Studie Wie Alternativmedizin Krebspatienten gefährdet

Homöopathie, Ayurveda, Gesundbeten: Anhänger alternativer Medizin betonen gern, ihre Methoden würden keinen Schaden anrichten. Eine aktuelle Studie zeigt, wann dies bei Krebspatienten nicht mehr gilt.

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Die Diagnose Krebs ist niederschmetternd. Die Therapien, die auf die Betroffenen zukommen, sind hart: Operation, Chemotherapie, Bestrahlung und bei manchen Tumoren eine Antihormontherapie. Je nach Art und Schwere der Erkrankung sind mehrere dieser Behandlungen nötig, um den Krebs zu bekämpfen.

Manche Patienten lehnen dies ab und wenden sich alternativmedizinischen Verfahren zu, deren Wirkung gegen Krebs nicht nur wissenschaftlich nicht belegt, sondern höchst zweifelhaft ist. In einigen Fällen verzichten die Betroffenen komplett auf die medizinisch wirksamen Methoden wie OP oder Bestrahlung. In anderen Fällen vertrauen sie begleitend auf Alternativmedizin - etwa in der Hoffnung, Nebenwirkungen der Krebsbehandlung besser zu verkraften.

Beunruhigendes Ergebnis

Eine Gruppe von US-Wissenschaftlern hat nun untersucht, wie es Krebspatienten ergeht, die zusätzlich zur medizinischen Behandlung auch Alternativmedizin verwenden - oder dies eben nicht tun.

Das Ergebnis ist beunruhigend: Patienten, die auch auf Alternativmedizin setzen, haben ein viel höheres Risiko, in den ersten fünf Jahren nach der Krebsdiagnose zu sterben. Dies liegt laut der im Fachblatt "Jama Oncology" veröffentlichten Studie daran, dass sie häufig von Ärzten empfohlene Therapien ablehnen.

Das Team um James Yu von der Yale School of Medicine suchte in einer großen Datenbank, in der etwa 70 Prozent der Krebsfälle in den USA erfasst werden, zunächst nach Patienten,

  • die entweder die Diagnose Brust-, Lungen-, Prostata oder Darmkrebs erhalten hatten,
  • zumindest eine klassische Behandlung (OP, Chemo, Bestrahlung, Antihormontherapie) in Anspruch genommen hatten
  • und zusätzlich eine alternativmedizinische Methode genutzt hatten, die nicht von einem Arzt verordnet oder verabreicht worden war.
  • Außerdem schlossen sie all jene aus, deren Krebs bei der Diagnose schon so weit fortgeschritten war, dass er im Körper gestreut hatte oder nur noch eine palliative Therapie möglich war. Es wurden also nur Erkrankte ausgewählt, deren Krebs noch behandelbar war.

Am Ende blieb ein winziger Bruchteil der rund 1,9 Millionen Patienten in der Datenbank übrig. Das lässt sich unter anderem dadurch erklären, dass sicher nicht alle Ärzte ihre Patienten fragen, ob diese Alternativmedizin nutzen und dass nicht alle Erkrankten, die dies tun, es den Ärzten gegenüber erwähnen.

Die Kriterien trafen auf 258 Patienten zu. Zu diesen suchten die Forscher nun möglichst ähnliche Fälle. Also Menschen, die nicht nur ebenfalls am jeweiligen Krebs erkrankt waren, sondern auch gleichen Alters, gleichen Geschlechts, gleicher Ethnie waren, ein ähnliches Bildungsniveau, Einkommen, einen ähnlichen Versicherungsstatus sowie ähnlich viele oder wenige weitere Erkrankungen hatten. Einziger Unterschied: Die Vergleichsgruppe hatte den Daten zufolge keine Alternativmedizin genutzt.

Die Patienten, die Alternativmedizin in Anspruch nahmen, waren insgesamt relativ jung, gut gebildet, hatten ein recht gutes Einkommen - und es waren mehr Frauen als Männer. Entsprechend sah auch die dazu passende Vergleichsgruppe von 1032 Krebspatienten aus.

Mehr Todesfälle

17,8 Prozent der Patienten, die auch auf Alternativmedizin setzten, starben in den fünf Jahre nach der Diagnose. In der Vergleichsgruppe starben in diesem Zeitraum 13,4 Prozent. Das Risiko, die Krankheit keine fünf Jahre zu überleben, war also beim Einsatz alternativer Methoden deutlich größer.

Der Grund dafür lässt sich aus den Behandlungsdaten ablesen. Wer Alternativmedizin nutzte, lehnte viel häufiger eine weitere medizinische Therapie ab, verzichtete also auf von Ärzten empfohlene Maßnahmen. Beispielsweise entschieden sich nur drei Prozent der Patienten in der Vergleichsgruppe gegen die angeratene Chemotherapie - unter den Alternativmedizin-Nutzern waren es 34 Prozent.

Wenn die Hinwendung zur Alternativmedizin also zum Ablehnen wirksamer Medizin führt, wird es gefährlich. Die Studienautoren raten deshalb Ärzten, mit ihren Patienten offen über Alternativmedizin zu sprechen und darüber, wie wichtig es ist, weiter auf richtige Medizin zu setzen und die anderen Verfahren wirklich nur begleitend zu nutzen.

Bereits im vergangenen Jahr hatte die Forschergruppe ausgehend von derselben Datenbank ermittelt, wie es Krebskranken ergeht, die Alternativmedizin nutzen, aber keine der medizinisch empfohlenen Maßnahmen (OP, Chemo, Bestrahlung, Antihormontherapie) anwenden. Fast jeder zweite dieser Patienten (45 Prozent) starb in den fünf Jahren nach der Diagnose. In der Vergleichsgruppe waren es 22 Prozent.

Welche Verfahren der Alternativmedizin die Krebskranken nutzten, wurde nicht im Detail erhoben. Infrage kommen unter anderem Vitaminkuren, Ayurveda, Homöopathie, traditionelle chinesische Medizin, Akupunktur, Chiropraktik, Meditation, Gebete und spezielle Diäten.



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