Sterbehilfe Ärzte protestieren gegen Präsident Montgomery

180 deutsche Mediziner fordern von der Bundesärztekammer ein Bekenntnis zur Sterbehilfe. Deren Präsident Montgomery lehnt den ärztlich begleiteten Suizid jedoch entschieden ab - wie auch Gesundheitsminister Gröhe.

Zuwendung für Schwerkranke: Die Debatte um den assistierten Suizid geht weiter
Corbis

Zuwendung für Schwerkranke: Die Debatte um den assistierten Suizid geht weiter


Sollen Ärzte schwerstkranke Menschen in den Tod begleiten dürfen? Frank Ulrich Montgomery, Präsident der deutschen Ärzteschaft, hatte dies kategorisch ausgeschlossen. Dies sei nicht mit dem ärztlichen Berufsethos vereinbar. Gegen diese Haltung regt sich nun heftiger Widerstand. "Montgomery schadet dem Ansehen des Arztberufs" ist ein Brandbrief überschrieben, unterzeichnet haben ihn 180 Mediziner aus ganz Deutschland.

"Es ist nicht nur ethisch vertretbar, sondern hilfreich und human, einen schwerstleidenden Patienten nicht im Stich zu lassen", heißt es in dem Schreiben. Wer sich "wohlinformiert" zum Suizid entschieden habe, verdiene Hilfe. Montgomery spreche längst nicht im Namen der gesamten Ärzteschaft, man wolle sich nicht länger durch Montgomery bevormunden lassen.

Der Groll der Mediziner geht allerdings noch weiter. "Montgomery ist immer wieder mit unsäglichen Aussagen aufgefallen." Erst kürzlich habe er gesagt, dass Suizidbegleitung auch von "Klempnern" erledigt werden könne, berichtet Uwe-Christian Arnold, Mediziner aus Berlin im Interview mit dem SPIEGEL. Damit mache er das Anliegen der betroffenen Patienten lächerlich und schade dem Ansehen des Berufsstands. Arnold gilt als Deutschlands bekanntester Sterbehelfer.

Die Ärzteschaft müsse sich endlich einer Debatte über Sterbehilfe öffnen, sagt Arnold, der die Initiative angestoßen hat. Es sei an der Zeit, "dass sich die Bundesärztekammer von ihrem autokratischen Führungsstil der letzten Jahre verabschiedet". Dazu gehört auch die Überarbeitung des derzeit geltenden Ärzterechts.

Die Musterberufsordnung der Ärztekammer verbietet die Beihilfe zum Suizid, doch diesen Passus haben nur zehn von 17 Landesärztekammern in ihre Berufsordnung übernommen. Arnold fordert, der Bundesverband solle sich ein Beispiel an den Landesärztekammern nehmen, die Sterbehilfe nicht ablehnen. "In Bayern oder Berlin etwa existiert kein explizites Verbot des ärztlich unterstützten Suizids. Mediziner riskieren dort keine berufsrechtlichen Konsequenzen, wenn sie Leidenden helfen."

Der richtige Umgang mit dem Suizid beschäftigt auch die Politik. Die Hilfe zum Suizid ist in Deutschland derzeit straffrei. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) plant jedoch eine Reform der Auflagen, darin sieht er ein ausnahmsloses Verbot organisierter Sterbehilfe vor. Bestärkt wird er darin durch Ärztepräsident Montgomery.

The Lancet/ Elsevier

Dem widersprechen SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) und Bundesvizepräsident Peter Hintze (CDU), die eine Initiative für Sterbehilfe unter bestimmten Bedingungen vorschlagen.

Erst im vergangenen Jahr hatten auch Wissenschaftler und Juristen um Medizinethiker Urban Wiesing einen entsprechenden Gesetzesvorschlag vorgelegt. Sie wollen die Beihilfe zur Selbsttötung zwar unter Strafe stellen, allerdings mit wichtigen Ausnahmen. Mediziner sollen unter Einhaltung strenger Sorgfaltspflichten einem unheilbar Kranken mit begrenzter Lebenserwartung helfen dürfen, sich zu töten. Und zwar dann, wenn sie den Betroffenen zuvor "umfassend und lebensorientiert über seinen Zustand" sowie "über andere - insbesondere palliativmedizinische - Möglichkeiten aufgeklärt haben".

Der offene Brief der 180 Ärzte zielt in die gleiche Richtung. "Wir appellieren an den Ärztestand, für die Sache der Patienten einzutreten."

Sterbehilfe im europäischen Ausland

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 112 Beiträge
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felisconcolor 11.05.2015
1. Tja
werter Herr Hermann Gröhe (CDU) da ist es mit ihrer Christlichkeit wohl vorbei. Es ist ausgesprochen feige sich hinter so etwas zu verstecken und das Leid anderer Menschen konsequent zu ignorieren. Ich habe mir nicht ausgesucht geboren zu werden, lassen sie mir wenigstens die Möglichkeit selbstbestimmt aus dem Leben zu gehen.
Baerschke 11.05.2015
2. Ärzte sollen Leben retten, nicht beenden
Nicht Montgomery schadet dem Ansehen des Arztberufs, sondern die s.g. Ärzte, die Menschen töten wollen, egal welche Gründe sie dafür vorbringen.
nord1icht 11.05.2015
3. Respekt
Ein Arzt, der so einen Brief unterschreibt, verdient Vertrauen und Respekt für seine Haltung – wegen seiner Zuwendung gegenüber schwerstleidenden Patienten und wegen der Zuwehrsetzung gegen die Bevormundung durch diesen unverschämten Feldmarschall.
nord1icht 11.05.2015
4. Respekt
Ein Arzt, der so einen Brief unterschreibt, verdient Vertrauen und Respekt für seine Haltung – wegen seiner Zuwendung gegenüber schwerstleidenden Patienten und wegen der Zuwehrsetzung gegen die Bevormundung durch diesen unverschämten Feldmarschall.
bonngoldbaer 11.05.2015
5.
Montgomery hat recht. Das letzte, was Deutschland braucht, ist T4 durch die Hintertür.
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