Streit um Pepp Koalition bremst Bezahlsystem für psychisch Kranke aus

Am geplanten Bezahlsystem in psychiatrischen Kliniken Pepp gab es immer wieder massive Kritik. Gegner fürchten, dass psychisch Kranke durch pauschale Abrechnungen schlechter behandelt werden könnten. Jetzt hat die Koalition die Notbremse gezogen.

Patientenakte: Entgeltesystem Pepp soll zur besseren Versorgung von psychisch Kranken führen - doch Kritiker fürchten das Gegenteil
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Patientenakte: Entgeltesystem Pepp soll zur besseren Versorgung von psychisch Kranken führen - doch Kritiker fürchten das Gegenteil


Königswinter - Für viele Gesundheitspolitiker ist Pepp, das geplante Bezahlsystem in psychiatrischen Kliniken, seit jeher ein Dorn im Auge: Viele fürchten Risiken für psychisch Schwerkranke, wenn die Kliniken künftig über Pauschalen abrechnen. Gegner des Systems kritisierten Pepp bis zuletzt immer wieder massiv. Jetzt hat auch die Koalition das Entgeltsystem in Frage gestellt.

Eigentlich sollte Pepp kommendes Jahr zur Pflicht werden. Bisher ist den 580 psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken noch freigestellt, ob sie danach abrechnen. Diese Optionsphase werde nun bis Ende 2016 verlängert. Das haben die Vorstände der Koalitionsfraktionen am Dienstag auf ihrer Klausurtagung in Königswinter bei Bonn beschlossen.

Zwar soll es finanzielle Anreize für Kliniken geben, die auf das neue System umstellen. Doch das Bundesgesundheitsministerium soll Pepp grundsätzlich überprüfen und gegebenenfalls Alternativen entwickeln.

Der überraschend gefasste Beschluss geht offenbar auf einen Antrag des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbachs zurück. Lauterbach sagte, es sei der "Ausstieg aus der schnellen Einführung des Pepp". Gefahren durch Pepp sollten ausgeschlossen werden. Es drohe etwa, dass Kliniken bei Patienten bestimmte Krankheiten nur deshalb diagnostizieren, weil diese besonders lukrativ seien.

Psychisch Kranke sind wehrlos

Psychotherapien würden in dem neuen System zudem unterbezahlt und drohten weniger häufig angeboten zu werden. Zudem gebe es Patienten, die ganz durchs Behandlungsraster fallen könnten. "Psychisch Kranke können sich dagegen nicht wehren", sagte Lauterbach. Insgesamt seien zwei Millionen Menschen betroffen.

Kritiker hatten auch gefürchtet, dass Menschen etwa mit schweren Depressionen, Schizophrenie oder Suchtproblemen durch Pepp zu früh aus der Klinik entlassen werden könnten: Von den Kassen wird für jeden Aufenthaltstag eine Pauschale gezahlt - je nach Erkrankung sinken die Tagessätze während des Aufenthaltes. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hatte eine Verlängerung der Optionsphase bis 2017 gefordert, der Krankenkassen-Spitzenverband stemmte sich dagegen. Derzeit rechnen rund 80 Häuser mit dem neuen System ab.

cib/nik/dpa

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insgesamt 4 Beiträge
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Martin Franck 29.04.2014
1. Schön und gut
Zitat von sysopDPAAm geplanten Bezahlsystem in psychiatrischen Kliniken Pepp gab es immer wieder massive Kritik. Gegner fürchten, dass psychisch Kranke durch pauschale Abrechnungen schlechter behandelt werden könnten. Jetzt hat die Koalition die Notbremse gezogen. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/streit-um-pepp-koalition-bremst-bezahlsystem-fuer-psychisch-kranke-aus-a-966773.html
dass man diese Gefahren sieht. Nur gilt genau das gleiche auch für die DRGs bei somatischen Erkrankungen. Nur dort bezahlt man seit zehn Jahren nach einer Pauschale, denn diesen Patienten macht es angeblich nichts. "Psychisch Kranke können sich dagegen nicht wehren", sagte Lauterbach. Und wie wehrt sich die alte Oma, die nicht psychisch, sondern somatisch krank ist? Es gibt schon einen Grund warum kein einziges Land auf der Welt das deutsche System praktiziert. (Nein auch Australien nicht). Nach zehn Jahren hat sich genügend gezeigt, dass das angeblich lernende sich selbst anpassende System nicht funktioniert. Außer man freut sich darüber, das jedes zweite Krankenhaus rote Zahlen schreibt. Nun kann man bei Pepp ja einfach es nicht einführen, aber anscheinend traut sich kein Politiker zuzugeben, dass man vor zehn Jahren mit den DRGs einen großen Fehler beging.
hannibalanteportas 30.04.2014
2. Besser spät und nie...
Ich arbeite im Gesundheitssystem und kann nur sagen, dass die Ängste völlig berechtigt sind! Die Therapie wird weniger und medizinischer (heißt mehr Medikamente, weniger Mensch, Kontakt und Gespräch). Den Menschen wird damit nicht geholfen! Und die professionellen Helfer sind auch in der Zwickmühle! Entweder sie schauen zu, wie es den Bach runtergeht (beschissene Option) oder sie machen ohne Rechnung Mehraufwand (hallo burn- out)! Außer den Pharmafirmen (mehr Medikamente, die verschrieben werden) wird sonst niemand profitieren!
dialogischen 30.04.2014
3. Krankenkasseninteressen
Welcher Anreiz soll von einer Pauschale ausgehen als der, nur das formal notwendige Minimum zu leisten? Krankenkassen vertreten keine Patienteninteressen, weshalb unser Gesundheitswesen erst gesundet, wenn wieder die entscheiden, die bezahlen: die entmündigten Patienten
zaphod1965 30.04.2014
4. Krankenkassen-Spitzenverband stemmt sich dagegen
Eigentlich soll man das ja nicht, aber den Typen, die auf die Pepp-Schnapsidee gekommen sind, wünsche ich die Erfahrung einer tiefen depressiven Episode an den Hals. Nach einer solchen Erfahrung käme keiner von denen mehr auf solchen Unsinn. Aber die betroffenen "Herren" sind wahrscheinlich alle privat versichert, gell?
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