Europaweite Studie Stress im Job gefährdet das Herz

Kassierer, Callcenter-Angestellte oder Fließbandarbeiter sind besonders gefährdet. Eine aktuelle Studie zeigt, dass solche Berufsgruppen stark unter Stress leiden und damit ein höheres Herzinfarktrisiko tragen. Die Gründe: Sie arbeiten viel und haben kaum Gestaltungsmöglichkeiten.

Arbeiten bis tief in die Nacht: Ein hohes Arbeitspensum ist einer von mehreren Faktoren für ein erhöhtes Herzrisiko
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Arbeiten bis tief in die Nacht: Ein hohes Arbeitspensum ist einer von mehreren Faktoren für ein erhöhtes Herzrisiko

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Hamburg - Stress durchdringt den Körper, er mobilisiert ihn, macht ihn bereit für Kampf oder Flucht. Das Herz beginnt schneller zu schlagen, das Blut schießt mit höherem Tempo durch den Körper. Die Gefäße von Herz, Gehirn, Lunge und Skelettmuskulatur weiten sich, bündeln die Energie. Was unwichtig erscheint, fährt der Körper herunter. Verdauung? Nebensache!

Kurzzeitiger Stress hilft, kritische Situationen zu meistern, den wichtigen Vortrag vor den Arbeitskollegen, das Bewerbungsgespräch, das erste Date mit dem potentiellen Traumpartner. Auf Dauer kann Stress jedoch auch krank machen - und das Herz stark gefährden.

Das bestätigt jetzt eine aktuelle Studie aus dem Medizinjournal "Lancet". Menschen mit einem besonders belastenden Job, der ein hohes Arbeitspensum, aber kaum Gestaltungsmöglichkeiten mit sich bringt, haben demnach ein mehr als 20 Prozent erhöhtes Risiko für Herzinfarkt.

Es ist die bisher umfangreichste Studie zu diesem Thema, für die ein internationales Forscherteam um Mika Kivimäki vom University College London die Daten von 13 Analysen aus sieben europäischen Ländern zusammengetragen hat. Diese wurden zwischen 1985 und 2006 durchgeführt und nach strengen Kriterien neu ausgewertet. So kam eine Gruppe mit fast 200.000 Personen zusammen, die über einen Zeitraum von durchschnittlich 7,5 Jahren begleitet wurden.

Viel Arbeit, kaum Kontrolle, keine Weiterbildung

Alle Studienteilnehmer arbeiteten zu Beginn der Untersuchungen und waren noch nicht am Herzen erkrankt. Außerdem füllten sie einen Fragebogen aus, in dem sie beantworten mussten, wie hoch ihr Arbeitspensum ist, was für Gestaltungsmöglichkeiten sie im Job haben und wie viel sie dazulernen können. Auf diese Weise versuchten die Forscher, den sehr individuellen Faktor Stress greifbar zu machen.

Die Theorie dafür lieferte das sogenannte Jobstrain-Modell. Es sagt aus, dass Menschen, die ein großes Arbeitspensum absolvieren müssen, aber kaum Einfluss auf die Gestaltung der Arbeit haben, besonders viel Stress ausgesetzt sind. "Darunter fällt etwa ein Beschäftigter in einer Großmetzgerei", sagt Hermann Burr von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, einer der Autoren der Studie. "Er hat in der Regel ein sehr hohes Arbeitstempo, das aber vom Band bestimmt wird." Ähnlich ginge es manchen Mitarbeitern in einem Callcenter oder an der Kasse eines Großmarktes: Sie arbeiteten wie am Fließband, eine individuelle Gestaltung des Arbeitsrhythmus ist häufig kaum möglich.

Jeder 25. Krankheitsfall könnte vermieden werden

"Dem steht etwa eine Reinigungskraft entgegen", sagt Burr. "Sie hat in der Regel auch ein hohes Arbeitspensum, ist aber nicht so gut überwacht und hat dadurch mehr Kontrollmöglichkeiten." Leide sie zum Beispiel unter Rückenproblemen, könne sie einige Räume weniger sorgfältig putzen und dies am nächsten Tag nachholen.

Ebenfalls schädlich ist es laut dem Jobstrain-Modell, wenn die Arbeit keine Weiterbildungsmöglichkeiten bietet. "Das Lernen kann uns helfen, hohe Belastungen zu ertragen", sagt Burr.

Die Ergebnisse der Studie geben dem Stress-Modell Recht: Rund 15 Prozent der Teilnehmer hatten nach eigenen Angaben ein hohes Arbeitspensum, kaum Kontrolle über ihre Arbeit und lernten nichts dazu - waren auf der Arbeit also besonders belastet. Sie erkrankten in der Studie wesentlich häufiger am Herz als die restlichen Teilnehmer: Ihr Herzinfarktrisiko war im Vergleich um 23 Prozent erhöht.

Auch nachdem die Forscher Geschlecht, Alter, körperliche Bewegung, Rauchgewohnheiten und andere Faktoren herausrechneten, die das Krankheitsrisiko ebenfalls beeinflussen könnten, blieb der Zusammenhang bestehen. "Gäbe es diese Kombination von Arbeit und mangelnder Kontrolle nicht, könnte man laut den Ergebnissen der vorgelegten Studie jeden 25. Fall von koronaren Herzkrankheiten bei Berufstätigen vermeiden", sagt Burr. Insgesamt erkrankten in der Studienzeit 2358 der Teilnehmer ernsthaft an den Herzkranzgefäßen.

Rauchen ist viel schädlicher als die Arbeitsbelastung

Zwar besitzt die Studie, wie viele andere, einen entscheidenden Haken: Sie konnte den Zusammenhang zwischen Arbeitsstress und Herzkrankheiten nicht direkt nachweisen. Somit können sich die Forscher nicht hundertprozentig sicher sein, dass wirklich die Fließbandarbeit und nicht etwas anderes hinter den häufigeren Herzkrankheiten in der Gruppe steckt. Dennoch loben auch unabhängige Forscher den Ansatz: "Eine derartige Analyse zum Thema Stress und Arbeit hat es in diesem Umfang und dieser Qualität noch nicht gegeben", sagt der Kardiologe Clemens von Schacky, Leiter der präventiven Kardiologie an der Ludwig-Maximilian-Universität München.

Zwar gilt nun als sicher nachgewiesen, dass Arbeitsstress dem Herzen schaden kann. Daneben zeigt die Untersuchung jedoch auch etwas anderes: Zwar ließe sich mit weniger Stress am Arbeitsplatz die Anzahl an koronaren Herzerkrankungen und somit Herzinfarkten verringern, die auch in Deutschland den ersten Platz der Todesursachen einnehmen. Allerdings wäre der Effekt viel geringer als etwa der einer rauchfreien Gesellschaft: Während ein stressfreier Arbeitsplatz laut dem Ergebnis knapp vier Prozent der Ereignisse durch koronare Herzkrankheiten verhindern könnte, wären es bei einer rauchfreien Gesellschaft 36 Prozent.



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urban4fun 14.09.2012
1.
Zitat von sysopDPAKassierer, Callcenter-Angestellte oder Fließbandarbeiter sind besonders gefährdet. Eine aktuelle Studie zeigt, dass solche Berufsgruppen stark unter Stress leiden und damit ein höheres Herzinfarkt-Risiko tragen. Die Gründe: Sie arbeiten viel und haben kaum Gestaltungsmöglichkeiten. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,855599,00.html
Was die nicht sagen. Hätte ich ja nie gedacht...
cafbad 14.09.2012
2. Ungenügende Information
Und auch hier wird - wie in dem heute erschienenen Artikel zum Thema Brustkrebsrisiko für nachts arbeitende Frauen (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/nachtarbeiterinnen-erkranken-haeufiger-an-brustkrebs-a-855580.html) - die wesentliche Information einfach verschwiegen: Wir wissen also, dass 200.000 Personen an der Studie teilnahmen. Von diesen hatten 15 Prozent "nach eigenen Angaben ein hohes Arbeitspensum, kaum Kontrolle über ihre Arbeit und lernten nichts dazuatten nach eigenen Angaben ein hohes Arbeitspensum, kaum Kontrolle über ihre Arbeit und lernten nichts dazu" - also 30.000 Personen. Statt nun mitzuteilen, wie viele von diesen 30.000 tatsächlich an Herz-Kreislauf-Krankheiten erkrankten, wird nur gesagt, ihr Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, sei um 23 Prozent höher als bei den anderen 170.000. Um das Problem vorzuführen: Wenn 5 von den 170.000 einen Herzinfarkt erleiden, aber 6,15 von den gestressten 30.000, dann ergibt das ein um 23 Prozent höheres Risiko.* Wenn 500 von den 170.000 einen Herzinfarkt erleiden, und 615 von den 30.000 - tja, dann ergibt das ebenfalls ein um 23 Prozent höheres Risiko* * Der Einfachheit halber habe ich die unterschiedliche Größe der Gruppen ignoriert. Man sieht also: Im ersten Fall erscheint die Steigerung als zwar vorhanden, aber eher wenig bedeutend (nur 1,5 Herzinfarkte mehr). Im zweiten Fall sieht das ganz anders aus: 115 Herzinfarkte mehr in der gestressten Gruppe. Solange also nicht angegeben wird, wie das Grundrisiko in den beiden Gruppen aussieht, ist die Aussage "... um 23 Prozent höher" vollkommen wertlos - was schade ist, denn Arbeitsstress ist tatsächlich ein wesentlicher Risikofaktor, nur dass die Autorin dieses eben gerade nicht belegt. ich empfehle zur Fortbildung die Lektüre von Gerd Gigerenzers ausgezeichnetem Buch "Das Einmaleins der Skepsis". Dort wird die angesprochene Problematik ausführlich und sehr gut lesbar erläutert.
Robert B. 14.09.2012
3.
Schwere Arbeit gefährdet die Gesundheit? Welch bahnbrechende Erkenntnis! Das hätten 90% der arbeitenden Bevölkerung auch so sagen können, ganz ohne Studie. Erstaunlich, oder.
henrywotton 14.09.2012
4. Bezahlung
Weiters sollte erwähnt werden, dass auch die miese Bezahlung in diesen Berufen eine Rolle spielt. Als angestellter Werbetexter z.B. hat man zwar auch widerlich viel Stress, kann dafür aber zur Entspannung ins Fitnessstudio oder mal ein Wochenende spontan an die See fahren. Das ist bei einem Kassierer-, Friseurs- etc.-Gehalt meistens nicht drin. Was mich wiederum dazu bringt, mich über die teils unverschämt niedrigen Gehälter für solche Berufe aufzuregen. M.E. sollte für JEDEN Menschen, der ganztags arbeitet, auch die Möglichkeit zur bewussten und wirksamen Entspannung drin sein — und nicht etwa noch in der spärlichen Freizeit enervierendes, demütigendes Gerenne zum Amt, um aufzustocken. Dafür kann es dann auch gerne eine Obergrenze für Gehälter im "gehobenen" Management, für Politiker etc. geben. Deutschland gibt so viel Geld für Sch... aus, da sollte uns das die Gesundheit unserer Bevölkerung ja wohl wert sein. Falls jetzt wieder jemand Überhebliches daherkommt mit dem Spruch: "Wer mehr Geld will, soll gefälligst BWL studieren" etc. kommt: Ich erinnere Sie daran, wenn Sie in ein schickes Loft ziehen wollen, das jemand gebaut hat, aufs Klo gehen, das jemand installiert hat, den teuren Anzug anziehen, den jemand genäht hat und sich Essen bringen lassen von jemandem, der wie auch die anderen "jemande" in diesem Beispiel eher nicht BWL studiert hat und trotzdem (besonders, erst Recht) "systemrelevant" ist. JEDE Arbeit, die anderen nützt, sollte in diesem Land Anerkennung und Respekt erfahren, und das geht zum Teil nunmal mit Geld. "Hauptsache Arbeit" ist nichts als verlogenes, weltfremdes Gewäsch, von Leuten, die nie in der Situation waren, sich täglich für einen Appel und ein Ei krummlegen und die Gesundheit versauen lassen zu müssen, ohne Chance auf eine "Belohnung" dafür.
strayboy 16.09.2012
5. @urban4fun
Und sie wussten auch schon vorher dass das Risiko 23% erhöht ist? Warum haben sie ihre Einsichten nie in der Fachliteratur veröffentlicht? Wenn sie und ihr Mitbesserwisser Robert B. weitere solche quantifizierte Erkenntnisse zu wichtigen Problemen haben, dann teilen sie diese doch bitte mit!
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