Antibiotikaresistent Das bedeutet der "Super-Erreger"-Fund

Bei einer Frau in den USA wurden Bakterien nachgewiesen, die gegen 15 Antibiotika unempfindlich sind - darunter ein Reservemittel, das sonst gegen multiresistente Erreger hilft. Was bedeutet das? Der Überblick.

Bakterienkulturen im Labor (Archivbild)
REUTERS

Bakterienkulturen im Labor (Archivbild)


Um welchen Fall geht es konkret?

In den USA haben Forscher erstmals bei einer Patientin Bakterien nachgewiesen, die über das sogenannte MCR-1-Gen verfügen und deshalb unempfindlich gegenüber dem Antibiotikum Colistin sind. Colistin gilt als Reserveantibiotikum, weil es oft bei multiresistenten Keimen noch wirkt. Die 49-Jährige aus dem Bundesstaat Pennsylvania litt an einer Harnwegsinfektion. Verursacht wurde diese von Escherichia-Coli-Bakterien. E. Coli ist ein meist harmloses Darmbakterium, es kann jedoch auch Krankheiten auslösen.

Eine Erregerprobe wurde ins Labor des Walter Reed National Military Medical Center in Bethesda, Maryland, geschickt. Dort stellte sich als Erstes heraus, dass es sich um ESBL-bildende Keime handelte: Die Bakterien produzieren Enzyme, durch die sie gegen wichtige Antibiotika, wie zum Beispiel Cephalosporine, unempfindlich werden.

In einem Fachartikel in "Antimicrobial Agents and Chemotherapy" erläutern die Forscher, dass am Walter Reed Center seit Mai bei allen ESBL-bildenden Bakterien überprüft wird, ob diese noch auf das Reserveantibiotikum Colistin ansprechen beziehungsweise ob das MCR-1-Gen vorliegt. Die Probe gehörte laut ihrer Aussage zu den ersten sechs, die nach diesem neuen Standard überprüft wurden.

Entdeckt und wissenschaftlich beschrieben wurde MCR-1 erst Ende vergangenen Jahres. Forscher hatten es in China nachgewiesen.

Antibiotikaresistenz, was ist das genau und wie entsteht sie?

Antibiotika sind Medikamente, die Bakterien am Wachstum hemmen oder töten. Gegen Viren können sie nichts ausrichten. Die Mittel können also zum Beispiel bei Tuberkulose oder der Pest helfen, weil diese von Bakterien verursacht werden. Aber nicht bei einer Grippe oder den Masern. Es ist allerdings möglich, dass Antibiotika bei der Behandlung von Viruserkrankungen verordnet werden, wenn Bakterien als Folgeerscheinung eine Krankheit auslösen - etwa wenn es im Zuge der Masern zu einer bakteriellen Lungenentzündung kommt.

Viele Antibiotika beruhen auf in der Natur vorkommenden Stoffen, Pilzgiften etwa. Bakterien entwickeln Mechanismen, mit den Substanzen klarzukommen, das ist ein gewöhnlicher evolutionärer Prozess. Dies kann durch zufällige Mutationen entstehen, die den Mikroorganismen einen Vorteil verschaffen, wenn sie dem Antibiotikum ausgesetzt sind: Die Keime ohne Resistenz sterben ab, die unempfindlichen vermehren sich. Zum anderen können Bakterien ihre Resistenzen weitergeben. Besonders im Blick sind dabei sogenannte Plasmide: Ringförmige Stückchen von Erbgut, die Bakterien sehr flexibel untereinander austauschen können - auch über Artgrenzen hinweg. MCR-1 befindet sich auf einem Plasmid.

Konnte die Frau gar nicht mehr behandelt werden?

Doch, bei dem nun entdeckten Bakterienstamm würden noch andere Antibiotika anschlagen, heißt es etwa in der "Washington Post". Die Frau konnte also therapiert werden. Ein Keim, gegen den alle Antibiotika wirkungslos sind, ist dieses E.-Coli-Bakterium nicht.

Warum sind die Behörden dann so nervös?

MCR-1 wird mit solcher Sorge betrachtet, weil es sich auf einem Plasmid befindet. Die Resistenz kann sich daher schnell unter Bakterien ausbreiten, und sie kann so auch von einer Bakterienart zu einer anderen wandern. Beispielsweise kann ein harmloser Darmkeim mit MCR-1 im schlechtesten Fall Plasmide an einen gefährlichen Krankheitserreger weitergeben, der schon über andere Resistenzen verfügt.

In den USA kann man zu diesem Zeitpunkt nur mutmaßen, wie weit verbreitet MCR-1 ist. Die Forscher berichten, sie hätten in den ersten drei Wochen, in denen sie ESBL-Keime auf Colistin-Resistenz prüften, insgesamt 26 Proben analysiert - und das MCR-1-Gen nur in dieser einen nachgewiesen. Eine weitere Überwachung ist aus ihrer Sicht dringend notwendig, um herauszufinden, wie weit verbreitet diese Resistenz in den USA ist.

Was bedeutet das für Deutschland?

Anfang des Jahres berichteten Forscher im Fachmagazin "The Lancet Infectious Diseases", dass sie in 577 in Deutschland gewonnenen Bakterienproben in vier Fällen das MCR-1-Gen entdeckten: Drei der E.-Coli-Proben stammten von Schweinen, eine von einem Menschen, der eine Entzündung auf der Haut hatte. Die drei Proben aus der Viehhaltung waren ESBL-bildende Keime wie bei der Patientin aus Pennsylvania. Die Bakterien aus der Patientenprobe waren zudem gegen Carbapeneme resistent, die auch zu den Reserveantibiotika gezählt werden. Eine der Proben stammte aus dem Jahr 2010, was bedeutet, dass MCR-1-Resistenzen schon mindestens seit einigen Jahren auch hierzulande vorkommen.

Der Fall in den USA ändert entsprechend nichts an der Situation hierzulande. Er verdeutlicht nur, dass multiresistente Keime ein globales Problem darstellen.

Video: "Super-Erreger" in den USA

AP/Janice Carr/CDC

wbr

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insgesamt 149 Beiträge
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chwe 27.05.2016
1. Reserveantibiotika in der Tiermast sofort verbieten
in Deutschland werden diese sogar von Biobauern verwendet. Normale Antibiotika fuer die jeder Patient ein Rezept braucht landen sogar Tonnenweise im Futter.
amidelis 27.05.2016
2. Beunruhigung?
für den medizinischen Laien mag das alles nicht so schlimm klingen. Für Fachleute ist das ein wahrwerdender Alptraum. Unsere gesamte moderne Medizin beruht auf Hygiene. Zuvorderst ist Robert Koch zu nennen. Daneben John Snow. Die Erkenntnisse beider haben das möglich gemacht, was John Flemming die Bedeutung der Antibiotika erkennen liess. Es gäbe heute keinen Hüftgelenksersatz, keine Herzoperation und keine Transplantationen ohne diese drei Giganten. Die Entstehung antibiotikaresistenter Bakterien tritt der Medizin die Beine weg. Und zwar vollständig. Die Entwicklung von neuen Antibiotika ist wichtiger als TTIP, der Klimawandel und eine Bankenkrise. Bakterien wie diese drohen die Menschheit in die Zeiten der Pest und Cholera zurückzuwerfen. Und zwar in absehbarer Zeit. ich hoffe, dass alle die das begreifen, sich irgendwie dafür stark machen, dass diese Antibiotika von der Bevölkerung und den Staaten eingefordert werden.
pacocoeln 27.05.2016
3. Chinesisch?
Wie kommen denn ein chinesisches Schriftzeichen (不 = nein/kein) auf die eine Probe in den USA? Im Bildarchiv vergriffen oder schreiben China-Amerikaner bei der Arbeit chinesisch?
jayfrae 27.05.2016
4. Superkeim... oder vielleicht doch nicht so ganz?
"Ein Keim, gegen den alle Antibiotika wirkungslos sind, ist dieses E.coli-Bakterium nicht." Das hat sich aber in dem entsprechenden SPON-Artikel von heute morgen (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/super-erreger-us-gesundheitsbehoerde-meldet-ersten-fund-a-1094405.html ) noch anders angehört: "In den USA ist erstmals ein sogenannter Super-Erreger entdeckt worden, der gegen alle bekannten Behandlungsmethoden immun ist."
rmuekno 27.05.2016
5. Antibiotika Verbot in der Tiermast
würde schon mal viel helfen
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