Studie Etwa jeder Zweite kennt Gewalt in der häuslichen Pflege

Drohen, einschüchtern, manchmal sogar schlagen: In der Versorgung von Pflegebedürftigen zu Hause kommt Gewalt häufiger vor, als viele glauben - von beiden Seiten.

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Häusliche Pflege braucht Zeit, Geduld und Kraft. Oft liegen die Nerven auf beiden Seiten blank - bei Pflegenden und Patienten. Dass belastende Konflikte schnell zu Gewalt führen können, zeigt eine aktuelle Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP).

Demnach waren 45 Prozent der rund 1000 befragten Pflegenden bereits mit psychischer Gewalt wie Anschreien, Beleidigen oder Einschüchtern konfrontiert. Elf Prozent erlebten sogar körperliche Übergriffe wie grobes Anfassen, Kratzen, Kneifen oder Schlagen.

Auf der anderen Seite sieht es kaum besser aus: 40 Prozent der Befragten gaben zu, in den vergangenen sechs Monaten gegenüber den Pflegebedürftigen mindestens schon einmal absichtlich gewaltsam gehandelt zu haben.

"Vor Wut schütteln"

Der Befragung zufolge fühlt sich mehr als ein Drittel (36 Prozent) der Pflegenden häufig niedergeschlagen, 29 Prozent sind häufig verärgert, 25 Prozent hätten die pflegebedürftige Person bereits "vor Wut schütteln" können.

"Gewalt in der Pflege hat viele Gesichter und fängt nicht erst beim Schlagen an", sagt Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des ZQP. "Es kommt dabei nicht in erster Linie darauf an, ob etwas aus bösem Willen passiert oder strafrechtlich relevant ist. Vielmehr geht es um die oft gravierenden Folgen."


Das ZQP befragte im April und Mai 2018 rund 1000 Personen in Deutschland zwischen 40 und 85 Jahren, die in ihrem privaten Umfeld seit mindestens sechs Monaten und mindestens einmal pro Woche jemanden zu Hause pflegen. Die Fragen lauteten:

  • Wie oft ist es in den letzten sechs Monaten vorgekommen, dass die pflegebedürftige Person Sie geschlagen/beleidigt/bedroht/angeschrien hat?
  • Ist es in den letzten sechs Monaten vorgekommen, dass Sie die pflegebedürftige Person absichtlich geschlagen/gestoßen/angeschrien/eingeschüchtert haben?

Für pflegende Angehörige ist es deshalb wichtig, dass sie die negativen Gefühle bei sich erkennen und diese nicht verharmlosen oder verschweigen, rät das ZQP. Wer sich Hilfe holt, kann lernen, mit Wut, Aggression oder herausforderndem Verhalten umzugehen und Gewalt vorzubeugen. Dazu beraten auch Pflegeschulungen oder -beratungen. Darauf haben pflegende Angehörige einen kostenlosen Rechtsanspruch. Beim Bundesgesundheitsministerium ist ein allgemeiner Onlineratgeber Pflege zu finden.

In Deutschland sind dem ZQP zufolge drei Millionen Menschen pflegebedürftig im Sinne des Sozialgesetzbuches. Drei Viertel von Ihnen werden zu Hause versorgt, 1,4 Millionen ausschließlich von ihren Angehörigen.

Video: Pflegenotstand in Deutschland

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hei/dpa

insgesamt 8 Beiträge
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dasfred 20.06.2018
1. Der Weg zur Überforderung ist kurz
Häusliche Pflege stellt das Leben aller Beteiligten auf den Kopf. Jedem, der einen Angehörigen pflegt, kann ich nur raten, sich schon so früh wie möglich Unterstützung durch einen ambulanten Pflegedienst zu holen, sowie nach Selbsthilfegruppen zu suchen. Die Erfahrungen anderer helfen oft, das veränderte Verhalten der Kranken besser einzuordnen und nicht als persönliche Zurückweisung zu deuten. Es gibt viele Hilfsangebote, die jedoch erstmal gefunden, beantragt und bewilligt werden müssen, daher ist es umso wichtiger parallel zur Pflege alles in Wege zu leiten.
Gelber Rabe 20.06.2018
2. Leider,
wird das nur selten thematisiert. Es gibt fast täglich Berichte über die Zustände in Pflegeheimen.Dabei ist oft fast jeder zweite Beitragdie Forderung, die Angehörigen sollen das übernehmen.Wer das nicht kann oder will, wird des "Abschiebens" beschuldigt. Sicher gibt es Fälle, in denen die Pflege der Eltern zu Hause gut funktioniert. Es kann aber auch eine Qual für alle Beteiligten sein. Nicht immer ist das Verhältnis gut. Bei dem sehr hohen Alter, in dem die meisten Menschen Pflegefälle werden, sind die Kinder selbst oft schon alt. Nicht alle alten Menschen sind nett, nicht jeder hat eine gute Erinnerung an seine Kindheit. Wenn dann womöglich alte Rechnungen aufgemacht werden, kann das nicht Sinn der Sache sein. Und auch wer die Angehörigen herzlich liebt, kann mit ihrer Pflege völlig überfordert sein. Wenn eine Demenz auftritt, kann der Mensch ein völlig anderes Verhalten zeigen. Es kann für Angehörige extrem belastend sein, wenn sie von der geliebten Person plötzlich bEs ist niemandem damiteschuldigt werden, das sie sie vergiften wolle oder Ähnliches. Es ist niemandem damit gedient, wenn sich jemand dazu gezwungen sieht, die Pflege der Angehörigen selbst zu übernehmen, obwohl er damit überfordert ist.Leider scheint das aber immer noch erwartet zu werden. Das dann auch irgendwann Gewalt mit ins Spiel kommt, ist nicht erstaunlich und im übrigen auch bekannt. Zumindest sollte niemandAngst haben müssen, als eine Art "Rabenkind" hingestellt werden, wenn er mit der Pflege der Eltern nicht alleine klarkommt. Im übrigen, will auch nicht jeder von seinen Kindern gepflegt werden.
kratzdistel 20.06.2018
3. kiminalität an senioren
generell wir es weniger gewalt als früher an Senioren geben, da die bürger aufgeklärter sind.der beste schutz ist zeitig ab 18 jahren eine betreuungsvollmacht oder vorsorgevollmacht für eine Person seines vertrauens. auch institutionelle gewalt in heimen durch pfleger durch diebstähle, unnötige Fixierungen, beruhigende tabletten ohne not usw. darf nicht übersehen werden. z.b.die kinder bauen ein haus, sind kreditbelastet, da darf die mutter im haus wohnen. sie hat ja eine kleine rente. dann werden pflegekosten für eigene leistungen kassiert und dann kontrolliert niemand wie es der mutter geht, ob sie würdig oder im keller oder remise untergebracht ist.das sind natürlich wenige einzelfälle. aber sie kommen nunmal vor. einiges ist strafbar aber schwer beweisbar.
genugistgenug 20.06.2018
4. Teufelskreis gegen pflegende Angehörige
Einerseits weder diese Menschen mit allem alleine gelassen (u.a. keine Beratung entsprechend SGB I), dann werden sie bei allem bevormundet und das völlig menschenverachtend/bürokratisch und unter völliger Ignorierung dass der Tag nur 24 Stunden hat, die Angehörigen noch arbeiten müssen, Familie haben und auch mal schlafen müssen. Dazu stülpt man ihnen alles über "können Sie ja machen" (auch gegen Bundesverfassungsgericht) nur um den eigenen Etat nicht zu belasten und so Boni zu kassieren. Dazu kommt die Sozialmafia, sich überall einmischt, ihre Pfründe absteckt, aber keine Leistung bringt, außer Betreuer reinzudrücken, wenn noch etwas Geld da ist (Anwalt rechnet PAUSCHAL 4,5 Std/Monat a'48,- € ab, hat über 150 Opfer - pauschal ist gesetzlich zulässig "das müssen Sie so sehen, bei einem braucht er länger und bei ihnen weniger Zeit" (Richter weil der Anwalt nur die Kontoauszüge abheftet und runde 3.000,- €/Jahr mit Kontrollanwalt, usw.. abzockt, die nicht-finanzielle Betreuung ablehnt, die andere auch in diesen 4,5 Std. machen müssen, z.B. Behördenlauferei, usw.) Sozialmafia zockt ebenso nur ab: ein ehem. Arbeitskollege hat seine Frau 10 Jahre lang gepflegt (Demenz) also 5 mehr wie Durchschnitt - die Tagespflege begann mit 4 Personen Fachpersonal und endete in Rollstuhltransport wie Pakete, Abholungstour, in Flur geschoben weil der Fahrer andere Aufgaben hatte und nach 1 Stunde endlich in die Tagespflege die grade aufmachte - das baden wurde der Frau des Hausmeisters überlassen weil es nur noch eine Fachperson (Leiterin) gab - nach Protest wurde der Vertrag gekündigt. Sozialvereine schickten zwar jemanden, damit der Mann Essen kaufen konnte, doch eine durchsuchte die Wohnung, die andere wollte sich nur hinsetzen und ihn anrufen, wenn seine Frau keine Luft mehr bekam. Geld: Sie hatten seit Jahren ein gemeinsames Konto, weil er aber nach Entdeckung der Demenz weiter von dort die Kosten bezahlte (seine Rente ging da drauf) wurde ihm Diebstahl/Unterschlagung/Betrug unterstellt und die Vollmacht entzogen. Diese Bürokratie funktionierte sofort, doch Hilfe, Beratung, usw. musste er alles selbst rausfinden. Krankenhäuser: Sie musste zweimal ins Krankenhaus und dort wollte man gleich das Standardprogramm (Katheder, usw.) zur Zeitersparnis machen. Er hat dann dem Arzt/Schwester gesagt, dass er sowieso die ganze Zeit da ist und diese Arbeit macht und angeboten, denen persönlich einen Katheder zu legen, wenn sie das seiner Frau antun. Behörden: Die Erhöhung der Pflegestufe wurde trotz Diagnosen erst einmal grundsätzlich abgelehnt - die von der Tagespflege wollte gleich eine befreundete Anwältin einschalten um dagegen zu klagen - Dauer??? - er hat einfach Nein gesagt - was ihm als Feind seiner Frau angekreidet wurde und den Antrag 6 Monate später erneut gestellt - dann kam er sofort durch - die Klage hätte länger gedauert und es ging den Behörden nur um Verzögerung um Geld zu behalten. Unsere Feststellung ist, dass außer salbungsvollen Worten/dummen Floskeln - alles zur eigenen Entlastung - nichts kommt und die pflegenden Menschen alleine gelassen werden
thetruthhasbeenspoken92 20.06.2018
5. Es geht auch ganz anders!
Ja, sicherlich gibt es Gewalt gegenüber pflegebedürftigen Schutzbefohlenen. Aber es kann auch andersrum laufen. Ich arbeite als Dauernachtwache (alleine) in einer geschlossenen gerontopsychiatrischen Einrichtung. Dort ist es völlig normal, dass die Kollegen von den Bewohnern ab und zu verprügelt, beleidigt und bedroht werden. Neulich wurde der 16- jährige Auszubildende von einer Bewohnerin so zusammengeschlagen bzw. verletzt, dass er ins Krankenhaus musste. Ich wurde bis jetzt zum Glück nur gekratzt und gekniffen. Aber wenn mich nachts jemand angreifen sollte, wäre ich demjenigen schutzlos ausgeliefert. Wir haben nichts mit dem wir uns verteidigen können und kriegen nicht mal einen Gefahrenzuschlag. DAS alles kriegt aber natürlich niemand mit.
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