Der Bedrohung durch Krebs sind die Deutschen sich bewusst. Sie werden von ihrer Krankenkasse zur Früherkennung eingeladen, Frauen werden regelmäßig vom Gynäkologen auf die Brustkrebsvorsorge hingewiesen, in Fernsehspots machen Prominente auf die Darmkrebsuntersuchung aufmerksam. Prominente Plätze in der Todesursachenstatistik für Tumorkrankheiten unterstreichen die Bedeutung der Vorsorge.
Doch Deutschlands Krebsmediziner machen sich Sorgen um die Behandlung ihrer künftigen Patienten. Sie fürchten, der demografische Wandel könne die Versorgungsstrukturen überfordern. Um die Veränderungen der nächsten Jahre besser einschätzen zu können, hat die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) eine Studie in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse sie am Donnerstag in Berlin vorstellte.
Wissenschaftler des Greifswalder Instituts für Community Medicine durchforsteten für die Analyse zahlreiche Datenbanken, um eine Bestandsaufnahme der Versorgung von Krebspatienten heute und eine Vorhersage für die Situation 2020 erstellen zu können. Die wichtigsten Ergebnisse:
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Bevölkerung
Die Gesamtbevölkerung Deutschlands wird von 2008 bis 2020 um etwa 1,8 Millionen Einwohner (2,2 Prozent) abnehmen. Gleichzeitig nimmt der Anteil der älteren Menschen deutlich zu: 2020 wird es 83 Prozent Männer über 80 Jahre mehr geben als 2008 (1,05 Millionen), bei den Frauen werden es 31 Prozent mehr sein (860.000)
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Krebserkrankungen
In Deutschland werden im Jahr 2020 geschätzt 176.000 Patienten mehr an Krebs erkrankt sein als 2008. Am deutlichsten steigt die Zahl von Männern mit Prostatakrebs, Darmkrebs und Harnblasenkrebs sowie Frauen mit Brustkrebs, Darmkrebs und Gebärmutterhalskrebs.
Jährlich wird es dann 67.000 neu festgestellte Krebserkrankungen mehr geben als zwölf Jahre zuvor. Den größten Zuwachs gibt es bei solchen Tumoren, die bei älteren Menschen auftreten: Bei Männern sind das Prostatakrebs (12.100 Neuerkrankungen, plus 19 Prozent), Darmkrebs (7900 Neuerkrankungen, plus 22 Prozent) und Lungenkrebs (6400 Neuerkrankungen, plus 18 Prozent). Bei Frauen dagegen Brustkrebs (5500 Neuerkrankungen, plus acht Prozent), Darmkrebs (4100 Neuerkrankungen, plus 13 Prozent) und Lungenkrebs (1700 Neuerkrankungen, plus 11 Prozent).
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Ärzte
Für das Jahr 2020 rechnen die Wissenschaftler damit, dass etwa ein Viertel der Ärzte mit der Schwerpunktbezeichnung Hämatologie und Onkologie - Experten für die Behandlung von Krankheiten des Blutes und Krebs - 65 Jahre oder älter sind. Die Forscher gehen davon aus, dass diese Mediziner mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Krebspatienten mehr behandeln. Daraus errechnen die Studienautoren einen zusätzlichen Ärztebedarf in der Krebstherapie. Ärzte anderer Fachrichtungen, die auch Krebspatienten behandeln, wurden in der Studie nicht berücksichtigt.
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Medizinische Versorgung
Im Jahr 2020 werden nach der Studie gegenüber 2008 etwa 13 Prozent mehr Krankenhaustage für die stationäre Behandlung von Krebspatienten benötigt.
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Kosten
Schon für die Vergangenheit stellen die Forscher eine Zunahme der Kosten für die Behandlung von Krebspatienten fest: Von 2002 bis 2008 stiegen die Ausgaben im ambulanten Bereich um die Hälfte (52 Prozent), im stationären Bereich um knapp ein Drittel (31 Prozent). Die Studienautoren nehmen an, dass zunehmend mehr Patienten ambulant behandelt werden. Blieben Rahmenbedingungen wie Kosten pro Fall, Abrechnungsvorgaben und Therapieleitlinien bis 2020 unverändert, würden die Kosten für Krebserkrankungen im Gesundheitswesen um 1,7 Milliarden Euro jährlich zunehmen.
Die Greifswalder Forscher widerstehen der Versuchung, aus ihren Studienergebnissen Rezepte für die Gesundheitspolitik abzuleiten. Stattdessen formulieren sie Fragen für die Forschung, die beantwortet werden müssen, um Krebspatienten in Deutschland in den nächsten Jahren angemessen behandeln zu können.
Die Studie im Detail
Die Forscher der Universität Greifswald wollten im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (DGHO) untersuchen, welche Faktoren die heutige und künftige Versorgung von Krebspatienten in Deutschland beeinflussen.
Anhand des Ist-Standes erstellten die Forscher Hochrechnungen der Anzahl der Krebsneuerkrankungen und der Prävalenzen (zu einem Zeitpunkt an einer Krankheit erkrankte Patienten) bis 2020. Daraus ziehen die Wissenschaftler Rückschlüsse auf den Versorgungsbedarf im Jahr 2020, sowohl ambulant als auch stationär. Berücksichtigt wurden die jeweils zehn häufigsten Krebserkrankungen bei Männern und Frauen, zusätzlich auch noch maligne Lymphome und Leukämien.
Regionale Bevölkerungsentwicklung der Gesamtbevölkerung, der über 60-Jährigen und der über 80-Jährigen nach Landkreisen für das Jahr 2020.
Neuerkrankungen und Prävalenzen der häufigsten Krebserkrankungen auf Landkreisebene im Jahr 2008 und eine Hochrechnung dieser Zahlen für 2020.
Hochrechnung der Anzahl der benötigten stationären Krankenhaustage 2020 auf Landkreisebene.
Hochrechnung der benötigten Arztzahlen in den an der Krebsversorgung beteiligten Arztgruppen im ambulanten Bereich.
Analyse der direkten Krankheitskosten für den ambulanten und stationären Bereich im Gesundheitswesen.
Die Wissenschaftler werteten unterschiedlichste, nur teilweise öffentlich zugängliche Datenbestände aus. Problematisch ist, dass diese Datenbestände zum Teil unterschiedliche Randbedingungen aufweisen: Zwar bemühten sich die Forscher, die Daten in Fünfjahresaltersgruppen auszuwerten, die aber gar nicht für alle berücksichtigten Paramter zur Verfügung stehen. Manche Daten gibt es zwar auf Bundes- oder Landesebene, aber nicht für die Landkreise aufgeschlüsselt.
Ein besonderes Problem stellt Baden-Württemberg dar: Für das Bundesland gab es keine Krebsregisterdaten für das Jahr 2008. Die Rate der Neuerkrankungen mussten die Forscher deshalb mit Hilfe eines Behelfsverfahrens anhand bayerischer Daten schätzen.
Statt einfache Antworten auf die komplizierten Fragen zu formulieren, nutzt die Studie die Ergebnisse, um weitere Fragen für neue Studien zu formulieren. Das mag unbefriedigend wirken, ist aber der wissenschaftlich ehrliche Ansatz.
Um die Prognosen für das Jahr 2020 erstellen zu können, mussten die Forscher eine Reihe von Parametern schätzen. So nahmen sie zum Beispiel für die Prävalenz der Krebserkrankungen an, dass das Verhältnis zwischen Inzidenz (Neuaftreten der Krankheit) und Überlebensraten konstant bleiben würde. Gibt es bis 2020 neue Therapien, die sich positiv auf die Überlebensrate auswirken, bleibt das unberücksichtigt.
Ähnliches gilt für die Kosten: Die Wissenschaftler nahmen für die Hochrechnung für 2020 an, dass die Kosten pro Fall innerhalb der Altersgruppen zwischen 2008 und 2020 konstant bleiben. Die unterschiedliche Infrastruktur der Landkreise konnten die Forscher ebensowenig berücksichtigen, wie mögliche Kostensteigerungen durch neue Therapien oder Änderungen im Abrechnungssystem der Mediziner.
Die Studie ist eine Auftragsarbeit der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (DGHO), der Interessenvertretung der Ärzte, die Krebspatienten behandeln, ohne zu operieren. Durchgeführt hat die Studie das von der DGHO unabhängige Institut für Community Medicine der Abteilung für Versorgungsepidemiologie und Community Health der Universität Greifswald.
Die Wissenschaftler wüssten gerne mehr darüber, in welchem Stadium der Krebserkrankung die Diagnose bei den Patienten gestellt wird, und ob es dabei regionale Unterschiede gibt. Für Mecklenburg-Vorpommern wollen die Forscher der Universität Greifswald analysieren, wie sich die zukünftig benötigten Krankenhaustage für Krebspatienten auf die Klinikkapazitäten auswirken müssten.
Aus Sicht der Krebsmediziner der DGHO, den Auftraggebern der Studie, ist die Frage entscheidend, wie viele Ärzte tatsächlich Krebspatienten behandeln. Den Medizinern geht es auch um die Zahl der Medizinstudienplätze und Berufspolitik. Von diesem Interesse kann allerdings die gesundheitspolitische Diskussion profitieren, falls die Onkologen weitere Studien finanzieren. Zum Beispiel gibt es erst wenige Daten darüber, warum bestimmte Patienten stationär oder ambulant behandelt werden oder wie lange Krebskranke überhaupt begleitet werden. Die Greifswalder Studienautoren hoffen hierfür auf weitere Daten, zum Beispiel aus den gerade erst beschlossenen deutschlandweiten Krebsregistern.
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