Stress im Job  Alles klar im Hamsterrad?

Millionen Arbeitsstunden fallen jährlich wegen Stress-Problemen von Arbeitnehmern aus. Die Linke fordert eine Anti-Stressverordnung. Was aber, wenn wir einfach selbst schuld sind?

Hamsterrad: Der Witz daran ist, dass es nicht schneller vorangeht, wenn man schneller rennt
Corbis

Hamsterrad: Der Witz daran ist, dass es nicht schneller vorangeht, wenn man schneller rennt

Ein Kommentar von


Hand aufs Herz: Wann hat das letzte Mal ein Vorgesetzter brüllend hinter Ihnen gestanden, die Peitsche geschwungen und eine Erhöhung der Taktzahl verlangt? Das mag es geben, aber denen von uns, die nicht auf Galeeren schuften, passiert es eher selten. Ist ja auch nicht nötig. Uns das Arbeitsleben hart und stressig zu machen, schaffen wir schon selbst.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 33/2014
Ewig frisch verliebt: Wie neue Medikamente unsere Gefühle steuern

Denn zu unserer Arbeitsethik gehört es, das Letzte zu geben, an und über unsere Grenzen zu gehen. Zum Wohle der Firma, auch wenn wir selbst aus dem letzten Loch pfeifen: Der Beinahe-Burnout ist in manchen Branchen fast ein Adelsprädikat.

Zu den höchsten Tugenden in unserem Wertekanon zählen Fleiß, Pünktlichkeit, Leistungsbereitschaft. Das sind keine schlechten Eigenschaften, aber es sind auch nicht die einzig selig machenden: Hat sich da etwas verselbständigt, das für uns alle weder individuell noch kollektiv gut und gesund ist?

Wir Deutschen neigen dazu, wie die Arbeitsbienchen zu agieren. Uns für unabkömmlich im Arbeitsprozess zu halten, empfinden wir als Aufwertung. Wir unterscheiden zwischen Arbeit und Freizeit; das ist ok. Aber wir glauben, uns Freizeit erst verdienen zu müssen, was definitiv nicht gesund ist. Denn wir haben das eigentlich nur Notwendige zum Mittelpunkt unseres Lebens gemacht. Wir sind, was wir im Getriebe leisten. Der Mensch daheim ist immer noch "Chef eines erfolgreichen kleinen Familienunternehmens", suggeriert die Werbung.

Da liegt die Frage nahe, ob wir alle noch ganz frisch sind.

Denn eigentlich wissen wir, dass uns die Prioritäten durcheinandergeraten sind. Wir leben, als wären wir persönlich verantwortlich für die Wirtschaftskraft des Landes. Selbst der, der eigentlich nicht mehr kann. Nur fällt es schwer, langsamer zu rennen, wenn Hamsterrad neben Hamsterrad steht und jeder der Schnellste sein will.

Zum Glück passt man auf uns auf. Wenn die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage durch stressbedingte psychische Probleme auf 61,5 Millionen im Jahr steigt, wie der SPIEGEL in seiner neuen Ausgabe berichtet, ruft prompt die Linke nach besserer Aufsicht für die Arbeitsbienen und einer Anti-Stressverordnung - ein absurder Gedanke. Der Druck, orakelt dazu das Arbeitsministerium, resultiere aus Digitaltechnik und Globalisierung.

Mit Verlaub: Das ist Humbug. Mein Stress erwächst aus meiner Ambition, aus Gewöhnung an ein sich stetig erhöhendes Arbeitstempo und aus Anpassung an die Taktzahlen um mich herum. Er ist auch das Resultat meiner Mentalität und Ausdruck einer Arbeitsethik, die die Selbstverheize zum Wert erhebt. Ist das bei Ihnen vielleicht anders?

Vielleicht sollten wir uns öfter klarmachen, dass wir uns damit den Spaß im und am Leben verderben. Wir brauchen keine Stressverordnung. Vielleicht sollten wir uns ab und zu fragen: Was ist wirklich wichtig in meinem Leben?

Denn das könnte morgen schon vorbei sein.

Vote
Stress-Folgen im Job

Wer ist verantworlich für die stressbedingten Ausfälle im Job?

Anzeige
  • Frank Patalong:
    Der viktorianische Vibrator

    Törichte bis tödliche Erfindungen aus dem Zeitalter der Technik.

    Lübbe; Oktober 2012; kartoniert; 288 Seiten; 9,99 Euro.

  • Bei Amazon bestellen.
  • Bei Thalia bestellen.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 61 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
monotrom 11.08.2014
1. Ja
Bei mir ist das anders. Schaffe ich es nicht 2x39 und 1x42 in meinen eigenen 35h zu erledigen, sehe ich da wenig Verständnis bei der Obrigkeit, wenn eine Aufgabe länger dauert oder es zu Flüchtigkeitsfehlern kommt. Was mich zu der Frage veranlasst: Sind in der Spiegelredaktion noch Stellen frei?!
bosu 11.08.2014
2. Zu kurz gedacht
Vielleicht könnte der Blick auf das Wirtschaftssystem allgemein und die von Unternehmen notwendigen Rationalisierungen der letzten Jahre helfen. Der Mittelstand verschwindet nicht wegen überarbeiteten Arbeitnehmern.
THE-PUNISHER 11.08.2014
3. Schöner Artikel ;) dem stimme ich zu
Sie haben absolut recht, ich hatte vor 3 Jahren eine ziemliche Kriese in meinem Job , aus genau dem Grund den sie hier nenne. Ich habe mich und meine Arbeit zu wichtig genommen , und dachte wirklich es kommt auf mich an. Wir sollte lockerer werden und etwas mehr Humor/Spass haben. Selbst wenn der Chef stresst, oft weis er gar nicht was wir alles leisten oder wie fertig wir schon sind. Wir können uns da einiges von den Schweizern abschauen die sind etwas entspannter drauf und trotzdem hoch motiviert und leistungsstark. Wir nehmen die Welt in unseren Köpfen war und dort produzieren wir auch ungemein , unnötigen, viel Stress. Jeder der es mal ernsthaft ausprobiert merkt es schnell, auch wenn man locker bleibt und mal „Stop“ zur Arbeit und dem Stress sagt läuft das Hammsterrad rund und es geht uns gut .
mazzeltov 11.08.2014
4. Gerüchte...
Gerüchten zufolge soll es auch immer noch Menschen geben, denen ihre Arbeit schlicht und einfach Spaß macht. Sollte man aber wahrscheinlich nicht zu laut sagen - bevor Hr. Schäuble über eine neue Form der Vergnügungssteuer nachdenkt...
Leser161 11.08.2014
5. @Ergebnis
"Uh! Ich bin selbst mein schärftser Konkurrekt! Ich bin der Geilste!" Jetzt mal ernsthaft. Vielleicht könnte man mal über Lösungen nachdenken. Bzw. wer kann konkret die Unternehmenskultur steuern? Ah! Die Führung. Die Führung muss die Werte vorleben. Und wenn Leiter permanent hervorkehren, wie toll sie sich wieder "für uns alle" eingesetzt haben, in dem Sie 24/7 im Einsatz waren, dann übernehmen das natürlich die Angestellten. Stattdessen sollte vorgelebt werden, dass derjenige der seinen Job korrekt macht ein guter Angestellter ist, und nicht derjenige der zwecks Angabe Überstunden reisst, aber eigentlich nix leistet.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.