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Begleiteter Suizid: Ethiker wollen Ärzten Sterbehilfe erlauben

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Patient im Seniorenheim mit Betreuerin: Bis zum letzten Moment die Freiheit haben, über das eigene Leben zu entscheiden Zur Großansicht
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Patient im Seniorenheim mit Betreuerin: Bis zum letzten Moment die Freiheit haben, über das eigene Leben zu entscheiden

Gesundheitsminister Gröhe fordert ein striktes Sterbehilfeverbot, dagegen regt sich Widerstand. Jetzt fordern Palliativmediziner, Juristen und Ethiker: Ärzte müssen sterbenskranke Patienten in den Tod begleiten dürfen.

Gegen körperliche Schmerzen wirken Medikamente. Gegen die Angst vor dem Tod helfen vielleicht Gespräche. Die letzte Lebenszeit aber nicht mehr eigenverantwortlich gestalten zu können, ist für manchen Todkranken so unerträglich, dass er seinem Leben selbst ein Ende setzen möchte. Dabei braucht er unter Umständen Hilfe. "Der Wunsch nach Suizidbeihilfe ist der Wunsch, im allerschlimmsten Fall immer noch selbst bestimmen zu können", sagt der Medizinethiker Urban Wiesing von der Universität Tübingen. "Wie kann unsere Gesellschaft diese Bitte verweigern?"

Gemeinsam mit dem Palliativmediziner Gian Domenico Borasio von der Universität Lausanne, dem Ethiker Ralf Jox von der LMU München und dem Juristen und Stellvertretenden Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats Jochen Taupitz hat Wiesing am Dienstag in München einen Gesetzesvorschlag präsentiert, wie die Sterbehilfe in Deutschland in Zukunft juristisch geregelt werden könnte.

Die Verfasser wollen die Beihilfe zur Selbsttötung zwar unter Strafe stellen, allerdings mit zwei Ausnahmen. Mediziner sollen demnach unter Einhaltung strenger Sorgfaltspflichten einem unheilbar Kranken mit begrenzter Lebenserwartung helfen dürfen, sich zu töten, wenn sie den Betroffenen zuvor "umfassend und lebensorientiert über seinen Zustand (…) sowie über andere - insbesondere palliativmedizinische - Möglichkeiten aufgeklärt haben." Der Arzt muss der Überzeugung sein, dass der Patient freiwillig handelt, er muss immer einen anderen, unabhängigen Arzt zu Rate ziehen, und zwischen Aufklärungsgespräch und der Beihilfe sollen mindestens zehn Tage verstreichen. Auch Angehörige sind dem Entwurf zufolge nicht strafbar, "wenn sie einem freiverantwortlich handelnden Volljährigen Beihilfe leisten".

Der Arzt soll in den Tod begleiten dürfen

Mit ihrer Initiative unterstützen die Verfasser den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach und den Bundestagsvizepräsidenten Peter Hintze (CDU),die sich für Sterbehilfe unter bestimmten Bedingungen aussprechen. Damit stellen sie sich den Reformplänen von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) entgegen, der ein ausnahmsloses Verbot von organisierter Sterbehilfe vorsieht. Befürworter eines Verbotes ist auch Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery.

"Wir wollen, dass Menschen, die für sich selbst keinen anderen Ausweg als die Selbsttötung sehen, in einem vertrauensvollen Gespräch mit ihrem Arzt Alternativen aufgezeigt bekommen, letztlich aber auch von ihrem Arzt in den Tod begleitet werden dürfen", sagt der Jurist Jochen Taupitz von der Universität Mannheim. "Zugleich soll unser Vorschlag möglichem Missbrauch entgegenwirken."

Die Hilfe zum Suizid ist in Deutschland derzeit straffrei. Umstrittene Vereine wie "Sterbehilfe Deutschland" vom ehemaligen Hamburger Justizsenator Roger Kusch sind daher nicht verboten. Zugleich stiftet das Arztrecht Verwirrung: Die Musterberufsordnung der Bundesärztekammer verbietet die Beihilfe zum Suizid, diesen Passus haben jedoch nur zehn von 17 Landesärztekammern in ihre Berufsordnung übernommen. "Es kann nicht sein, dass ein Arzt in Stuttgart beim Suizid helfen darf, in Köln aber nicht", meint Urban Wiesing.

Hilfe zur Selbsttötung im Geheimen

Immerhin 37 Prozent der Ärzte in Deutschland können sich vorstellen, einem Kranken beim Suizid zu helfen. Und einer Forsa-Umfrage zufolge wollen 70 Prozent der Deutschen im Falle einer tödlichen Erkrankung die Möglichkeit haben, dass ein Arzt ihnen beim Suizid hilft.

"Machen wir uns nichts vor", sagt der Ethiker Ralf Jox, "Beihilfe zur Selbsttötung wird praktiziert, aber meist im Geheimen, ohne Regeln und Kontrollen." Ein bloßes Verbot werde diese Situation nur verschärfen. "Wer es wirklich ernst meint mit dem Schutz des Lebens, muss Regeln aufstellen für eine verantwortungsvolle Suizidbeihilfe", fordert Jox.

Den Autoren geht es dabei insbesondere darum, gewerbliche Organisationen zu verbieten. "Die Politik muss verhindern, dass ein Kranker gedrängt, falsch beraten oder ausgenommen wird", sagt Urban Wiesing. Wer zu wenig Schmerzmedikamente erhalte, müsse eine bessere Palliativmedizin bekommen, wer unter Depressionen leide, müsse dagegen behandelt werden. "Die Aufgabe des Parlaments ist aber nicht, den freiverantwortlichen Suizid als solchen zu bewerten", so Wiesing.

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The Lancet/ Elsevier

Bessere Palliativmedizin statt Sterbetourismus

Die Autoren lehnen ihren Vorschlag an ein Modell im US-Bundesstaat Oregon an, in dem die Suizidbeihilfe seit 17 Jahren ähnlich gesetzlich geregelt ist. Einer kürzlich in "The Lancet" erschienenen Auswertung zufolge ist die Gesamtzahl assistierter Suizide dort konstant niedrig geblieben.

Vor allem die umfassende Beratung der Todkranken führt nach einer im "New England Journal of Medicine" veröffentlichten Untersuchung dazu, dass nur ein Fünftel jener Patienten, die sich von ihrem Arzt zur Suizidbeihilfe haben beraten lassen, am Ende auch tatsächlich durch die Einnahme von Gift gestorben ist. "Die Hälfte der Menschen, die sich das Gift mithilfe ihres Arztes besorgt haben, nimmt es gar nicht", sagt Urban Wiesing. "Aber die Todkranken haben damit bis zum letzten Moment die Freiheit, über ihr eigenes Leben zu entscheiden. Das ist ihnen wichtig."

Der Vergleich zu den Niederlanden und Belgien zeigt hingegen, dass die Sterbehilfefälle dort stark zugenommen haben. Dort ist auch die Tötung auf Verlangen erlaubt, bei der nicht der Patient selbst ein Gift nimmt, sondern der Arzt es verabreicht. Den leichten Anstieg in der Schweiz führen die Autoren auf den Sterbetourismus aus den umliegenden Ländern zurück.

Ähnlich wie in Oregon soll die gesetzliche Regelung der Sterbehilfe nach dem Entwurf des Autorenteams auch hierzulande an einen Ausbau und die Verbesserung der Palliativmedizin gekoppelt werden. Wiesing meint: "Es darf kein Entweder-oder geben, sondern nur ein Miteinander."

Sterbehilfe im europäischen Ausland

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, Bundesgesundheitsminister Gröhe sehe ein ausnahmsloses Verbot von Sterbehilfe vor. Tatsächlich fordert er aber ein Verbot von organisierter Sterbehilfe. Wir haben den Satz richtig gestellt und bitten um Entschuldigung für den Fehler.

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insgesamt 78 Beiträge
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1. Warum gerade Ärzte?
ein-berliner 26.08.2014
Deren Aufgabe wird durch ihren Eid definiert und es gibt somit keine Rechtfertigung für legale Tötungen. Soll doch ein verbrecherischer Staat wieder Scharfrichter für diese Wünsche einsetzen mit Fallpauschale und dem ganzen Brimborium vo Rechtfertigungen. Einzig zusehen sollten die Götter in Weiß dürfen, nichts anderes ist hier unter Begleitung zu verstehen.
2. Tabubruch
klarobello 26.08.2014
Das Tötungs-Tabu ist tief in uns und der Gesellschaft verankert, wird es gebrochen, geschieht ein langsamer Dammbruch, denn ist es einmal ausser Kraft, so wird sich bei Entscheidungen in der Zukunft, immer wieder darauf berufen. Es folgt ein langsames Aufweichen des Tabus, was wohl irgendwann mal ermöglichen wird Arbeitslose von ihrem "unnützen Leben" zu befreien. Leute die etwas Blick fürs Ganze haben, sollten bei so etwas nicht mitziehen. Ausserdem sind die Schmerzmittel inzwischen so gut geworden, dass auch von daher kein so grosser Druck mehr besteht.
3.
frubi 26.08.2014
Als freier Mensche, der auch beim Italiener zwischen 24 verschiedenen Eissorten wählen kann, möchte ich auch die Art meines Todes sowie den Zeitpunkt selber bestimmen. Ich möchte nicht, dass das Schicksal für mich entscheidet. Es muss doch möglich sein, dass Menschen wie ich eine Chance zum Freitod haben ohne das sich die älteren Menschen in unserer Gesellschaft bedrängt vielen. Es soll und darf ruhig jeder 90 Jahre alt werden. Bei mir ist Schluss sobald mein Körper den Geist aufgibt (Beweglichkeit, Kreislauf, Verdauung etc.).
4. Henker und Heiler
spon_2277428 26.08.2014
sollen bitte schön getrennt bleiben, krasser könnten sich zwei Berufe nicht entgegenstehen! Das nennt man sonst Gewaltenteilung und Vermeidung von Interessenkollision. Schon vergessen? Oder sind Ärzte (und Mörder) keine Menschen?
5. Ich kann es verstehen
fusselsieb 26.08.2014
Wenn man selber mal eine pflegebedürftige Person hatte, die darum bettelt, sterben zu dürfen... Der fade Beigeschmack bleibt allerdings, daß das erst in Zeiten der knappen Kassen in den Renten- und Sozialversicherungen kommt. Trotzdem. Jeder bei klarem Verstand muß über sein Schicksal selbst entscheiden dürfen.
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Zur Autorin
  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie leitet das Ressort Wissenschaft/Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

Arten der Sterbehilfe
Aktive Sterbehilfe
Der Tod eines Menschen wird absichtlich und aktiv herbeigeführt. Zum Beispiel, indem ein Arzt eine tödliche Dosis Medikamente verabreicht. Diese Form der Sterbehilfe ist in Deutschland verboten (Tötung auf Verlangen oder Totschlag oder gar Mord).
Passive Sterbehilfe
Lebensverlängernde Maßnahmen wie zum Beispiel künstliche Ernährung werden auf Wunsch des Sterbewilligen eingestellt. Er erhält eine schmerzlindernde Behandlung, die Grundpflege und Seelsorge werden beibehalten. In Deutschland ist diese Form bei entsprechendem Patientenwillen straflos.
Indirekte aktive Sterbehilfe
Ein Arzt verabreicht einem Patienten auf dessen Wunsch hin schmerzlindernde Medikamente, zum Beispiel Morphin. Eine lebensverkürzende Wirkung wird in Kauf genommen, ist aber nicht beabsichtigt. Diese Form ist in Deutschland straflos, aber die Grenze zur aktiven Sterbehilfe ist fließend.
Assistierte Selbsttötung
Eine Person leistet Beihilfe zum Suizid, etwa durch Beschaffung eines tödlichen Mittels. Der Patient muss es selbständig einnehmen, bei der Handlung darf nicht einmal jemand seine Hand führen. Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland nicht strafbar. Ärzten drohen theoretisch jedoch berufsrechtliche Konsequenzen bis hin zum Entzug der Approbation: "Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten", heißt es in Paragraf 16 der Muster-Berufsordnung, wie sie als Empfehlung vom Deutschen Ärztetag beschlossen wurde. Allerdings haben mehrere Landesärztekammern die Formulierung abgewandelt oder gar nicht in ihre Berufsordnungen übernommen. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, kann sich laut SPIEGEL an keinen Fall erinnern, in dem es in den vergangenen Jahren wegen Sterbehilfe zum Entzug der Approbation gekommen wäre.
Patientenverfügung
In Deutschland haben Volljährige die Möglichkeit, in einer Patientenverfügung im Voraus schriftlich festzulegen, ob und wie sie in bestimmten Situationen ärztlich behandelt werden möchten (Paragraf 1901a, Bürgerliches Gesetzbuch). Diese Angaben sind - sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind - für Ärzte verbindlich. Ausführliches Info-Material stellt das Justizministerium zur Verfügung.

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