Symptome googeln Wenn die Suchmaschine vor Krebs warnt

Hautjucken, Gewichtsverlust - Internetsuchen zu körperlichen Beschwerden können auf ernste Erkrankungen hinweisen. Suchmaschinen könnten ihre Nutzer warnen.

Was hab ich bloß?
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Was hab ich bloß?


Wenn es plötzlich ungewöhnlich zieht und schmerzt, aber die Beschwerden noch ertragbar sind, befragen viele erst einmal das Internet. Microsoft-Forscher konnten jetzt zeigen, dass sich anhand der gesuchten Beschwerden schwere Erkrankungen erkennen lassen - wahrscheinlich noch lange, bevor der Arzt die Diagnose stellt.

Für ihre Studie werteten die Wissenschaftler um John Paparrizos anonymisierte Daten von Millionen Nutzern der Suchmaschine Bing aus. Dabei konzentrierten sie sich auf Bauchspeicheldrüsenkrebs, an dem allein in Deutschland laut den aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 2012 mehr als 16.000 Menschen erkrankten.

Der Krebs wird oft erst spät erkannt. Allerdings führt er schon früh zu Beschwerden, mit denen viele noch nicht zum Arzt gehen. Dazu zählen juckende Haut, Gewichtsverlust, heller Stuhl, Rückenschmerzen sowie eine leichte Gelbfärbung von Augen und Haut.

In fünf bis 15 Prozent der Fälle erkannt

Um zu überprüfen, ob Suchanfragen schon früh auf den Krebs schließen lassen, identifizierten die Forscher in einem ersten Schritt erkrankte Suchmaschinennutzer. Dafür durchforsteten sie die Daten nach Sätzen wie: "Bei mir wurde gerade Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert."

Anschließend gingen sie in der Suchhistorie der Betroffenen Monate zurück und dokumentierten, nach welchen Beschwerden die Menschen zu diesem Zeitpunkt gesucht hatten. Dabei zeigte sich, dass sich viele Betroffene tatsächlich gezielt im Internet über ihre Symptome informierten - aber noch nicht über ihre Krebserkrankung. Auf Basis dieser Daten entwickelten die Forscher eine Art Frühwarnsystem.

In fünf bis 15 Prozent kündigte das Suchverhalten die Krebsdiagnose vorher an, schreiben die Forscher. Andersherum war die Rate der gesunden Menschen, denen sie eine Krebserkrankung andichtete, sehr gering: Nur bei einem von 100.000 analysierten Nutzern gab es einen Fehlalarm, schreiben die Forscher in ihrer Studie im "Journal of Oncology Practice".

Diagnosen stellt nur der Arzt

Jeder Versuch, Bauchspeicheldrüsenkrebs früher zu diagnostizieren, könnte sich auszahlen. Aktuell überleben in Deutschland laut Robert Koch-Institut nur neun Prozent der Frauen die ersten fünf Jahre mit der Krankheit; bei den Männern sind es nur acht Prozent.

Das Ziel der aktuellen Studie sei nicht, im Internet Diagnosen zu stellen, betonen die Forscher. Das sei nicht möglich. Stattdessen erhoffen sie sich, eines Tages Menschen mit einem hohen Krankheitsrisiko anhand ihrer Suchanfragen zu identifizieren und ermutigen zu können, einen Arzt aufzusuchen.

Die Studie zeige, was mit der Analyse von Suchmaschinendaten alles möglich sei, schreiben die Forscher. Sie solle dazu beitragen, eine öffentliche Diskussion über das Thema anzustoßen und weitere Forschung voranzutreiben. Microsoft selbst hat laut einem Blog-Eintrag des Unternehmens aktuell noch nicht geplant, auf Basis der Erkenntnisse Produkte zu entwickeln.


Tipps für alle, die ihre Beschwerden gern googeln:

Im Internet finden sich viele nützliche Informationen - aber auch eine Menge irreführender, bei Krankheiten sogar gefährlicher "Tipps". Wer seine Beschwerden googelt, sollte auf die Qualität der Quellen achten. Diese Eckpunkte helfen dabei:

  • Wichtig ist das Veröffentlichungsdatum . Um sicher zu gehen, dass die Informationen noch aktuell sind, sollten Artikel nicht älter als zwei Jahre sein.
  • Ebenfalls von großer Bedeutung ist der Urheber der Informationen. Pharmafirmen bieten im Internet oft Informationsportale für Patienten an, ohne ihre Beteiligung auf den ersten Blick sichtbar zu machen. Sicherheit verschafft das Impressum, in dem der Urheber klar benannt werden muss.
  • Hinzu kommt eine Grundregel, die auch Journalisten bei ihrer Recherche befolgen sollten: Nicht nur einer Quelle vertrauen . Wer sich die Informationen auf mehreren Webseiten durchliest, merkt schnell, an welchen Stellen Einigkeit herrscht - und welche Informationen vielleicht umstritten sind.
  • Nicht zuletzt können die Informationen im Internet einen richtigen Mediziner, der den Körper untersuchen kann, natürlich nicht ersetzen. Wer starke oder lang anhaltende Beschwerden hat, sollte deshalb unbedingt einen Arzt konsultieren .

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurden bei den 5-Jahres-Überlebensraten die Zahlen der 10-Jahres-Überlebensraten genannt. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

irb



insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
der_durden 13.06.2016
1.
Das ist merkwürdig. Eigentlich gibt es kein Symptom, das kein Krebs sein könnte nur eben meistens keiner ist. Es ist eigentlich egal was man googelt, immer kommt auch "Tumorerkrankung" als mögliche Ursache heraus. Denn letztlich ist der Beginn einer Krebserkrankung meistens symptomatisch unspezifisch. Aus diesem Grund glaube ich irgendwie nicht an die Quote 1:100.000. Ich denke, dass auch viele Ärzte es kennen, dass Patienten vorstellig werden mit den schlimmsten Befürchtungen von Dr. Google. Dass 5-15% in der retrograden Untersuchung der Ergebnisse tatsächlich pankreaskarzinom hatten erscheint da schon deutlich logischer.
Addams 13.06.2016
2. Suchmaschinen könnten Leben retten...
... wenn sie auf der Basis der erhobenen Daten, ihre Nutzer warnen würden. Ich denke, wir werden uns darauf einstellen müssen, dass es in Zukunft immer mehr solcher Meldungen geben wird. Und was anfänglich plausibel erscheint, hinterläßt doch irgendwie einen fahlen Beigeschmack. Da werden Daten entpersonalisiert verwertet, um einzelne Urheber später über intime Details zu informieren, wie "Sie haben mit großer Wahrscheinlichkeit Krebs". Die für einen solchen Vorgang entwickelten Algorithmus könnte man ja auch institutionalisieren und die IP-Adresse des Betroffenen gleich an die entsprechende Krankenkasse weiterleiten, denn je früher eine Erkrankung diagnostiziert wird, desto geringer sind die zu erwartenden Kosten der Solidargemeinschaft der Krankenkassenmitglieder. Ach ja und wer in Zukunft Suchmaschinen, wie DuckDuckGo, Ixquik oder Qwant benutzt muss einen Risikoaufschlag von 30 % zahlen. Machen wir es doch einfacher: Wir zwingen jeden Staatsbürger zu einem Gesundheitscheck alle 12 Monate und bei der 3.Verweigerung wird die lebensrettende OP gar nicht erst bezahlt. Ok, ich denke, jetzt sollte klar sein, wogegen ich bin. Umgekehrt könnten alle finanziellen Aufwendungen für die Entwicklung der digitalen Prophylaxe-Massnahmen (incl. der Kosten für Health-Apps und -hardware, die ich mit meinen Beiträgen ja zwangsmitfinanziere) auch für eine Aufklärung aufgewandt werden, die uns unserem Körper wieder etwas näher bringt.
MrWitzig 13.06.2016
3. bloß nicht Symptome googlen!
In meinem Umfeld heißt es immer: "bloß keine Symptome googlen, sonst bekommst du all die Krankheiten!" :-)
kumi-ori 13.06.2016
4.
Rechtlich gesehen ist das eine klinische Studie, das heißt nach den Regeln der Konferenz von Helsinki müsste jeder Teilnehmer vorher informiert werden und zustimmen. Würde nicht ein Internet-Riese sondern eine normale Pharmafirma dergleichen machen, stünde sofort der Staatsanwalt vor der Tür. Sehr fraglich ist auch, woher Microsoft das Recht nimmt, Suchanfragen seiner Benutzer statistisch auszuwerten. Hätte ich Krebs, würde ich keinen Wert darauf legen, dass dies aller Welt mitgeteilt wird. Letzten Endes ist auch davon auszugehen, dass der Suchmaschinenbenutzer selbst auf diese "Diagnose" gekommen wäre, eben aus den Suchergebnissen. Personen, die ihre Symptomatik ignorieren und sich nicht informieren, werden auch keinen Hinweis aus der Auswertung der Suchmaschine bekommen. Der Versuch ist ungefähr so aussagekräftig, als würden Microsoft und Google die Arztbriefe lesen. Warum Patienteninformationen von Seiten der Pharmafirmen weniger seriös sein sollten, ist mir nicht ersichtlich. Die Firma, bei der ich arbeite, ist auf allen ihren Patienteninformationen und Patienten-homepages mit ihrem Logo deutlich sichtbar. Ich habe stichprobenhaft einige weitere Firmen überprüft und da war es genauso. Ich wüsste gern, wie der Spiegel zu dieser Behauptung kommt und welches Ziel die Pharmafirmen seiner Meinung nach verfolgen, wenn sie ihre Urheberschaft nicht kenntlich machten.
sarang he 13.06.2016
5. Der Begriff dazu heisst Googlechonder ...
Hypochonder zum Quadrat ;)
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