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Sterbehilfe-Debatte: Sterben ohne Staatsanwalt

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Auf dem Weg in den Tod: Wie wollen wir sterben? Zur Großansicht
Corbis

Auf dem Weg in den Tod: Wie wollen wir sterben?

Gestern erst hat der Bundestag beschlossen, die Begleitung von Schwerstkranken zu verbessern. Dumm nur, dass schon heute mit dem Sterbehilfe-Gesetz alle Anstrengungen wieder zunichte gemacht werden könnten.

Das Sterben ist eine lästige Angelegenheit. Man würde es so gern verdrängen, schon den Gedanken daran schiebt man fort. Niemand bringt das ehrlicher auf den Punkt als "Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner, der in dieser Woche schrieb: "Sterben ist scheiße."

Man hält das Ende auf Distanz, schon ganz räumlich. Gestorben wird meist nicht mehr zu Hause, sondern in Kliniken oder Heimen. Sich von den Toten zu verabschieden, macht vielen Menschen Angst. Sogar die Friedhöfe sind ziemlich weit draußen, seit sie an den Stadträndern liegen, wo noch Platz ist. Soziologen nennen das kollektive Verdrängung.

Das Lebensende war nicht vorgesehen

Den Tod kann man totschweigen, gerade im deutschen Gesundheitswesen war das zu lange der Fall. Das Lebensende war darin nicht vorgesehen. Nur wenige Krankenhäuser waren darauf vorbereitet, Schwerstkranke zu begleiten und nicht nur zu behandeln. Es galt nicht als Kassenleistung, einem Sterbenden die Hand zu halten. Im ärztlichen Curriculum tauchte die Medizin für Sterbende als Pflichtfach viel zu lange nicht auf. Palliativmedizin war ein Fach für Exoten.

Seit gestern darf das Sterben auch offiziell als wichtiger Teil des Lebens gelten: Der Bundestag hat ein Hospiz- und Palliativgesetz verabschiedet. Es ist ein Zeichen, dass jeder Mensch künftig in Würde sterben soll. Und würdig bedeutet vor allem: gut begleitet. Sicher, es gäbe noch vieles besser zu machen. Die Investition ist überschaubar. Auf dem Land bleibt die Ausstattung mit professionellen Sterbebegleitern dürftig. In den Pflegeheimen werden weiter zu viele Senioren allein sein, wenn sie tief in der Nacht mit dem Tod ringen. Und doch war das Gesetz dringend nötig: Es holt das Sterben aus der Tabuzone.

Das Paradoxe ist allerdings: Nur einen Tag später, heute schon, könnte der Bundestag das, was er gestern auf den Weg gebracht hat, torpedieren. An diesem Freitag entscheiden die Abgeordneten über die Frage, ob die Sterbehilfe in Deutschland neue Regeln braucht. Bislang ist die Beihilfe zum Suizid nicht verboten. Viele Abgeordneten hegen aber Sympathien für den Vorstoß, die "geschäftsmäßige Förderung" des Suizids unter Strafe zu stellen.

Ärzte unter Verdacht

Treffen soll das Verbot die umstrittenen Sterbehilfevereine, bei denen Patienten auch ohne allzu lästige Fragen einen schnellen Tod bestellen können. In Wahrheit aber nähme ein solches Gesetz auch vielen Ärzten ihren Freiraum, weil es unglücklich formuliert ist. Gerade Palliativmediziner, die täglich mit Sterbenden zu tun haben, müssten fürchten, dass sich der Staatsanwalt bald für ihre Arbeit interessiert. Selbst mit ganz normalen Beratungsgesprächen könnten sie sich im Zweifel verdächtig machen, fürchten Mediziner. Über das Sterben würde dann wieder geschwiegen.

Es wäre klüger, diesen Gesetzentwurf einfach durchfallen zu lassen, das Abstimmungsverfahren macht es möglich - und es wäre noch nicht einmal so, als würde damit alles bleiben, wie es war.

Die Frage, wie wir sterben wollen und welchen Beistand wir uns dabei wünschen, was Palliativmedizin leisten soll und welchen Raum der Abschied braucht, ist zum politischen Großthema geworden. Dahinter kann niemand mehr zurück. Ja, "Sterben ist scheiße". Aber man kann viel tun, es erträglicher zu machen.

Zur Autorin
Maurice Weiss/Ostkreuz

Cornelia Schmergal ist Wirtschaftsredakteurin im Hauptstadtbüro des SPIEGEL.

E-Mail: Cornelia_Schmergal@spiegel.de

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insgesamt 44 Beiträge
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1. Letzlich
awoth 06.11.2015
dienen doch fast alle Gesetzesänderungen nur zum 'Sparen', damit an anderer Stelle mehr übrig bleibt.... Schaut das Ganze mal durch diese Brille an und es wird einiges klarer! Moral? Humanität?? Im Sinne des Volkes???
2. Gut, dass wir wenigstens die Milliarden für Flüchtlinge haben !
MikeRubato 06.11.2015
Da ist das Geld sicher besser angelegt als bei so nebensächlichen Sachen wie Sterbebegleitung. Sollen die Alten im Pflegeheim doch weiter nachts alleine mit dem Tod ringen, für sowas ist kein Geld da, und Fachkräfte werden das ja auch nicht mehr, weil sie dann nämlich tot sind. Aber wir sind ja sooo human, das Sommermärchen, Märchen im Wortsinne.
3. persönliche Entscheidung
aufdenpunktgebracht, 06.11.2015
Der Bundestag hat über dieses Thema gar nicht zu entscheiden. Das ist einzig und alleine eine persönliche Entscheidung jedes einzelnen. Wie können da ein paar Menschen, die ihre eigene Meinung dazu haben, für alle entscheiden? Das ist eine Anmaßung.
4. Sie schreiben so schön:
humptata 06.11.2015
"In den Pflegeheimen werden weiter zu viele Senioren allein sein, wenn sie tief in der Nacht mit dem Tod ringen." Erstens nicht nur in den Pflegeheimen. Und zweitens - wenn sie es denn erstmal dahin geschafft haben, dass sie mit dem Tod ringen dürfen... Denn dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, und die lange Zeit des Dahinsiechens, des am-Leben-erhalten-Werdens mit allen Tricks der modernen Medizin, neigt sich dem glücklichen Ende zu. Jawohl! GLÜCKLICHEN Ende. Der Tod heißt nicht von ungefähr "Freund Hein", und ich möchte nicht wissen, wie viele alte, kranke Menschen das Zusammentreffen sehnlichst herbeiwünschen.
5. Nein, Nein, Nein!
ford_mustang 06.11.2015
Sterbehilfe ist ein NoGo! Wenn es dann irgendwann Sterbehilfe in privaten Unternehmen gibt, müssen Werte erreicht werden. Setzen wir doch lieber unsere hochgelobte Medizin für wirklich Jeden ein. Sterben darf nich staatlich sanktioniert vereinfacht werden. Das Kapitel hatten wir schon.
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Arten der Sterbehilfe
Aktive Sterbehilfe
Der Tod eines Menschen wird absichtlich und aktiv herbeigeführt. Zum Beispiel, indem ein Arzt eine tödliche Dosis Medikamente verabreicht. Diese Form der Sterbehilfe ist in Deutschland verboten (Tötung auf Verlangen oder Totschlag oder gar Mord).
Passive Sterbehilfe
Lebensverlängernde Maßnahmen wie zum Beispiel künstliche Ernährung werden auf Wunsch des Sterbewilligen eingestellt. Er erhält eine schmerzlindernde Behandlung, die Grundpflege und Seelsorge werden beibehalten. In Deutschland ist diese Form bei entsprechendem Patientenwillen straflos.
Indirekte aktive Sterbehilfe
Ein Arzt verabreicht einem Patienten auf dessen Wunsch hin schmerzlindernde Medikamente, zum Beispiel Morphin. Eine lebensverkürzende Wirkung wird in Kauf genommen, ist aber nicht beabsichtigt. Diese Form ist in Deutschland straflos, aber die Grenze zur aktiven Sterbehilfe ist fließend.
Assistierte Selbsttötung
Eine Person leistet Beihilfe zum Suizid, etwa durch Beschaffung eines tödlichen Mittels. Der Patient muss es selbständig einnehmen, bei der Handlung darf nicht einmal jemand seine Hand führen. Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland nicht strafbar. Ärzten drohen theoretisch jedoch berufsrechtliche Konsequenzen bis hin zum Entzug der Approbation: "Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten", heißt es in Paragraf 16 der Muster-Berufsordnung, wie sie als Empfehlung vom Deutschen Ärztetag beschlossen wurde. Allerdings haben mehrere Landesärztekammern die Formulierung abgewandelt oder gar nicht in ihre Berufsordnungen übernommen. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, kann sich laut SPIEGEL an keinen Fall erinnern, in dem es in den vergangenen Jahren wegen Sterbehilfe zum Entzug der Approbation gekommen wäre.
Patientenverfügung
In Deutschland haben Volljährige die Möglichkeit, in einer Patientenverfügung im Voraus schriftlich festzulegen, ob und wie sie in bestimmten Situationen ärztlich behandelt werden möchten (Paragraf 1901a, Bürgerliches Gesetzbuch). Diese Angaben sind - sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind - für Ärzte verbindlich. Ausführliches Info-Material stellt das Justizministerium zur Verfügung.
Die Regelungen zur Sterbehilfe in Deutschland
Indirekte aktive Sterbehilfe
Beim Thema Sterbehilfe wird generell zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe sowie Beihilfe zur Selbsttötung unterschieden. Eine direkte, aktive Tötung, etwa mit einer Giftspritze, ist auch auf Verlangen strafbar. Erlaubt ist allerdings eine indirekte aktive Sterbehilfe: etwa der Einsatz von Medikamenten, deren Nebenwirkungen die Lebensdauer herabsetzen können. Die aktive Lebensverkürzung wird dabei als ungewollte, aber unvermeidbare Nebenwirkung billigend in Kauf genommen.
Passive Sterbehilfe
Unter passiver Sterbehilfe verstehen Juristen das "Zulassen des natürlichen Sterbens": Hierbei werden lebensverlängernde Maßnahmen wie Beatmung oder künstliche Ernährung unterlassen oder beendet. Auch eine Sterbebegleitung in Form von Beistand, Seelsorge und schmerzstillender Palliativmedizin gilt als passive Sterbehilfe.
Patientenwille
Wichtig ist es, bei der passiven wie auch der indirekten aktiven Sterbehilfe, den Willen des Patienten zu kennen. Denn - vereinfacht gesagt - ist hier fast alles erlaubt, wenn es dem Willen des Patienten dient. Umgekehrt kann das passive Sterbenlassen eines Hundertjährigen eine Tötung sein, wenn dieser leben will.
Patientenverfügungen
Die neue gesetzliche Regelung zur Patientenverfügung (Drittes Gesetz zur Änderung des Betreuungsrechts) wurde im Juni 2009 nach sechsjähriger Debatte vom Bundestag verabschiedet. Danach sind schriftliche Patientenverfügungen für Ärzte und Angehörige verbindlich, unabhängig vom Krankheitsstadium. Das heißt, dass die Verfügung auch befolgt werden muss, wenn der Kranke noch nicht die Sterbephase erreicht hat. Fordert der Patient die Einstellung lebenserhaltender medizinischer Maßnahmen, muss der Arzt dies umsetzen.
Beihilfe zum Suizid
Problematisch wird es bei der Beihilfe zur Selbsttötung. Das grundgesetzlich garantierte Selbstbestimmungsrecht gibt jedem das Recht, aber nicht die Pflicht zu leben. Da somit in Deutschland eine Selbsttötung straffrei ist, ist auch die Beihilfe zur Selbsttötung straffrei, wenn sie vor der Tötung stattfindet - also ein Helfer dem Sterbewilligen etwa ein Glas mit Gift hinstellt, das dieser dann selbstständig austrinkt.

Im Gegensatz zum Strafrecht verbietet das Standesrecht den Ärzten in Deutschland jedoch die Beihilfe zum Suizid. So dürfen die dafür geeigneten Wirkstoffe für diesen Zweck nicht verordnet werden, es handelt sich deshalb unter Umständen um einen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz.

Die Bundesärztekammer hatte außerdem bereits vor einiger Zeit erklärt, dass es sich bei einem ärztlich assistierten Suizid aus ihrer Sicht um Tötung auf Verlangen handele. Diese wird laut Strafgesetzbuch mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis fünf Jahren geahndet (Paragraf 216, StGB).

Sterbehilfe in anderen Ländern
Niederlande und Belgien
Die Niederlande waren das erste Land weltweit, das "aktive Sterbehilfe" erlaubt. Seit April 2002 dürfen Ärzte dort einem Schwerkranken eine tödliche Spritze verabreichen, wenn der Patient im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist und es wünscht. Ein Kontrollausschuss aus einem Arzt, einem Juristen und Ethikexperten muss der Sterbehilfe zustimmen. Wenige Monate später folgte Belgien dem Beispiel mit einem ähnlichen Gesetz.

Schweiz
Die Schweiz hat eine vergleichsweise liberale Gesetzgebung. Der Staat nimmt die Beihilfe zur Selbsttötung hin, sie ist aber nicht ausdrücklich erlaubt. Laut Gesetz ist es strafbar, jemandem "aus selbstsüchtigen Beweggründen" beim Suizid zu helfen - solange dem Helfer aber kein selbstsüchtiger Beweggrund vorzuwerfen ist, wird er nicht bestraft. Mediziner dürfen einem unheilbar Kranken eine tödliche Dosis eines Medikamentes besorgen, die er dann selbst einnehmen muss.

Frankreich
In Frankreich dürfen die Ärzte einen unheilbar kranken Patienten "sterben lassen", sein Leben aber nicht aktiv beenden. Das heißt, der Patient darf auf eigenen Wunsch schmerzstillende Mittel bekommen, auch wenn sein Tod durch die Medikamente möglicherweise beschleunigt wird. Die Ärzte dürfen auch lebensverlängernde Maßnahmen - wie künstliche Beatmung - einstellen.

Großbritannien, Schweden, Norwegen
Auch in Großbritannien dürfen Ärzte einem Schwerkranken hohe Dosen an Schmerzmitteln verabreichen, selbst wenn sie damit in Kauf nehmen, dass der Patient schneller stirbt. In Schweden und Norwegen ist es unter bestimmten Bedingungen möglich, lebensverlängernde Behandlungen einzustellen.

Griechenland, Polen
In Griechenland, wo die orthodoxe Kirche sehr stark ist, gilt Sterbehilfe als Beleidigung Gottes und ist streng verboten. Auch das katholische Polen hat Sterbehilfe unter Strafe gestellt - wer gegen das Gesetz verstößt, nimmt bis zu fünf Jahre Gefängnis in Kauf.

Quelle: AFP

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