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Psychologie: Online-Therapie soll gegen Stottern helfen

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Therapie übers Internet (Symbolbild): Jeder Teilnehmer sitzt vorm eigenen Rechner, ein Therapeut betreut die Gruppe Zur Großansicht
Corbis

Therapie übers Internet (Symbolbild): Jeder Teilnehmer sitzt vorm eigenen Rechner, ein Therapeut betreut die Gruppe

Wer als Jugendlicher stottert, wird die Sprachstörung kaum noch los. Aber es gibt Möglichkeiten, den Sprachfluss zu verbessern und die Angst vor stressigen Situationen zu senken. Ein Pilotprojekt setzt jetzt auf Online-Therapie.

Etwa 800.000 Menschen in Deutschland stottern. Meist leiden Kinder unter der Sprachstörung, in dieser Altersgruppe sind mehr als fünf Prozent betroffen. Bei vier von fünf jungen Betroffenen verschwindet das Problem vorm Einsetzen der Pubertät - oft auch ohne Therapie.

Wer als Jugendlicher noch stottert, hat dagegen praktisch keine Chance, dass die Sprachstörung wieder verschwindet. "Aber es lassen sich auch danach therapeutisch noch erhebliche Verbesserungen erzielen", sagt der Münchner Stottertherapeut Georg Thum, einer der Autoren des Buches "Stottertherapie bei Kindern und Jugendlichen".

Ein neues Online-Therapieangebot richtet sich gezielt an jugendliche und erwachsene Stotterer: Beim sogenannten "Fluency Shaping" lernen sie spezielle Sprechtechniken - etwa das Dehnen von Vokalen -, die ihnen ermöglichen, flüssiger zu sprechen. Die Techniker Krankenkasse (TK) übernimmt für ihre Versicherten, wenn sie älter als 13 Jahre sind, die Kosten. Angeboten wird die Online-Therapie vom Institut der Kasseler Stottertherapie unter der Leitung von Wolff von Gudenberg. Es hat das Therapiekonzept des "Fluency Shaping" an die Anforderungen der Teletherapie angepasst.

Alltägliche Situationen online nachgestellt

Nach einer zehntägigen Intensivphase mit mehreren Stunden Einzeltherapie üben die Teilnehmer in kleinen Gruppen von vier Patienten, die jeweils ein Therapeut betreut - jeder sitzt dabei zu Hause an seinem Rechner. Die verwendete Software bietet die Möglichkeit, sich Sprechsituationen wie Einkaufs-, Bewerbungs- oder Streitgesprächen zu stellen und diese in realitätsnaher Umgebung zu üben. Das Programm gibt Rückmeldung über die Art und Weise des Sprechens.

Die Teilnehmer absolvieren zudem Aufgaben "auf der Straße". Diese werden vorher in der Online-Sitzung besprochen, mit dem Smartphone aufgezeichnet und anschließend in der Therapie besprochen.

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Berühmte Stotterer: Moses und Marilyn
Die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe (BVSS) kritisiert die Mitteilung der TK zur Online-Stottertherapie. Bereits die Überschrift "Ein Leben ohne Stottern" würde suggerieren, dass das Stottern bei den Jugendlichen verschwindet. Das sei aber nur bis zum Eintritt der Pubertät möglich. Die Jugendlichen beginnen die Therapie möglicherweise mit völlig falschen Erwartungen.

Kritik einer mangelnden körperlichen Therapeutenpräsenz weist Gudenberg als überholtes Klischee zurück. Eine 2012 im Fachblatt "Nervenarzt" veröffentlichte Übersichtsarbeit zeige, dass es auch bei internetbasierten Verfahren möglich sei, eine gute und tragfähige Therapeutenbeziehung aufzubauen. "Es handelt sich bei der Online-Therapie zwar um ein Pilotprojekt, aber unsere Erfahrungen mit teletherapeutischen Sitzungen in der Nachbetreuung machen uns optimistisch", sagt der Mediziner.

Situationen frühzeitig erkennen und abfangen

Neben dem "Fluency Shaping" existiert eine weitere Therapierichtung, die sogenannte Stottermodifikation. Die Programme unterscheiden sich deutlich voneinander.

Bei der Stottermodifikation geht es darum, die eigenen Reaktionen beim Auftreten der Probleme zu verbessern. "Der stotternde Mensch lernt, eine akute Situation, in der das Stottern auftreten kann, frühzeitig zu erkennen und sich mithilfe von Techniken, wie zum Beispiel dem sogenannten Pullout, aus dem Symptom herauszuziehen. Das Stottern wird durch diese Techniken beherrschbar und weniger angstbesetzt", sagt die Stottertherapeutin Susanne Cook, die derzeit an einer US-amerikanischen Schule als Logopädin arbeitet. Der Patient wird darin bestärkt, offen mit seiner Sprechbehinderung umzugehen. Ängste werden abgebaut und das Selbstbewusstsein gesteigert. Bei der Stottermodifikation wird Erlerntes in realen Situationen erprobt. "Das erhöht den Therapieerfolg", sagt Thum. Bei regelmäßigem Training ist es laut BVSS möglich, die Symptome deutlich zu reduzieren.

Fluency Shaping und Stottermodifikation schneiden in einer im "Journal of Fluency Disorders" veröffentlichten Übersichtsarbeit des Kasseler Evolutionpsychologen Harald Euler etwa gleich gut ab. Euler war von 1974 bis 2009 Professor für Lernpsychologie in Kassel, die Stotterforschung ist eines seiner Arbeitsgebiete. Wichtig ist laut Euler bei Stottertherapien, dass es sich um Intensivtherapien mit Anteilen von Gruppensitzungen handelt. Eine Atemtherapie, Hypnose und die am häufigsten verschriebene Stotterbehandlung, die logopädische Einzeltherapie einmal wöchentlich, seien dagegen von begrenzter Wirksamkeit.

Individuell abgestimmte Therapie

Thum und Cook setzen beide bei ihrer Arbeit auf eine Kombination von "Fluency Shaping" und Stottermodifikation. "Wichtig ist, dass die Therapie individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt wird. Dafür picken wir uns die für den stotternden Patienten passenden und bewährten Bausteine heraus, um ihnen möglichst viele Werkzeuge an die Hand zu geben", sagt Cook.

Ein Beispiel für eine derartige Therapie ist das Gruppen-Intensivprogramm "Stärker als Stottern" für Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 17 Jahren, das Thum anbietet. "Das gemeinsame Lernen und Erleben sowie der Austausch mit Gleichaltrigen ist ein wichtiger Motivationsfaktor für die Teilnehmer", erzählt er. Rollenspiele, Gespräche mit den Therapeuten und Übungen im Leben zeigen laut Thum den Kindern, was sie können und wie sie wieder Mut bekommen.

Die Kosten für eine Stottertherapie
Alle Stottertherapien sind als Gruppen- oder Einzeltherapie durchführbar, ambulant oder als Intensivtherapie - am besten bei einem spezialisierten Stottertherapeuten. Eine ambulante Therapie (bis zu 50 Therapiestunden, zumeist Einzeltherapie) kann vom Arzt verschrieben werden, sodass sie entsprechend von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet wird. Wer an einer Intensivtherapie mit einem Sprachtherapeuten interessiert ist, muss die Kostenübernahme bei der Kasse als Einzelfallentscheidung beantragen - es sei denn, es gibt einen Vertrag zwischen gesetzlicher Krankenkasse und Therapieanbieter. Der Medizinische Dienst überprüft ihn dann. Zugleich raten Experten zu Intensivtherapien. Obgleich von Sprachtherapeutenseite betont wird, wie wichtig das Üben in realen Situationen ist, wird dies laut Thum bislang von den Krankenkassen nicht honoriert, weil die Heilmittelordnung ein "Üben direkt im Leben" nicht vorsieht.

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1. Leben ohne Stottern ist möglich !
mcmoerti 18.11.2014
Die Aussage des BVSS, dass das Verschwinden des Stotterns nur bis zum Eintritt der Pubertät möglich sei, ist so pauschal nicht richtig. Bei mir verschwand das Stottern (bis auf minimale Reste) von ganz allein nach meinem Auszug zuhause bzw. während des Studiums. In der Schule habe ich vor der Klasse kaum ein Wort rausgebracht, diverse Therapien haben nichts gebracht. In der neuen Umgebung lief es gleich besser, dadurch stieg das Selbstbewußtsein, wodurch das Sprechvermögen sich widerum weiter verbesserte. Heute arbeite ich im Kundenservice eines Großunternehmens und vom Stottern sind höchstens rudimentäre Reste übrig, die ich gut überspielen kann. Deshalb mein Rat an alle Betroffenen: Gebt die Hoffnung nicht auf und hinterfragt auch die diversen Therapien. Die kaschieren nur, dass die Therapeuten, was die Ursachen des Stotterns angeht, auch nur im Nebel stochern. Manchmal hilt ganz einfach eine neue, unbelastete Umgebung.
2. Weltfremde Wissenschaftler
andy.hagemann 19.11.2014
Im Beitrag geht es mal wieder darum "Kosten" zu sparen. Da wird suggeriert, dass eine Therapie ohne Therapeut funktionieren kann. Wenn ich mir Bedingungen schaffe, die so nur im Labor existieren, kann ich die Therapie auch nur im Labor durchführen. Wenn ich mir anschaue, wie Studien durchgeführt werden, respektive mit welchen Patienten, dann sind die Bedingungen in der Realität einfach nicht zu finden. Die Ergebnisse sind damit weltfremd, werden von Versicherungen aber gerne angenommen, um Leistungen zu kürzen, bzw. mit "Nachdruck" zu fordern, dass Therapien am Computer stattfinden und (intrapsychische) Konflikte/ Probleme nicht in der Begegnung mit einem Menschen gelöst werden.
3. Stochern im Nebel
hellerbrand 19.11.2014
Therapeuten stochern nicht im Nebel, denn Logopädinnen/Logopäden therapieren das Stottern nur, die erforschen es nicht, das ist Aufgabe/Zuständigkeit der Medizin. Stand des Wissens ist, dass es sich bei den Ursachen des Stotterns um ein multi-faktorielles Geschehen handelt, zu dem physische, psychologische und soziale Komponenten gehören. Daher muss jede Stotter-Therapie ganz individuell gestaltet werden, um eine Verbesserung des Sprechens zu erreichen. Kein verantwortlicher Therapeut wird behaupten, man könnte Stottern vollkommen 'weg'-therapieren. Auch Erwachsene können, auf Grund neurologischer Erkrankungen (ALS, M.Parkinson, Apoplex) eine Redeflußstörung entwickeln, die dann nach dem klassischen Van-Ryker-Ansatz therapiert wird. Und der schließt sowohl das 'Fluency shaping' als auch die Stotter-Modifikation ein. Nichts Neues unter der Sonne der Stotter-Therapie.
4.
nettes Gespräch 21.11.2014
Zitat von andy.hagemannIm Beitrag geht es mal wieder darum "Kosten" zu sparen. Da wird suggeriert, dass eine Therapie ohne Therapeut funktionieren kann. Wenn ich mir Bedingungen schaffe, die so nur im Labor existieren, kann ich die Therapie auch nur im Labor durchführen. Wenn ich mir anschaue, wie Studien durchgeführt werden, respektive mit welchen Patienten, dann sind die Bedingungen in der Realität einfach nicht zu finden. Die Ergebnisse sind damit weltfremd, werden von Versicherungen aber gerne angenommen, um Leistungen zu kürzen, bzw. mit "Nachdruck" zu fordern, dass Therapien am Computer stattfinden und (intrapsychische) Konflikte/ Probleme nicht in der Begegnung mit einem Menschen gelöst werden.
also selbstverständlich haben Sie recht, dass die Kassen daran interessiert sind, Kosten zu sparen, und da vielleicht Auch nur zu gern bereit sind irgendwelche Ergebnisse über zu interpretieren. Aber von Therapieforschung scheinen Sie nicht so viel zu wissen, im Labor findet da gar nichts statt. Die Psychotherapiestudien die ich kenne werden unter ziemlich natürlichen Bedingungen durchgeführt, meist in Universitätsambulanzen oder an Unikliniken, wo aber ganz normale Patienten kommen, nur eben ein bestimmter "Therapiestil" oder eine bestimmte Methode bei genau definierten Patientengruppen eingesetzt wird, um dann zu gucken wie sich die Probleme der Patienten entwickeln. Natürlich können diese Gruppen falsch zusammen gesetzt sein und damit die Generalisierbarkeit zweifelhaft, aber haben Sie dafür jetzt irgendein Beispiel oder wollten Sie nur allgemein die THerapieforschung diskreditieren?
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Zur Autorin
  • Gerlinde Gukelberger-Felix ist Diplom-Physikerin und studierte eine Zeit lang Medizin, bis sie sich ganz dem Journalismus verschrieb. Besonders interessant findet sie alle Überschneidungen zwischen Medizin, Physik, Biologie und Psychologie. Sie arbeitet als freie Medizin- und Wissenschaftsjournalistin.
FAQ - Was man über Stottern wissen sollte
Was ist Stottern?
Stottern besteht aus Unterbrechungen des Redeflusses in Form von hörbaren oder stummen Blockaden („------Block“), Wiederholungen von Wortteilen („k-k-k-kalt“) oder Dehnungen („wwwwarm“). Stottern ist häufig mit übermäßiger Anstrengung beim Sprechen verbunden. Die Anstrengung wird in auffälligen Verkrampfungen der Gesichtsmuskulatur oder in zusätzlichen Bewegungen von Kopf, Arm oder Oberkörper sichtbar. Im Moment des Stotterns wissen Stotternde genau, was sie sagen möchten, sind aber nicht in der Lage, es störungsfrei herauszubringen. Sie verlieren die Kontrolle über den Sprechapparat.
Wie wirkt sich Stottern auf das Leben aus?
Viele stotternde Menschen vermeiden Wörter oder Situationen, bei denen sie fürchten, stottern zu müssen. Alltägliche Situationen, wie der Kauf einer Fahrkarte, können für stotternde Menschen eine große Belastung darstellen. Die Angst vor dem Stottern und der Wunsch, es zu vermeiden, kann das gesamte Leben beherrschen. Ausbildung, Beruf, Freunde und Freizeitaktivitäten werden eventuell nicht nach den tatsächlichen Wünschen ausgewählt, sondern danach, möglichst wenig sprechen zu müssen. Negative Reaktionen der Mitmenschen wie Hohn und Ablehnung, aber auch Mitleid oder Verlegenheit können dazu beitragen, dass sich die stotternde Person zurückzieht.
Wann und bei wie vielen Menschen tritt Stottern auf?
Das Stottern beginnt meist ohne offensichtlichen Anlass im Alter zwischen 2 und 5 Jahren, selten auch noch später. Zuvor hat das Kind bereits eine Zeit lang flüssig gesprochen. Bei 5 % aller Kinder entwickelt sich Stottern. Von diesen Kindern sprechen insgesamt 80 Prozent bis zur Pubertät wieder flüssig. Es lässt sich bislang nicht vorhersagen, welche Kinder das Stottern wieder verlieren und bei welchen es bestehen bleibt.

Bei Erwachsenen schätzt man, dass 1 % stottert (800.000 Menschen in Deutschland). Bei Erwachsenen verliert sich das Stottern nur noch in seltenen Fällen vollständig.

Etwa doppelt so viele Jungen wie Mädchen beginnen zu stottern. Mädchen verlieren das Stottern häufiger wieder, wodurch das Verhältnis auf 5 :1 anwächst.

Beruht Stottern auf psychischen Problemen?
Nein. Stotternde Kinder und ihre Eltern unterscheiden sich in ihrer Persönlichkeit und ihrem Umgang miteinander nicht von der übrigen Bevölkerung. Stotternde Menschen sind nicht nervöser, ängstlicher oder gehemmter als normal sprechende, nur weil sie stottern. Stotternde Menschen sind entgegen entsprechender Vorurteile auch nicht weniger intelligent.

Stottern ist eine Störung des Sprechablaufs. Die Gefühlslage eines Menschen und das Stottern können sich allerdings in hohem Maße gegenseitig beeinflussen.

Wie sollten Zuhörer auf Stottern reagieren?
Verhalten Sie sich ganz normal und halten Sie Blickkontakt. Lassen Sie die stotternde Person ausreden und ergänzen Sie keine Wörter. Das wirkt demütigend. Verkneifen Sie sich gutes Zureden wie "nur ruhig" oder "hol’ tief Luft". Das hilft nicht. Ein gelassenes Zuhören kann die Situation aber entspannen. Sie müssen dazu nur etwas mehr Geduld aufbringen.

Aus: "Was Sie schon immer über Stottern wissen wollten", Info-Broschüre der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V. (gekürzt und modifiziert). Die vollständige Broschüre gibt es kostenlos zum Download (siehe Linkverzeichnis in der linken Spalte).


Der Nachteilsausgleich
Beim Nachteilsausgleich geht es darum, dass ein stotterndes Schulkind seine Leistungen auf eine Art erbringen kann, die seiner Sprechbehinderung gerecht wird. Bei mündlichen Prüfungen bieten sich dafür verschiedene Hilfestellungen an - von Zeitzugaben bis hin zur Benutzung eines Computers, mit dem Antworten auf Leinwand oder Großbildschirm projiziert werden können. Laut Thum sollte eine individuelle Lösung angestrebt werden.

Weitere Informationen in der BVSS-Broschüre:

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