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Neue Psychiatrie-Diagnosen: Aus gesund wird geisteskrank

In Kürze veröffentlichen Ärzte das überarbeitete Klassifikationssystem von psychiatrischen Krankheiten. Darin gibt es zahlreiche neue Diagnosen. Nach SPIEGEL-Informationen befürchten Gesundheitsexperten, dass gesunde Menschen mit Alltagsproblemen zu psychisch Kranken abgestempelt werden.

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Corbis

Licht und Schatten: Was ist noch normal und was schon krank?

Darf die Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen zwei Jahre oder nur zwei Wochen dauern? Ab wann ist zu viel essen pathologisch? Und brauchen extrem reizbare Kinder, die sich mitunter zurückziehen, eine psychiatrische Diagnose?

Was noch normal und was schon krank ist, stufen Ärzte nach einem Klassifikationssystem psychiatrischer Leiden ein, das derzeit rundum erneuert wird. Wie der SPIEGEL berichtet, ist jetzt eine Debatte entbrannt um die Inhalte der fünften Auflage des "Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen" (DSM-5), das im Mai veröffentlicht werden soll. Gesundheitsexperten warnen, normale Verhaltensweisen könnten zu seelischen Störungen erklärt werden. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sagt: "Das DSM-5 treibt die weltweite Psychiatrisierung von außergewöhnlichen Verhaltensweisen voran. Psychiater und pharmazeutische Firmen produzieren mehr Kranke, um mehr Geld zu verdienen."

Harald Terpe (Grüne), Obmann des Gesundheitsausschusses des Bundestags, befürchtet, dass das DSM-5 die Verwandlung der Kindheit in eine Krankheit noch weiter treiben könnte. "Mir drängt sich der Verdacht auf, dass hier gesellschaftlich nicht erwünschtes Verhalten von Kindern pathologisiert wird", sagt Terpe, studierter Mediziner und sechsfacher Vater. "Die Leidtragenden sind die Kinder, denen suggeriert wird, sie seien nicht 'normal' und könnten nur mit Medikamenten richtig funktionieren", sagt Terpe. Und weiter: "Die pharmazeutische Industrie unterstützt leider diesen Trend, indem sie Psychopharmaka als schnelle und einfache Lösung bewirbt und die erheblichen Risiken verschweigt."

Auch Andreas Heinz, der die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité leitet, mahnt zur Vorsicht: "Es ist falsch, alle möglichen Befindlichkeitsstörungen mit einem Krankheitsbegriff zu belegen."

Die Modediagnose ADHS, die oft falsch gestellt wird, ist für viele Kritiker ein eindeutiger Beleg dafür, dass aus gesunden Kindern mit Problemen Kranke gemacht werden. Die Zahl der Diagnosen ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen, mittlerweile beschäftigen sich Ärzte mit der Frage, wie sie Erwachsene behandeln sollen, die als Kind unter ADHS litten.

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Forum - Verschreiben die Ärzte zu leichtfertig Psychopharmaka?
insgesamt 232 Beiträge
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1. Nebenwirkungen bedenken!
keruando 20.01.2013
Beim Einsatz von Medikamenten sollte immer auch überlegt werden, ob der gewünschte Erfolg in Relation zu den auftretenden Wechselwirkungen steht. Das gilt nicht nur für Schmerzmittel und leistungssteigernde Präparate, sondern auch für Psychopharmaka. Die Depressionen meiner Tante wurden über viele Jahre medikamentös behandelt. Am Ende stand die vollständige Zerstörung lebenswichtiger Organe...
2. Hä?
mio84 20.01.2013
War nicht vor ein paar Tagen für einen Moment das Titel "Wie die Bundesliga am Tropf von VW hängt" mit Winterkorn abgebildet? Schade, den Spiegel hätte ich mir hundertpro zugelegt!
3. Man muss lernen mit der Krankheit umzugehen
spon-facebook-10000009156 20.01.2013
Zitat von sysopDas Angebot der Pharmaindustrie ist groß, die Mittel werden immer differenzierter und effizienter: Psychopharmaka verlocken zum Gebrauch. Ob bei hyperaktiven Kindern oder gestressten Erwachsenen, stets drängt sich ein Präparat zur schnellen Behandlung auf. Eine nur positive zu bewertende Entwicklung? Oder verschreiben Ärzte zu leichfertig Psychopharmaka?
Tabletten wirken wie Alkohol, sie verdrängen das Leid für eine kurze Zeit. Man muss lernen mit der Krankheit umzugehen, vor allem Ablenkung ist wichtig. Ernährung, Sport, der Glaube, all das kann helfen. Die richtige Einstellung zum Leben, sich selbst in allem zu erkennen. Die Stille suchen, sich selbst zu lieben wie man ist. Alles hat einen Sinn, jeder Umstand hilft uns weiter in unserer Entwicklung, auch eine seelische Krankheit. Krankheit ist keine Strafe. Im Gegenteil, Krankheit ist auch eine Chance.
4.
jubelbube 20.01.2013
Zitat von spon-facebook-10000009156Tabletten wirken wie Alkohol, sie verdrängen das Leid für eine kurze Zeit. Man muss lernen mit der Krankheit umzugehen, vor allem Ablenkung ist wichtig. Ernährung, Sport, der Glaube, all das kann helfen. Die richtige Einstellung zum Leben, sich selbst in allem zu erkennen. Die Stille suchen, sich selbst zu lieben wie man ist. Alles hat einen Sinn, jeder Umstand hilft uns weiter in unserer Entwicklung, auch eine seelische Krankheit. Krankheit ist keine Strafe. Im Gegenteil, Krankheit ist auch eine Chance.
Dass Krankheit keine Strafe ist seh ich auch so. Aber ich habe ein Problem mit ihrer Aussage "alles hat einen Sinn": Welchen Sinn hat es z.b. für ein todgeweihtes Kleinkind?
5. differenzieren und nicht generalisieren
kompost 20.01.2013
Zitat von sysopDas Angebot der Pharmaindustrie ist groß, die Mittel werden immer differenzierter und effizienter: Psychopharmaka verlocken zum Gebrauch. Ob bei hyperaktiven Kindern oder gestressten Erwachsenen, stets drängt sich ein Präparat zur schnellen Behandlung auf. Eine nur positive zu bewertende Entwicklung? Oder verschreiben Ärzte zu leichfertig Psychopharmaka?
wo schon das thema hyperaktiv angesprochen wird. bitte erst mit dem thema auseinandersetzen,dann betroffene fragen! hat hier irgendeiner auch nur den blassesten schimmer wie es einem betroffenen geht, der sich mit vorurteilen auseinander setzen muß? wohl wissend in welchem zustand er leben muß wenn ihm nicht medikamentös geholfen wird und alleine das coaching nicht hilft? es ist die härte! man ist allein und wird als spinner abgetan. außerdem und das ist auch ein wichtiger grund: der impuls ist NICHT steuerbar! wer also schwer von adhs betroffen ist muß ein leben führen das so anstrengend ist das man ständig an der grenze der belastbarkeit steht ! weiterer aspekt: wie wäre es mal sich mit botenstoffen auseinander zu setzen und was es bedeutet wenn botenstoffe nicht oder so gering ausgeschüttet werden das sie ihre aufgabe nicht erfüllen können? ich bin davon betroffen und bitte darum dieses thema ernsthaft anzugehen und nicht eine umfrage zu starten die dann ausgewertet wird nur um ein thema zu haben über das sie schreiben können. ich verbleibe mit freundlichen grüßen
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