Vorschlag zur Sterbehilfe Ärzte sollen beim Suizid helfen dürfen

Im Herbst entscheidet der Bundestag, ob Ärzte unheilbar Kranken beim Sterben helfen dürfen. Parlamentarier um Karl Lauterbach haben jetzt einen Entwurf formuliert, der bewusst auf strafrechtliche Regeln für Mediziner verzichtet.

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Arzt-Patient-Gespräch: Abgeordnete haben Bedingungen definiert, unter denen Sterbehilfe geleistet werden darf
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Arzt-Patient-Gespräch: Abgeordnete haben Bedingungen definiert, unter denen Sterbehilfe geleistet werden darf


Geht es nach einer Gruppe Abgeordneter um Karl Lauterbach (SPD) sowie Bundestagsvizepräsident Peter Hintze (CDU), wird es Ärzten zukünftig erlaubt sein, Suizidhilfe bei aussichtslos Schwerkranken zu leisten. In ihrem Gesetzentwurf zur Neuregelung der Sterbehilfe, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, werden bewusst keine strafrechtlichen Auflagen gemacht.

"Wir wollen Rechtssicherheit für die Ärzte schaffen", sagt Lauterbach. Die Menschen sollten wissen, dass sie sich an ihren Arzt wenden können, wenn sie in größter Not sind und Ärzte sollen wissen, dass sie bei diesen schwere Entscheidungen keine berufsrechtlichen Sanktionen zu befürchten haben. Damit werde auch den umstrittenen Sterbehilfevereinen die Grundlage entzogen, hofft Lauterbach.

Besonderes Maß an Verantwortung

Beihilfe zum Suizid ist nicht strafbar, doch Ärzte befinden sich derzeit in Deutschland in einer gesetzlichen Grauzone. Ihnen ist die Hilfe zur Selbsttötung in zehn von 17 Ärztekammerbezirken in den einzelnen Bundesländern durch die dortigen Berufsordnungen untersagt. Bei einem Verstoß drohen ihnen berufsrechtliche Konsequenzen bis hin zum Entzug der Zulassung. Umstrittene Vereine wie Sterbehilfe Deutschland des früheren Hamburger Justizsenators Roger Kusch sind nicht verboten.

Seit Monaten ringen Politiker um die Neuregelung der Sterbehilfe, die letztlich im November im Bundestag entschieden werden soll. "Ich halte ein striktes Verbot der Sterbehilfe für nicht mehr zeitgemäß", sagt Lauterbach, der den Entwurf seiner Gruppe am Donnerstag offiziell vorstellen wird. Es gäbe Menschen, die einen berechtigten Wunsch haben, dass man ihnen beim Sterben hilft. Etwa schwerkranke Krebspatienten. Die Gesellschaft dürfe diese nicht alleinlassen.

Im Bürgerlichen Gesetzbuch soll daher verankert werden, dass unheilbar Kranke zur "Abwendung eines krankheitsbedingten Leidens" die Hilfe eines Arztes bei der "selbst vollzogenen Beendigung ihres Lebens" in Anspruch nehmen dürfen.

Die Hilfestellung darf erfolgen,

  • wenn eine ärztliche Beratung stattgefunden hat,

  • die Unumkehrbarkeit der Erkrankung sowie die Wahrscheinlichkeit des Todes medizinisch festgestellt ist,

  • der Todeswunsch und die Einwilligungsfähigkeit des Patienten durch einen zweiten Arzt bestätigt wird.

  • Die Hilfestellung erfolgt freiwillig, die Entscheidung über Zeitpunkt und Art der Lebensbeendigung trifft der Patient.

  • Der Vollzug der Lebensbeendigung durch den Patienten erfolgt unter medizinischer Begleitung.

Palliativmedizin statt Sterbetourismus

Mit ihrem Entwurf stellt sich die Gruppe um Lauterbach und Hintze bewusst gegen die Forderung von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), der ein umfassendes Verbot der organisierten Hilfe zur Selbsttötung fordert - darunter fallen Sterbehilfevereine aber auch ärztlich unterstützter Suizid.

"Es darf nicht sein, dass Selbsttötung gleichsam als Behandlungsvariante neben anderen angeboten wird", sagte Gröhe im SPIEGEL. Er will stattdessen den Ausbau des Hospiz- und Palliativwesens ausweiten. Das Ministerium plane 150 bis 200 Millionen Euro im Jahr für die Betreuung schwerstkranker Menschen ein.

Die Mehrheit der Christdemokraten unterstützt Gröhe, darunter Fraktionschef Volker Kauder und CSU-Chef Horst Seehofer. "Die verkehrteste Antwort wäre: Wir greifen zur Pille", sagte Seehofer.

Der Präsident der Deutschen Ärzteschaft, Frank Ulrich Montgomery lehnt die Sterbehilfe durch Ärzte ebenfalls ab, gerät dadurch aber immer mehr in die Kritik seiner Mitglieder. "Es ist nicht nur ethisch vertretbar, sondern hilfreich und human, einen schwerstleidenden Patienten nicht im Stich zu lassen", heißt es in einem kürzlich veröffentlichen Brandbrief, den 180 Mediziner unterzeichnet haben. Wer sich "wohlinformiert" zum Suizid entschieden habe, verdiene Hilfe. Montgomery spreche längst nicht im Namen der gesamten Ärzteschaft, man wolle sich nicht länger bevormunden lassen.

Es gibt keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele Menschen in Deutschland mit Unterstützung anderer den Tod suchen und finden, sagt Lauterbach. Schätzungen gingen von weniger als 500 Menschen im Jahr aus.

Sterbehilfe im europäischen Ausland

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DieButter 15.06.2015
1. Problematik nur teilweise erkannt
Gröhes Verbot der organisierten Hilfe zur Selbsttötung zeigt mal wieder den Realitätsschwund der Politikerkaste. Das würde das Problem nur wieder in den Schatten verdrängen, während die aktuelle Diskussion ja gerade eine öffentlich akzeptable Lösung sucht. Dies aber einfach den Ärzten aufzubürden zu wollen, dürfte die schlechteste aller Optionen sein. Mit Ausnahme der 180 "Brandbriefunterzeichner" lehnt eine überwältigende Mehrheit der Mediziner es ab, sich an einer derartigen Suizidlösung zu beteiligen. Also selbst, wenn der Arzt vom Staat straflos gestellt würde, heißt das noch lange nicht, dass der Arzt es dann auch als seine persönliche Pflicht ansieht, jemand vom Leben "zu befreien". Es muss wohl erst einmal in den Politikerköpfen ankommen, dass der Mediziner einen Heilberuf verkörpert, keinen Todesengel auf Abruf. Dafür sollte es idealerweise einen speziell geschulten, neuen Berufsstand geben, der erst noch geschaffen werden müsste.
AlbertGeorg 15.06.2015
2. Das wäre ein erster Schritt!
Jeder hat das Recht zu sterben wann er will! Alles andere hat mit Recht wenig zu tun, aber viel mit Glauben. Was geschieht in folgender Tragödie, die sich seit Jahren in Bayern abspielt: Eine 18 jährige kommt in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie, weil sie einfach sterben will. Heute ist sie 45 und noch immer in der Psychiatrie weil sie einfach sterben will. Ein mal im Jahr wird sie vollgepumpt mit Drogen dem Richter vorgeführt, der sie fragt ob sie noch immer sterben will. Trotz der Medikamente bleibt sie bei ihrer Meinung. Der Richter ist fast den Tränen nahe, als er ihr mitteilt, dass er sie nun leider ein weiteres Jahr in der geschlossenen Abteilung festhalten muss, weil er sie vor sich selber schützen muss. Das können die Beteiligten natürlich noch 50 Jahre so weiter betreiben. Die einzige Chance die die Frau hat, ist, ein Jahr glaubhaft den Wunsch zu leben zu äußern. Dann wird sie freigelassen und darf sich umbringen! Das ist christliche Nächstenliebe!
Hammelinda 15.06.2015
3. Wie schrieb schon Sohokles:
"Zu sterben ist ja nicht das Ärgste, sodnern wenn jemand sich zu sterben wünscht und dann auch dieses nicht relangen kann!" (Elektra, Reclam Übersetzung)
hartmannulrich 15.06.2015
4. Minister Gröhe hat recht
Mit diesem Entwurf würde Suizidbeihilfe zur ärztlichen Leistung gemacht (von wem bezahlt?), und menschliches Leben unter bestimmten Umständen per Gesetz für nicht mehr lebenswert erklärt. Zum Glück gibt es auch noch andere Vorschläge, die im Bundestag eingebracht werden sollen. Nur werden sie vom "Spiegel" und "Spiegel online" - auch in den verlinkten Artikeln - kaum erwähnt. Die Berichterstattung ist ziemlich einseitig.
Wheredoyouwanttogotoday? 15.06.2015
5. Derzeit ist Suizid fast immer gewalttätig
Das lässt hoffen, dass wir nicht in einem vollautoritären Staat leben, in dem man sich schwerstkrank noch in dunklen Ecken herumdrücken muss, um sich illegal eine Waffe zu besorgen, um sich dann heimlich und alleine irgendwo zu erschießen, so dass man möglichs nicht von einem Kind gefunden wird -unfassbar, wie sich Gröhe das vorstellt. Konservative haben einfach keine Vorstellung von einem glücklichen, selbst bestimmten und erfülltem Leben, aus dem man freiwillig scheidet, wenn die Zeit da ist. Zu einem professionellen Arzt würde ich mich dazu gerne begeben, besser aber noch zu einer professionellen Organisation, die auch das Drumherum mit gestaltet.
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