Syrien Wie der Krieg Kinderlähmung schürt

Aleppobeule und Kinderlähmung: Der Bürgerkrieg in Syrien hat auch das Gesundheitssystem zerstört. Jetzt flammen gefährliche Infektionskrankheiten wieder auf. Und mit den Flüchtlingen gelangen die Erreger in die Nachbarländer.

Flüchtlingscamp: Kinder in provisorischen Unterkünften nahe der syrisch-türkischen Grenze
AP/dpa

Flüchtlingscamp: Kinder in provisorischen Unterkünften nahe der syrisch-türkischen Grenze


Die Kinderlähmung galt schon fast als besiegt. Am Donnerstag berichtete die US-amerikanische Seuchenschutzbehörde CDC, dass zumindest ein Typus des Poliovirus WPV3 vermutlich ausgerottet werden konnte.

In Syrien jedoch ist Polio wieder auf dem Vormarsch, nachdem durch den andauernden Bürgerkrieg auch Impfkampagnen ausgesetzt werden mussten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass die Impfquote von 91 Prozent im Jahr 2010 in einigen Regionen auf etwa 45 Prozent in 2013 gefallen ist, schreiben zwei Forscherinnen im Fachblatt "PLOS Pathogens".

Laut einer Schätzung der WHO gab es im Frühjahr in Syrien mindestens 7600 Menschen, die mit dem Poliovirus WPV1 infiziert sind. Etwa einer von 200 Infizierten entwickelt die für die Krankheit typischen Lähmungen. Das Virus gedeihe unter unhygienischen, bedrängten Verhältnissen und bei unterernährten Kindern, schreiben Sima Sharara von der University of North Carolina in Chapel Hill und Souha Kanj von der American University in Beirut. Gerade in den Flüchtlingscamps herrschen also optimale Bedingungen für den Erreger.

Nach der Wiederkehr des Poliovirus wurden in Syrien trotz des Bürgerkriegs noch 2,7 Millionen Kinder und in den benachbarten Staaten 23 Millionen Kinder geimpft, berichten die Autorinnen. Dennoch sei der Erfolg dieser Kampagne dadurch bedroht, dass nicht lückenlos überprüft werden könne, ob die Krankheit irgendwo ausbricht, zudem Millionen Menschen auf der Flucht sind und es in einigen belagerten Gebieten nicht möglich sei, die Kinder zu impfen.

Syrisches Kind mit Hautleishmaniose: Die Krankheit wird auch Aleppobeule genannt
AUBMC

Syrisches Kind mit Hautleishmaniose: Die Krankheit wird auch Aleppobeule genannt

Fehlende Impfungen sorgten zudem dafür, dass sich die Masern auch in den Nachbarländern wieder stärker verbreiten konnten, schreiben die Forscherinnen. So meldete Libanon beispielsweise im Jahr 2012 nur neun Masern-Fälle, 2013 waren es 1760 - nur jeder achte davon unter syrischen Flüchtlingen.

Die Sandmücken haben sich ausgebreitet

Die dritte Krankheit, auf die sich der Bericht konzentriert, ist die sogenannte Hautleishmaniose, die von Sandmücken übertragen wird. Infizierte entwickeln Geschwüre, die zwar nicht schmerzen und oft von selbst abheilen - aber nach diesem Heilungsprozess können entstellende Narben zurückbleiben.

Die Hautleishmaniose sei seit vielen Jahren in der Gegend von Aleppo verbreitet gewesen, heißt es in dem Bericht. Tatsächlich ist sie auch als sogenannte Aleppobeule bekannt. Durch die vielen Flüchtenden hat sich die Krankheit nun aber deutlich weiter verbreitet. 2012 gab es in Syrien wohl um die 53.000 Fälle. Und im Libanon tauchten inzwischen erste Krankheitsfälle bei Menschen auf, die sich dort angesteckt haben müssen. Es scheint also, als seien die Überträgermücken mit den Flüchtenden mitgezogen und so in ein weiteres Land vorgedrungen. Im Libanon würde nun unter anderem mit großflächigem Sprühen von Insektiziden gegen das Problem vorgegangen.

Neben diesen drei Krankheiten bedrohten Leiden wie Hepatitis A, Typhus, Krätze, Meningitis und Parasiten wie Läuse eine "zunehmend gefährdete Bevölkerung", warnen die Forscherinnen. Eine Lösung haben sie jedoch nicht parat. Alle Bemühungen, der humanitären Krise entgegenzuwirken, seien zu großen Teilen vergeblich, solange der Bürgerkrieg andauere, schreiben sie.

wbr



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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
maier-pf 14.11.2014
1. Auch hier tickt eine Zeitbombe!
Die Erreger gerade der Kinderlämung gelangen nicht nur in die Nachbarländer sondern auch mit den Flüchtlinge ins Herz Europas. Und hier trifft sie auf eine nicht-geimpfte Bevölkerung. Ich kann mich noch gut an die Bilder der 60ziger Jahre erinnern. Da hatte jede Schulklasse mindestens einen mit Kinderlämung. Der war leicht an seinem "Metal-Außenskelet" (Gehhilfe!) zu erkennen. Und diese Zeiten werden wiederkommen.
ofelas 14.11.2014
2. und ich koennte kotzen
Der Krieg in Syrien wird von Saudi und Qatar direkt und USA, GB, F und andere indirekt unterstuetzt. Wir sind dabei ein zweistes Libyen zu kreieren mit allen konsequenzen fuer uns, und dabei einer der wenigen verbliebenden religoes toleranten Nationen im Mittleren OSten (Irak haben wir ja zerstoert) in die Haende von Islamisten zu geben BRAVO
fatherted98 14.11.2014
3. Na...
...da klatscht doch jetzt sicher jeder Impfgegner begeistert in die Hände...genau da möchten die Esotherik/Homöopathen doch auch bei uns gern hin...schaffen wir auch noch...ganz ohne Krieg...nur durch Blödheit.
Frittenbude 14.11.2014
4.
Zitat von maier-pfDie Erreger gerade der Kinderlämung gelangen nicht nur in die Nachbarländer sondern auch mit den Flüchtlinge ins Herz Europas. Und hier trifft sie auf eine nicht-geimpfte Bevölkerung. Ich kann mich noch gut an die Bilder der 60ziger Jahre erinnern. Da hatte jede Schulklasse mindestens einen mit Kinderlämung. Der war leicht an seinem "Metal-Außenskelet" (Gehhilfe!) zu erkennen. Und diese Zeiten werden wiederkommen.
Die Bevölkerung in D ist mehrheitlich gegen Kinderlähmung geimpft, die Impfrate sollte deutlich über 90% liegen, bei Kindern dürfte sie sich im Bereich von Tetanus mit ca. 94% bewegen. "Nicht-geimpft" trifft es also nicht. Aber zugegebenermaßen gibt es damit rechnerisch auch 4 bis 5 Millionen Ungeimpfte Menschen in Deutschland. (übrigens auch bei Tetanus, wobei in Deutschland in den letzten Jahren aber weniger als 5 Tetanus-Todesfälle pro Jahr auftraten (2011 kein Fall, 2012 einer), betroffen ausschließlich ältere Menschen über 70).
insaneplanet 14.11.2014
5. @3
Das schlimme ist, das diese organisierten Impfgegner(YouTube: NuoViso, ASZ-Forum etc.) wahrscheinlich auch viele Menschen erreichen, wenn man sich die vielen Kommentare unter diesen Videos durchliest. Ich bin nicht generell gegen diese alternative Wissenschaft, man sollte sich immer auch mal alternativ informieren können /dürfen, gerade bei ungeklärt Themen. Diese Nasen verbreiten aber die Theorie, dass Impfungen gezielt krank machen sollen, ein "Experte" behauptete, es würden Nanosonden damit injiziert, um uns fernzusteuern, außerirdischen Ursprungs natürlich. Der Blödsinn ist durch die Meinungsfreiheit, welche ein hohes Gut ist, gedeckt;ich halte solche Aufrufe für kriminell. Ich habe 2 Kinder und 5 Neffen, alle sind geimpft. Wir hatten uns natürlich alle vorher umfassend informiert, warum dies notwendig ist. Nur weil es heißt, "lassen sie mal impfen, dass ist wichtig" wäre mir auch zu wenig gewesen und man würde fahrlässig gegenüber seinen Kindern handeln, man will ja als normaler Mensch genau wissen, was genau gespritzt wird, was dann im Körper vor sixh
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