Gesundheitsrisiken So gefährlich sind Dieselabgase

Dieselfahrzeuge von VW überschreiten die in den USA geltenden Grenzwerte. Doch wie schädlich sind Dieselabgase eigentlich für die Gesundheit?

Jogger in Paris (März 2014): Risiko Feinstaub und Stickoxide
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Jogger in Paris (März 2014): Risiko Feinstaub und Stickoxide

Von Stephan Soutschek


Moderne Dieselfahrzeuge erzeugen kaum Schadstoffe und stellen für die Gesundheit auch praktisch keine Gefahr dar. So haben es die Hersteller immer wieder betont - und so sollte es laut Abgasnorm Euro 6 eigentlich der Fall sein. Diese legt strenge Grenzwerte für die Emissionen fest.

Doch die Realität sieht oft anders aus. Stickoxide und Feinstaub in Dieselabgasen sind nach wie vor ein großes Problem. Nicht zuletzt, weil die Hersteller offenbar bei den Abgaswerten von Neuwagen schummeln. Das betrifft nicht nur VW-Autos in den USA, sondern Dieselfahrzeuge weltweit.

Stickoxide schädigen die Gesundheit von Mensch und Tier auf vielfache Weise. Sie reizen die Schleimhäute der Atemwege und der Augen. Laut Umweltbundesamt können Husten sowie Atem- und Augenbeschwerden auftreten. Vor allem für Asthmatiker sind die Gase problematisch. Bei zu hohen Konzentrationen steigt das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen wie Schlaganfälle. Hohe Stickoxidwerte können außerdem Kopfschmerzen und Schwindel auslösen. Die Gase tragen zudem zur Entstehung von bodennahem Ozon und Feinstaub bei.

Neuwagen nur noch mit Kat

Neu zugelassene Autos mit Dieselmotor dürfen nicht mehr als 80 Milligramm Stickoxide pro Kilometer ausstoßen. Um das zu erreichen, sind alle neu zugelassenen Dieselfahrzeuge mit einem Katalysator bestückt. Bei größeren Motoren nutzen diese Katalysatoren eine Harnstofflösung, die Stickstoffoxide bindet (Selective Catalytic Reduction, SCR). Dieses System arbeitet sehr effektiv, hat aber einen Nachteil: Die Harnstofflösung muss regelmäßig nachgefüllt werden.

Bei solchen SCR-Katalysatoren trickste VW in den USA. Die eingebaute Software erkannte, wann das Auto einem Abgastest unterzogen wurde und wann nicht. In letzterem Fall wurde der SCR-Katalysator deaktiviert, was den Stickoxidausstoß erhöhte. Möglicherweise geschah das der Bequemlichkeit der Käufer zuliebe. Muss die Harnstofflösung seltener nachgefüllt werden, erspart das den Autokäufern zusätzliche Werkstattbesuche.

Gesundheit der Allgemeinheit aufs Spiel gesetzt?

"Es gibt Indizien dafür, dass die Anlage in Deutschland ebenfalls unter bestimmten Umständen ausgeschaltet wird", sagt Heiko Balsmeyer, Experte für Luftreinhaltung beim Verkehrsclub Deutschland (VCD). Dies geschehe möglicherweise, um Harnstofflösung einzusparen. "Für die Bequemlichkeit des Autofahrers würde dann die Gesundheit der Allgemeinheit aufs Spiel gesetzt", meint Balsmeyer.

Der Stickoxidausstoß bei Dieselfahrzeugen wird derzeit nach einem Verfahren namens Neuer Europäischer Fahrzyklus (NEFZ) ermittelt. Der Test steht aber in der Kritik, weil er kaum etwas mit der realen Fahrpraxis zu tun hat. Bei einer Messung unter praxisnahen Bedingungen fielen kürzlich 22 von 32 untersuchten Fahrzeugen durch - obwohl alle gemäß NEFZ die Zulassung erhalten hatten. Ein ernstes Problem für die Luft in Deutschland, wo fast jeder zweite Neuwagen ein Diesel ist.

Europaweit gilt die Regel, dass die Stickstoffdioxid-Belastung an einem Ort den Grenzwert von 200 Mikrogramm pro Kubikmeter an höchstens 18 Tagen im Jahr für die Dauer von einer Stunde überschreiten darf. Außerdem darf der Jahresmittelwert nur 40 Mikrogramm pro Kubikmeter betragen. Diese Zahl wird vor allem in Großstädten immer wieder überschritten. Die Deutsche Umwelthilfe macht Dieselfahrzeuge für 26 Prozent der Stickstoffdioxid-Belastung in Städten verantwortlich.

Probleme macht auch der Feinstaub aus Dieselmotoren. Dafür legt die Euro-6-Norm strenge Grenzwerte fest - aber nur für Neuwagen. Sie dürfen seit 2014 nur noch 4,5 Milligramm Partikel pro Kilometer ausstoßen. Ohne Filter ist das kaum möglich, weswegen alle neuen Diesel-Pkw heute einen Filter erhalten. Ein Problem sind vor allem die alten Dieselautos, die noch keinen Filter ab Werk besaßen. Sie lassen sich zwar teilweise nachrüsten - allerdings nur mit offenen Filtern, die eine geringere Leistung besitzen.

Besonders die Städte leiden unter Feinstaub, den allerdings nicht nur Diesel-, sondern auch Benzinmotoren produzieren. Die Partikel sind so klein und leicht, dass sie nach dem Ausstoß nicht zu Boden sinken, sondern durch die Luft schweben und sich in der Umgebung verteilen. Gerade wegen ihrer geringen Größe droht Gefahr von den Kleinstteilchen. Atmet ein Mensch sie ein, können sie tiefer in die Atemwege gelangen als größere Partikel. Staubpartikel bis zu einem maximalen Durchmesser von 10 Mikrometer (PM10) dringen bis in die Nasenhöhle ein und können beispielsweise die Schleimhäute reizen.

Noch kleinere Partikel der Größe PM2,5 (bis 2,5 Mikrometer) schaffen es bis in die Lunge und können die Blutgefäße schädigen oder Krebs verursachen. Diese kleinen Partikel sind laut einer Studie der University of Edinburgh auch stärker mit einem Schlaganfall-Risiko verbunden als die Partikel unter zehn Mikrometern. Nach einer kürzlich im Fachblatt "Nature" publizierten Studie verursacht Feinstaub pro Jahr etwa 3,3 Millionen Todesfälle weltweit. In Deutschland sterben etwa 35.000 Menschen daran.

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Leser161 23.09.2015
1. Achso
Wenn das nicht so schlimm ist dann ist das ja nicht so schlimm. Der Autor hat ein seltsames Rechtsverständnis. Recht ist Recht. Oder wenn ich einer Oma 50 EUR klaue ist das nicht so schlimm, sie hat ja Rente. Erlaubt ist es trotzdem nicht. Und zwar mit Recht. Recht ist Recht. Keine Verfügungsmasse. Recht ist die Grundlage unser westlichen Wertegemeinschaft. Recht nach Schnauze der Mächtigen sind Kuba und Nordkorea.
dutchinnz 23.09.2015
2. Berechnungen,
so wie die von "Nature", sind nichts anderes als grobe Schätzungen ohne faktischen Grundlagen. Wenn man alle Tote dieser Art Schätzungen (Rauchen, Überfressen, kein Sport, Salz, Zucker, Alcohol, Feinstaub, nicht-vegetarisch Essen, was dann auch immer) mal zusammenzählt, kommt man an eine Sterbensrate, die die Zahl der Weltbevölkerung bei weitem übertrifft. Die Grundlage dieser s.g. Studien ist ohne Ausnahme ein Fehldenken einiger Pseudowissenschaftler, das von denen, die total keine Ahnung und zu keiner kritischen Individualität in ihrer Meinung imstande sind, gerne übernommen wirdt und zur Massenhystrie auswächst. Das führt dann z.B. bei Autos zu Forderungen von Abgaswerten die technisch nicht oder am besten kaum machbar sind. Aber keiner dieser "Dreckschleuder"-Rufer will auf sein eigenes Auto verzichten. Im Gegenteil, alles Überflüssige muß in der Kiste drinn sein: Spurhalter, elektrischer Hinterklappenöffner, Selbsteinparker, Schlüsselerkennung, bluetooth und was es sonst noch an teuer zu bezahlender Überflüssigkeit gibt. Hypocrysie ohne Ende.
klaus84 23.09.2015
3. Was gerne verschwiegen wird
Was im Beitrag nicht erwähnt wird, sind die auf dem Partikelfilter ablaufenden Nebenreaktionen. Aus Studien ist bekannt, dass auf der Filteroberfläche adsorbierte Partikel durch die Stickoxide aus dem Abgas nitriert werden können. So enstehen hoch krebserregende Nitro-PAHs (Polyaromatische Kohlenwasserstoffe), die dann wiederum mit dem Feinstaub in die Umgebung gepustet werden. Daher führt der Einsatz von DPFs zwar zur Reduktion der Partikelemission, die ausgestoßenen lungengängigen Partikel sind dafür aber umso gefährlicher, was damit den Sinn der Abgasreinigung ad Absurdum führt. Dieselmotoren sollten daher so schnell wie möglich von der Straße verbannt werden!
plutinowski 23.09.2015
4. logisches Vorgehen
Zitat von dutchinnzso wie die von "Nature", sind nichts anderes als grobe Schätzungen ohne faktischen Grundlagen. Wenn man alle Tote dieser Art Schätzungen (Rauchen, Überfressen, kein Sport, Salz, Zucker, Alcohol, Feinstaub, nicht-vegetarisch Essen, was dann auch immer) mal zusammenzählt, kommt man an eine Sterbensrate, die die Zahl der Weltbevölkerung bei weitem übertrifft. Die Grundlage dieser s.g. Studien ist ohne Ausnahme ein Fehldenken einiger Pseudowissenschaftler, das von denen, die total keine Ahnung und zu keiner kritischen Individualität in ihrer Meinung imstande sind, gerne übernommen wirdt und zur Massenhystrie auswächst. Das führt dann z.B. bei Autos zu Forderungen von Abgaswerten die technisch nicht oder am besten kaum machbar sind. Aber keiner dieser "Dreckschleuder"-Rufer will auf sein eigenes Auto verzichten. Im Gegenteil, alles Überflüssige muß in der Kiste drinn sein: Spurhalter, elektrischer Hinterklappenöffner, Selbsteinparker, Schlüsselerkennung, bluetooth und was es sonst noch an teuer zu bezahlender Überflüssigkeit gibt. Hypocrysie ohne Ende.
Das stimmt nicht, was Sie schreiben. Sie bilden (im einfachsten Fall) eine lineare Gleichung mit n Einflussfaktoren (u.a. Feinstaub) und einem Ergebnisfaktor (hier Todesrate) und berechnen anhand der Daten (= die von Ihnen vermissten faktischen Grundlagen) die Gewichte der Einflussfaktoren. Dann setzen Sie die tatsächliche Zahl der Todesfälle ein und können dann die Zahl der Todesfälle berechnen, die auf die einzelnen Einflussfaktoren zurückgehen. Eigentlich ziemlich logisches Vorgehen. Die Zahl der Gesamt-Todesfälle kann dabei nicht überschritten werden. Natürlich kann es komplizierter sein (Abhängigkeiten zwischen den Einflüssen), das lässt sich ebenfalls berücksichtigen.
deegeecee 23.09.2015
5.
Zitat von klaus84Was im Beitrag nicht erwähnt wird, sind die auf dem Partikelfilter ablaufenden Nebenreaktionen. Aus Studien ist bekannt, dass auf der Filteroberfläche adsorbierte Partikel durch die Stickoxide aus dem Abgas nitriert werden können. So enstehen hoch krebserregende Nitro-PAHs (Polyaromatische Kohlenwasserstoffe), die dann wiederum mit dem Feinstaub in die Umgebung gepustet werden. Daher führt der Einsatz von DPFs zwar zur Reduktion der Partikelemission, die ausgestoßenen lungengängigen Partikel sind dafür aber umso gefährlicher, was damit den Sinn der Abgasreinigung ad Absurdum führt. Dieselmotoren sollten daher so schnell wie möglich von der Straße verbannt werden!
Das ist doch längst überholt! Die Schädlichkeit liegt allein in der Lungengängigkeit, PAK spielen da keine weiter Rolle. Moderne Ottomotoren emittieren genauso viel oder mehr Feinstaubpartikel wie Diesel. Die Forderung nach ihrer Verbannung ist widersinnig.
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