Internationale Analyse Suizidrate steigt während der Finanzkrise

Ist die Finanzkrise schuld an steigenden Suizidraten? Diese These ist stark umstritten. Eine Auswertung internationaler Daten findet jetzt deutliche Hinweise dafür, dass sie richtig sein könnte.

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Die weltweite Finanzkrise bleibt in Deutschland eine abstrakt scheinende Gefahr: Es geht um Rettungspakete, Haftungsrisiken und Bankenkonstrukte mit kryptischen Akronymen. Doch in den Krisenstaaten, in Griechenland oder Spanien etwa, erschüttert die Sparpolitik den Alltag der Menschen. Jetzt stützt eine internationale Analyse den düsteren Verdacht, dass die Krise die Zahl der Selbsttötungen nach oben treiben könnte.

Zu diesem Schluss kommt ein Team um Shu-Sen Chang von der University of Hongkong, das Daten zu Suizidraten aus 54 Ländern ausgewertet hat. Wie die Forscher im "British Medical Journal" berichten, ist die Zahl der Selbsttötungen nach dem Beginn der weltweiten Finanzkrise 2008 deutlich gestiegen: 2009 nahmen sich in den analysierten Staaten 4900 Menschen mehr das Leben, als anhand des Vergleichzeitraums von 2000 bis 2007 als wahrscheinlich berechnet worden war.

Das Resultat der Studie deutet darauf hin, dass es zumindest einen statistischen Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Suizidraten und dem Ausmaß der Arbeitslosigkeit in den jeweiligen Ländern gibt. Die Forscher sind außerdem der Ansicht, dass ihre Analyse das Problem unterschätzt, da einige von der Finanzkrise besonders betroffene Staaten wie Italien und Australien nicht in die Untersuchung eingeschlossen werden konnten. Zudem kämen auf jede vollendete Selbsttötung noch bis zu 40 Versuche und auf jeden Versuch zehn Menschen mit Suizidgedanken, schreiben die Autoren.

Männer scheinen besonders betroffen zu sein: Der Studie zufolge stieg die Suizidrate bei Männern aus den amerikanischen Ländern um mehr als sechs Prozent an, bei jenen aus den europäischen Nationen um vier Prozent. Bei Frauen aus Europa gab es dagegen keine Veränderungen, bei amerikanischen Frauen nur einen geringeren Anstieg.

In Europa nahm die Zahl der Selbsttötungen am deutlichsten bei Männern zwischen 15 und 24 Jahren zu, in amerikanischen Ländern gilt das für die Gruppe der 45- bis 64-Jährigen. Ebenso sind besonders jene Staaten von einer Zunahme der Suizidrate betroffen, die vor der Finanzkrise eine vergleichsweise niedrige Arbeitslosenquote hatten.

Ähnliche Muster in der Vergangenheit

Ist die Finanzkrise also schuld am Anstieg der Selbsttötungen? Das im einzelnen Fall eines Suizids zu beweisen, dürfte nahezu unmöglich sein. Denn ein Suizid hat immer mehrere Gründe.

Gleichwohl hat es bereits in der Vergangenheit ähnliche statistische Muster gegeben: Schätzungen gehen von mehr als 10.000 zusätzlichen Selbsttötungen während der Finanzkrise in Japan, Südkorea und Hongkong 1997 aus. Vor allem Männer im typischen Arbeitsalter nahmen sich damals das Leben, ebenso wie bei der russischen Finanzkrise zu Beginn der neunziger Jahre. Selbst nach der Großen Depression in den dreißiger Jahren wurden ähnliche Zusammenhänge beschrieben.

Bereits eine erste Analyse der Daten aus zehn europäischen Ländern hatte 2011 gezeigt, dass die Suizidraten in neun von zehn untersuchten Nationen von 2007 bis 2009 gestiegen waren. Für die aktuelle Studie aus Hongkong werteten die Autoren die Daten von 53 Nationen aus, deren Suizidzahlen von 2000 bis 2009 in der Sterblichkeitsdatenbank der Weltgesundheitsorganisation WHO vollständig und nachvollziehbar enthalten waren. Die US-Zahlen stammen von der Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC).

Obwohl die Datengrundlage durchaus solide ist, hat die Studie einige Schwächen: Die Forscher konnten nur bereits bestehende Daten analysieren und keine neuen Daten selbst erheben. Für einige wirtschaftlich bedeutende Staaten wie China und Indien waren keine Daten verfügbar. Zudem werden die Suiziddaten nur jährlich erhoben. Wegen der Entwicklung der Finanzkrise hätten aber auch Quartals- oder Monatsdaten Unterschiede verdeutlichen können. Und aus unterschiedlichen Gründen wird nicht jeder Suizid in der Statistik als Selbsttötung erfasst.

Der Psychologe Georg Fiedler vom Therapiezentrum für Suizidgefährdete am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf gibt zu bedenken, dass der beobachtete Effekt nur einer von vielen Faktoren sei. In den achtziger Jahren, als Arbeitslosigkeit in Deutschland zum Problem wurde, sei die Anzahl der Suizide gesunken, weil die Behandlungsmöglichkeiten für psychisch Kranke besser wurden. Fiedler sieht wegen der Krise die Gefahr des Zusammenbruchs von Strukturen im Gesundheitswesen.

In Gesellschaften wie Griechenland, in denen der Staat die Infrastruktur des Gesundheitswesens kaum mehr aufrechterhalten kann, könnte so das Risiko steigen, dass Betroffene vergeblich nach Hilfe suchen und sich das Leben nehmen. "Vermutlich verlieren gefährdete Menschen als Erste ihre Jobs, aber das Problem geht weit über den Kreis der Arbeitslosen hinaus", sagt Fiedler.

Gerade in der Finanzkrise wird so die Bedeutung einer funktionierenden sozialen und Gesundheitsinfrastruktur auf dramatische Weise deutlich.

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insgesamt 41 Beiträge
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henrywotton 18.09.2013
1. überrascht leider nicht
männer werden ja meist über einkommen und status definiert, da kann die vorstellung, keine familie mehr ernähren zu können und als "versager" stigmatisiert zu werden, schon zur verzweiflung führen. genau wie perspektivlosigkeit durch fehlende arbeitsplätze oder steigender psychischer druck bei jenen, die noch arbeit haben. ich denke, dass armut als stressfaktor generell unterschätzt wird: dies explizit an die adresse jener, die immer meinen, man habe mit alg2 ein "schönes leben". man hat zeit, das ist ein luxus, ja. aber man kann sich kein sozialleben mehr leisten und "freunde" wenden sich ab. das macht krank. meines wissens ist auch bewiesen, dass einsamkeit und soziale ächtung zu depressionen und suizidalität führen können und dass umgekehrt ein stabiles soziales netz, egal ob aus familie oder freunden bestehend, davor schützen kann. danke, spiegel, übrigens für die hilfsangebote am ende des textes. menschen, die latent suizidal sind, fühlen sich tatsächlich oft von artikeln zum thema "angezogen". zumal wir hier in deutschland ja in punkto armut und perspektivlosigkeit auch eher brachland denn blühende landschaften haben.
BettyB. 18.09.2013
2. Wen wundert´s...
Wer selbst keine Chance und keine Kohle hat und sieht dass die Reichen dagegen immer reicher werden, kann sich schon verlassen vorkommen, zumal, wenn das Wenige immer weniger wird...
NickCourtier 18.09.2013
3. Nein, wie abwegig...
Könnte die Finanzkrise die Suizidrate erhöhen? Ach nein, wie abwegig zu vermuten, dass sich der ein oder andere umbringen könnte, wenn er sein Lebenswerk vernichtet sieht, oder sich seiner Zukunftsperspektiven beraubt sieht, oder glaubt, dass seine Familie ihm die Schuld daran gibt, aus dem schönen aber weggepfändeten Haus in eine billige Absteige umziehen zu müssen. Niemand käme auf die Idee, egal wie labil er auch sein möge, sich wegen solcher Lappalien etwas anzutun... Verdammt, wie weltfremd muss man eigentlich sein, um einen Zusammenhang zwischen Finanzkrise und Suiziden überhaupt in Frage zu stellen?
"Armenhaus" 18.09.2013
4. Suizid vs. Behandlungsmethoden vs. Kosten
Trauig aber wahr - diese Statistiken ( Zahlen) sind geschönt ( sind etwa 4mal so hoch und nicht jede Selbsttötung wird sofort als solche angesehen) - Dazu trägt leider auch der moralische Verfall in der EU bei - Menschen als "Humankapital" zu sehen. Ja, - ich kannte einen Menschen der sprang lieber in den Freitod als für € 4,83.-/ Std. putzen zu gehen.
kumi-ori 18.09.2013
5. Hätte man besser darstellen können
Mit dem Artikel und den Grafiken kann ich nicht sehr viel anfangen. Natürlich gibt es in Deutschland mehr Selbstmorde als in Irland, schließlich hat Deutschland 20x so viele Einwohner. Warum wurden absolute Zahlen und nicht Prozent der Bevölkerung angegeben und warum wurde das nicht in Relation zu den nationalen wirtschaftlichen Parametern (z. B. Anstieg der Arbeitslosenquote, Anstieg der Armutsquote) gesetzt?
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