werden können: Wie wäre es mal mit ein bisschen freiem Markt? Man verteilt solange Geld von den Praxen in den Städten zu den Praxen auf dem Land um, bis die Ärzte freiwillig eine bedarfsgerechte Praxenverteilung schaffen. Dann gibt es eben in München pro Patient und Quartal 50 Euro (einschließlich Einkaufsmöglichkeiten, Oper und Theater) und im bayerischen Wald pro Patient und Quartal 70 Euro (ohne Fußgängerzone und Kultur, aber mit viel Wald)
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