Grippemittel Neue Analyse spricht Tamiflu geringen Nutzen zu

Deutschland hat Millionen Euro ausgegeben, um das Grippemittel Tamiflu für den Notfall einer Pandemie einzulagern. Doch wie wirksam ist das Medikament eigentlich? Jetzt liegt die bislang umfassendste Studienanalyse dazu vor.

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Tamiflu: Seit Jahren umstritten
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Tamiflu: Seit Jahren umstritten


So umfassend die Arbeit ist, das Dilemma lässt sich doch gut mit einem Satz zusammenfassen - den setzten die Studienautoren ans Ende ihres Fachartikels: Ob die Vorteile oder Nachteile von Tamiflu überwiegen, müsse sorgfältig geprüft werden. Ein klares Fazit sieht anders aus.

Was das Thema so wichtig macht

Um im Fall einer Grippe-Pandemie gewappnet zu sein, haben Bund und Länder von 2005 an Millionen ausgegeben, um zwei Medikamente einzulagern: in erster Linie Tamiflu (Hersteller: Roche, Wirkstoff: Oseltamivir), zum Teil zusätzlich Relenza (Hersteller: GlaxoSmithKline, Wirkstoff: Zanamivir). Für den Notfall sollen die sogenannten Neuraminidase-Hemmer für rund 20 Prozent der Bevölkerung reichen.

Die Bundesregierung hat rund 70 Millionen Euro investiert, hinzu kommen Ausgaben der Länder - beispielsweise rund fünf Millionen in Thüringen und gut 13 Millionen in Hessen. Zum Teil ist die offizielle Haltbarkeit der Vorräte bereits abgelaufen. Müssen sie in den kommenden Jahren aufgestockt werden?

Das Robert Koch-Institut überarbeitet zurzeit den Pandemieplan. Ob weiterhin empfohlen wird, die Medikamente einzulagern, ist noch nicht bekannt. Wissenschaftliche Analysen wie die jetzt im "Lancet" veröffentlichte, in denen alle verfügbaren Studien ausgewertet werden, beeinflussen die Entscheidung für oder gegen den staatlichen Grippemittel-Kauf.

(Quellen: Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken (April 2013), Antwort des Thüringer Gesundheitsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Grünen (August 2014), Antwort des hessischen Sozialministers auf eine Kleine Anfrage der Linken (August 2014)).

Jahrelanger Streit um die Datentransparenz

Tamiflu war in den vergangenen Jahren Brennpunkt eines Streits. Wissenschaftler der Cochrane Collaboration haben Roche wiederholt vorgeworfen, Daten aus Tamiflu-Studien zurückzuhalten. Das "British Medical Journal" unterstützte die Forderung nach Herausgabe der Daten. 2013 gab Roche bekannt, nach und nach alle Tamiflu-Studien zu veröffentlichen.

2014 kam eine Cochrane-Metaanalyse zu Tamiflu und Relenza zum Schluss, dass der Nutzen (weniger Krankenhauseinweisungen, kürzere Krankheitsdauer) geringer sei als bisher kommuniziert. Die Risiken (Übelkeit und Erbrechen als Nebenwirkungen) dagegen größer. Sie empfahl, die Richtlinien für den Einsatz der zwei Medikamente zu überdenken.

Die nun veröffentlichte, von Roche finanzierte Analyse hat ein deutlich wohlwollenderes Fazit. Wie lässt sich das erklären? Zum einen durch andere Analysemethoden, zum anderen durch das Auswerten von Daten, die Cochrane nicht vorlagen.

(Quellen: Zusammenfassung des BMJ zum Tamiflu-Streit, Cochrane-Report zu Tamiflu und Relenza)

Die Ergebnisse der Analyse in Zahlen

Die Forscher untersuchten die Daten von 4328 Probanden, die an neun Studien teilgenommen hatten.

  • Kürzere Krankheitszeit: Bei den mit der Grippe infizierten Teilnehmern reduzierte Tamiflu die Zeit bis zur Genesung um 21 Prozent. Statt rund 123 Stunden unter Symptomen wie Halsschmerzen, Gliederschmerzen oder Husten zu leiden, ging es ihnen nach etwa 98 Stunden besser. Ein Gewinn von etwa einem Tag.
  • Weniger Komplikationen: In der Tamiflu-Gruppe entwickelten 65 der 1544 Grippeinfizierten eine Erkrankung der unteren Atemwege (4,2 Prozent). In der Placebogruppe waren es 110 von 1263 (8,7 Prozent).
  • Weniger Krankenhauseinlieferungen: Bei den mit Tamiflu behandelten Grippeinfizierten mussten 9 von 1591 Teilnehmern ins Krankenhaus (0,6 Prozent), bei den mit Placebo Behandelten waren es 22 von 1302 Teilnehmern (1,7 Prozent).
  • Nebenwirkungen: Tamiflu erhöhte deutlich das Risiko für Übelkeit und Breichreiz. Während bei den mit Placebo Behandelten 6,2 Prozent Übelkeit beklagten, waren es bei den mit Tamiflu Behandelten 9,9 Prozent. Übergeben mussten sich in der Placebo-Gruppe 3,3 Prozent der Teilnehmer, in der Tamiflu-Gruppe waren es 8 Prozent.

Was die Daten aussagen

Die Ergebnisse sind nicht so eindeutig, wie sie scheinen. Zweifel gibt es in erster Linie am Schutz vor Komplikationen und vor einer Einlieferung ins Krankenhaus. Keine der analysierten Studien war darauf ausgelegt zu untersuchen, ob Tamiflu das Risiko für lebensgefährliche Grippe-Komplikationen wie eine Lungenentzündung senkt.

Aus diesem Grund wurden Erkrankungen der unteren Atemwege in den Studien nur dokumentiert, die Diagnose aber nicht etwa mit einer Röntgenuntersuchung abgeklärt. Die Forscher schätzten jetzt deren Häufigkeit anhand von Antibiotika-Verschreibungen. Sie mahnen selbst, die Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren. Auch weil die Zahl der Fälle so gering war, könnten diese "unpräzise" sein.

Ähnlich unsicher ist die Datenlage bei den Einweisungen ins Krankenhaus. Zum einen kamen sie ebenfalls so selten vor, dass die Daten statistisch gesehen eine geringe Aussagekraft besitzen. Zum anderen variierten die Gründe für die Einlieferungen stark. Es sei kein Muster erkennbar gewesen, schreiben die Forscher.

Eindeutig waren dagegen die Ergebnisse zu Nebenwirkungen: Die mit Tamiflu Behandelten litten mehr als doppelt so oft unter Brechreiz wie die Placebo-Kandidaten, das Risiko für Übelkeit stieg ebenfalls an.

Was den Nutzen weiter verringert

Hohes Fieber, Husten, Kopfschmerzen - die Beschwerden einer Grippe treten auch bei diversen anderen Krankheiten auf. Deshalb erhalten manche Patienten Tamiflu, die gar nicht die Grippe haben und deshalb nicht vom Mittel profitieren können.

Das war auch bei den analysierten Studien der Fall: Da die Therapie mit Tamiflu möglichst früh beginnen sollte, erhielten die Probanden - alle hatten typische Symptome - erst das Medikament, dann folgte der Grippetest. Im Schnitt litten nur zwei von drei Teilnehmern unter der Grippe. Der Rest wurde unnötig behandelt.

Bezieht man die nicht an der Grippe Erkrankten, aber entsprechend Behandelten mit in die Analyse ein, schmälert das den Nutzen von Tamiflu deutlich. Der Unterschied bei der Zahl der Krankenhauseinlieferungen ist dann nicht mehr signifikant. Die durchschnittliche Krankheitsdauer verkürzt sich nicht mehr um 25, sondern nur noch um 18 Stunden.

(Quelle: Metaanalyse im "Lancet")

Von Roche bezahlt

Die aktuelle Analyse hat Tamiflu-Hersteller Roche finanziert. Drei Cochrane-Forscher wurden in das Expertenteam eingeladen, das die Daten ausgewertet hat. Sie lehnten die Teilnahme ab. Im "Lancet" wird, wie es üblich ist, festgehalten, dass der Geldgeber keinerlei Einfluss auf Analyse oder Interpretation der Daten hatte.

Tamiflu-Einsatz in der Praxis

Die medizinische Leitlinie zur Grippebehandlung rät, nur Risikopatienten antivirale Mittel (Tamiflu oder Relenza) zu geben - beispielsweise jenen, die gleichzeitig eine Lungenentzündung haben. Bei einer milderen Verlaufsform der Grippe stünden der Verkürzung der Krankheitsdauer die nicht unbeträchtlichen Therapiekosten sowie die mögliche Entwicklung von Resistenzen entgegen. Dazu kommt noch das Risiko von Nebenwirkungen.

(Quelle: Medizinische Leitlinie zur Behandlung ambulant erworbener tiefer Atemwegsinfektionen)

Ist die Frage zum Nutzen von Tamiflu damit geklärt?

Nein.

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
arago 30.01.2015
1. So langsam wird es mir mulmig!
Die Nutzlosigkeit von Tamiflu war zur Zeit der Vogelgrippe ein Thema, was ausschließlich als Verschwörungstheorie abgetan wurde. Stattdessen gaben die Gesundheitsbehörden Unmengen Geld aus, um diesen "Wirkstoff" einzulagern. Kritik war nicht erwünscht. Nun, mit Abstand, kommt die Wahrheit ans Licht - aber die Steuergelder sind futsch!
motzbrocken 30.01.2015
2. Da muss ich
aber ganz energisch protestieren! Der Firma La Roche hat es garantiert geholfen! Das hat doch Milliarden gebracht! Ah, sorry, die Frage ist ja der Wirkungsgrad des Medikamentes......
medusalem 30.01.2015
3. Vt
Das war schon zu Zeiten der Schweinegrippe-Hysterie hinlänglich bekannt! Ich erinnere mich noch gut, wie jeder, der hier im SPON Forum genau das sagte, als jämmerlicher Anti-Pharma-Verschwörungstheoretiker beschimpft wurde.
VacekKacek 30.01.2015
4. Die
Wirkung von Medikamenten ist doch Heutzutage vollkommen überbewertet. Es geht doch einzig und allein darum, dem Versicherten via Beiträgen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Intelligente Krankenversorgung hat in einem maroden, lobbyverseuchten System wie dem unseren nichts verloren. Die Gewinnmaximierung der Pharmafirmen, der Apotheker und der Ärzte muss im Vordergrund stehen. Und dem Urnepöbel muss klargemacht werden, egal wie gross der Aufschrei auch sein mag, ihm wird das Fell über die Beiträge weiter gegerbt werden. Da kann er toben wie er will.
karabas 30.01.2015
5. irgrendwie habe ich den Eindruck,
dass der Autor eine deutlich vorgefasste Meinung hatte und nun wurden die Ergebnisse passend interprätiert. z.B: "Weniger Komplikationen: In der Tamiflu-Gruppe entwickelten 65 der 1544 Grippeinfizierten eine Erkrankung der unteren Atemwege (4,2 Prozent). In der Placebogruppe waren es 110 von 1263 (8,7 Prozent)." => keine Wertung, obwohl um die Hälfte wenige Komplikationen ausgewiesen. Es gibt absolute und prozentuale Teilnehmerzahlen. "Nebenwirkungen: Tamiflu erhöhte deutlich das Risiko für Übelkeit und Breichreiz. Während bei den mit Placebo Behandelten 6,2 Prozent Übelkeit beklagten, waren es bei den mit Tamiflu Behandelten 9,9 Prozent. Übergeben mussten sich in der Placebo-Gruppe 3,3 Prozent der Teilnehmer, in der Tamiflu-Gruppe waren es 8 Prozent." => hier dagegen bei ähnlicher Prozentzahl plötzlich eine Wertung "erhöhte deutlich das Risiko" vorhanden. Nur Pozentzahlen, keine absoluten Zahlen. Es wird dann einen Absatz später daran herum geritten, dass Prozentzahlen an sich über keine Aussagekraft verfügen, wenn absolte Zahlen gering sind. Irgendwie ist das alles unschlüssig.
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