Stimmbandlähmung "Ich bin stumm aufgewacht"

Die Stimme klingt plötzlich heiser, rau oder ist ganz verschwunden: Etwa 10.000 Deutsche erleiden jährlich eine Stimmbandlähmung. Zum Glück gibt es gute Therapien.

Blick in den Halsbereich (Illustration): Ist eine Stimmlippe gelähmt, fällt das Sprechen schwer
Corbis

Blick in den Halsbereich (Illustration): Ist eine Stimmlippe gelähmt, fällt das Sprechen schwer


Jan Magdanz verlor seine alte Stimme mit 16 Jahren. 1992 wurde er zum vierten Mal wegen eines angeborenen Herzfehlers operiert. Während des Eingriffs verletzten die Ärzte versehentlich den Nervus recurrens. Dieser Nerv schlingt sich um die Hauptschlagader des Herzens - und steuert die Funktion der Stimmlippen, die umgangssprachlich als Stimmbänder bezeichnet werden. Magdanz' rechte Stimmlippe wurde geschädigt.

Der Schreck ereilte den heute 38-Jährigen im Aufwachraum: "Ich war stumm, konnte kein Wort mehr sagen." Die Ärzte hätten ihm Mut gemacht. "Sie sagten, dass sich das mit der Zeit wieder geben würde." Erst nach ein paar bangen Tagen kam seine Stimme zum Teil zurück.

Doch bis heute verfügt Magdanz nicht wieder über seine alte Stimme, denn die Lähmung einer Stimmlippe blieb. Er klingt seltsam, gepresst, heiser und kraftlos - erheben kann er seine Stimme nicht, was bei der Erziehung seiner beiden Kinder manchmal stört. Magdanz arbeitet als Serviceingenieur in Berlin. Im Job kommt er auch ohne ein volles Stimmvolumen aus: "Meine Kollegen haben sich daran gewöhnt und akzeptieren mich."

Inzwischen kann er mit seiner Erkrankung gut umgehen. Magdanz hilft der regelmäßige Gang zur Logopädin, die mit speziellen Übungen die Stimmlippe stärkt und trainiert.

Auch das Atmen kann beeinträchtigt werden

Der Akt des Sprechens ist hochkomplex. Etwa 60 Muskeln sorgen dafür, dass Luft aus der Lunge strömt und die etwa streichholzdicken Stimmlippen des Kehlkopfs zu vibrieren beginnen. Bei einer Stimmbandlähmung, auch Rekurrensparese genannt, verbleiben eines oder beide Bänder an einer Stelle. Dadurch klingt die Stimme krächzend oder verhaucht. Die Regungslosigkeit kann außerdem beim Atemholen stören. Jan Magdanz hat zwar keine übermäßigen Probleme damit, doch der früher ausgeübte Leistungssport als Judoka ist nicht mehr möglich.

Laut einer Untersuchung aus Japan erleiden etwas mehr als zwei von hundert Patienten nach einer Operation am Herzen oder der Aorta eine Stimmbandlähmung. Ebenso können die Stimmlippen bei einem Eingriff an der Schilddrüse verletzt werden. Und in sehr seltenen Fällen kann die Lähmung durch das Beatmen während einer Vollnarkose entstehen.

Die Lähmung kann aber auch Folge einer Erkrankung sein: Google-Gründer Larry Page gab im Mai 2013 bekannt, dass er unter einer Stimmbandlähmung leide. Zwei sehr schwere Erkältungen hätten dies ausgelöst.

Die Stimmlippen unterfüttern

Nach Angaben von Markus Hess, Direktor der Phoniatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, erleiden in Deutschland pro Jahr etwa 10.000 Menschen eine Rekurrensparese. Sie lasse sich sehr gut und schnell therapieren. "Den Großteil der Patienten, die unter einer einseitigen Stimmbandlähmung leiden, kann man stimmlich fast normalisieren", sagt Hess. Der Mediziner eröffnet in Hamburg die "Deutsche Stimmklinik", in der sich ein Team aus Logopäden, Fachärzten und Stimmtherapeuten allen Aspekten der Stimme widmet, um mögliche Erkrankungen zu heilen und Therapien anzubieten.

Möglich sei zum Beispiel eine Stimmlippenaugmentation: Die Stimmlippen werden mit sogenannten Fillern unterfüttert, zum Einsatz kommt unter anderem Hyaluronsäure. Der Erfolg des Eingriffs ist jedoch endlich, da der Filler vom Körper wieder abgebaut wird - manchmal nach wenigen Monaten, manchmal nach Jahren. Dann ist ein erneuter Eingriff nötig.

Auch eine Behandlung mit Elektrostimulation kann helfen. "Die Idee der Elektrostimulationstherapie ist, dass isoliert die gelähmte Muskulatur stimuliert, das heißt durch einen Stromimpuls zu einer Muskelkontraktion gezwungen wird", heißt es in einer Studie der Medizinischen Hochschule Hannover. Zunächst werden Elektroden auf der Haut aufgebracht. Mit einem speziellen Gerät lässt der Patient eine geringe Menge Reizstrom fließen, übt damit drei bis fünf Mal täglich zu Hause und stimuliert so seinen Nerv. In der Hannoveraner Studie mit 90 Patienten war die Elektrostimulation der klassischen Logopädie überlegen.

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bobele42 19.09.2014
1. Ohne Logopädie geht gar nichts
Die Elektrostimulation ohne entsprechende Logopädie ist ineffizient. Dieses den Betroffenen alleine zu Hause ohne entsprechende Therapie durchführen zu lassen ist äußerst fahrlässig und zeigt wieder einmal die Selbstüberschätzung der Ärzte. Das wäre so, als wenn man jemanden das Mauern kurz zeigt und dann diesen sein Haus selber mauern lässt! Grundsätzlich muss gesagt werden, dass Logopäden eine in ihrem Bereich wesentlich qualifiziertere Ausbildung haben als zum Beispiel HNO-Ärzte. Dennoch werden die Logopäden mit einem Appel und einem Ei finanziell abgespeist. Für eine 45 minütige Therapie mit zusätzlicher Vor- und Nachbereitung erhalten die selbständigen Logopäden einen Betrag von ca. 33,00 - 35,00 Euro. Davon sollen Sie die Miete, die Weiterbildungskosten, die Versicherungen sowie die eigene Altersversorgung aufbauen. Dass bei diesen niedrigen Sätzen keine große Sprünge gemachet werden können ist selbstredend. Angestellte Logopäden erhalten einen Brutto-Stundenlohn von ca. 12,00 Euro! Dies ist verdammt nahe am Mindestlohn. Und dies nach einer dreijährigen qualifizierten medizinischen Ausbildung. Es ist ein Schande für unsere Gesellschaft den Ärzten jedes Jahr weitere Milliarden Euros zur Verfügung zu stellen und und die medizinischen Heil- und Hilfsberufe mit ein paar Cents abzuspeisen. Vielleicht wäre dieses Thema einmal Wert von der Spiegelredaktion betrachtet und analysiert zu werden.
gglasl 19.09.2014
2. Vor 24 Jahren
ereilte mich auch eine Teilparese nach massiver Nervreizung durch stundenlanges Fahren in Zugluft. Der HNO Arzt diagnostizierte Kehlkopfentzündung und verschrieb Antibiotika..Nachdem 2 Tablettenzyklen erfolglos blieben, erklärte er mich für untherapierbar und überwies mich an eine Logopädin. Ziel war besser mit der Störung leben zu können, also die gesunde Hälfte mit Lautübungen zu stimulieren. Ein weiterer HNO Arzt und Homöopath erkannte durch eine eingeführte Kamera und Akkupunktur, dass die stumme Hälfte etwas reagierte. Er verordnete Globulis mit 4 Komponenten - Blei, Efeu, Schlangengift, dritte jetzt nicht erinnerlich. Nach 6 Wochen Globulis und Stimmübungen war ich vollständig geheilt.
böserkassenarzt 19.09.2014
3. Ausbildung
Die Notwendigkeit logopädischer Behandlung ist unstrittig; bei einer Lähmung des Nervus laryngeus inferior (Paramedianstellung) gibt es aber nicht seltenen Fällen auch Spontanheilungen. Insofern stimmt die Formulierung "gar nichts" nicht. Der Kommentator erweckt den Eindruck, alle Logopäden hätten eine qualifiziertere Ausbildung als HNO-Ärzte in diesem Bereich. Zufälligerweise korrigiere ich gerade das schriftliche Examen einer Logopädenschule. Was man da nach dreijähriger Ausbildung alles lesen muss, ist teilweise haarsträubend. So wird einem beispielsweise die die Lähmung des Nervus laryngeus superior als Krankheitsbild mit akuter Atemnot verkauft, die unbedingt sofort tracheotomiert werden muß. Obwohl es in der Vorlesung 1000 x erklärt wurde! Und solche Leute behandeln womöglich in vier Wochen selbständig Patienten! Sie sollten sich vor solchen Verallgemeinerungen hüten. Einmal ganz abgesehen davon, daß die HNO-Ärzte das Kostenrisiko einer logopädischen Behandlung zu 100% tragen müssen (Budgetierung). Wenn ein Logopäde also meint, bei einem Sigmatismus interdentalis eines Sechsjährigen immer wieder und wieder Folgerezepte anfordern zu müssen, trägt das Risiko dieser Kosten allein der Verordner. Ach ja, und das liebe Geld. Sie vergleichen ein sechsjähriges Studium sowie anschließende fünfjährige Facharztausbildung mit einer dreijährigen Ausbildung. Aber nachdem, was man alles hört, streben die Logopäden die Akademisierung an. Logopädischen Therapien sollen dann nicht mehr von Ärzten, sondern von Logopäden indiziert werden. Wir werden sehen, wie viel schwerhörige Kinder mit Paukenergüssen dann monatelang Sprachtherapie bekommen, bevor sie endlich operiert werden. Aber die Ärzte sind dann das Kostenrisiko los. Die Folgen der Budgetierung werden allein die Logopäden spüren. Diese werden sich dann sehr bald wünschen, solche Forderungen niemals aufgestellt zu haben… Also, erst denken, dann schreiben.
bobele42 19.09.2014
4. Schwarze Schafe
Wenn Sie von einer 6-jährigen Ausbildung sprechen, dann gehe ich von dem Studium aus und nicht von der fachärztlichen Weiterbildung. Medizistudenten schreiben genauso viel Blödsinn wie Logopädieschüler. Oder wo kommen die hohen Durchfallquoten bei den Klausuren her? Wenn jemand Blödsinn schreibt, dann lassen Sie diese gefälligst durchfallen! Das liegt doch in Ihrem Verantwortungsbereich. Soviel zum Thema Verallgemeinerung (wie ging der Spruch noch mit Glashaus und Steinen....?) Und ja - ich bin der Auffassung das Logopäden qualifizierter sind als ein normaler HNO-Arzt, was den Bereich Sprache und Stimme angeht. Einzige Ausnahme hiervon ist der Phoniater. Die gibt es jedoch relativ selten. Die Ausbildung der Logopäden dreht sich nur 3-Jahre lang rund um die Stimme mit all ihren Facetten. Und wieviel Stunden in der Basisweiterbildung zum HNO betrifft die Stimme? Da hülle ich lieber einmal den Mantel des Schweigens darum.... Wen es interessiert kann es aber gerne googeln. Die Landesärztekammern sind hierfür ein guter Anlaufpunkt. Sie tun so, als ob ein HNO-Arzt immer Angst haben muss, dass er die Kosten erstatten muss. Theoretisch gebe ich Ihnen Recht. Aber für solche Fälle gibt es doch eine Regressversicherung, die der Arzt abschließen kann. Und wenn die Verordnungen medizinisch begründet sind. dann gibt es auch kein Regress, wenn der HNO über den Budget ist. Fakt ist jedoch, dass ein niedergelassener HNO einen in 2013 einen Reinertrag von 144.000 Euro hatte. ... Die armen HNO-Ärzte. Um eine logopädische Praxis mit einem angemessenen Reinertrag zu betreiben, dann müssten die Logopäden 50 Euro pro Stunde erhalten. Und bevor Sie losmeckern. Ich bin Diplom-Kaufman.
böserkassenarzt 20.09.2014
5. Eben...
drei Jahre fundierte Ausbildung in Stimme. Und dann eine Examensklausur mit Notendurchschnitt 4- im Fach Phoniatrie. Trotz endloser Vorlesungen und gezielter Examensvorbereitung. Und wer es schafft, über die anderen Fächer auf einen Schnitt von 4 zu kommen (in den Teilbereichen schriftlich/mündlich, praktisch wird Phoniatrie nicht geprüft), kann mit zwei Sechsen in Phoniatrie bestehen und ist Logopäde. Also, Licht und Schatten gibt es überall. - Zum Thema Regreß können Sie so entspannt schreiben, weil Sie damit nichts zu tun haben. Weisen Sie mal Rezept für Rezept in einer schriftlichen Stellungnahme die Notwendigkeit einer Therapie nach - da können Sie die Praxis eine Woche schließen, bis Sie damit fertig sind. - Das Verhältnis zwischen Logopäden und Verordnern war schon mal besser, habe ich den Eindruck. Vor allem vor 30 Jahren, als die Logopäden mit massiver Unterstützung der Phoniater und Pädaudiologen ihre LogApprO bekamen... Aber vielleicht kommt sie ja, die Akademisierung. Dann stellen Sie Ihre Behandlungsdiagnosen eigenständig und voll verantwortlich. Halten dann aber auch den Kopf hin für diese Diagnosen und für die Kosten, denn glauben Sie nur, daß die Kassen unbegrenzt alles bezahlen... Nur - die Verordner kriegen sie dann nicht mehr dran. - Wenn es nach mir ginge, würden Sie deutlich mehr bekommen als derzeit. Aber das Problem löst man nicht, indem man gegen die "reichen" HNO-Ärzte stänkert. Und kommen Sie mir nicht mit BWL. Ich mache meine Buchhaltung seit 20 Jahren selbst. Ihre Durchschnittszahlen sind genau so aussagekräftig wie die Aussage, eine Wassertemperatur von 38 Grad sei doch sehr angenehm (eine Hand in Eiswasser, die andere in 76 Grad heißem Wasser)...
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