"Tatort"-Faktencheck Sind Depressionen vererbbar?

Schmerzen, Selbsthass, Depressionen: Im Tukur-"Tatort" wählt der Mörder Opfer aus, die aus seiner Sicht unheilbar krank waren. Wie lassen sich die Leiden behandeln? Und sind Suizidgedanken vererbbar? Der Faktencheck.

ARD

Von Martin Pfaffenzeller


Die Leichen in den Badewannen lächeln friedlich. Ihr Blut hat das Wasser rot gefärbt.

In der "Tatort"-Folge vom Sonntag hatte der Mörder sie zuvor mit starken Schlaf- und Schmerzmitteln betäubt, ihre Kleidung gefaltet auf den Hocker neben der Wanne gestapelt und tragende Musik aufgelegt. Dann schnitt er ihnen die Pulsadern auf.

"Es war mir sehr wichtig, dass die keine Angst hatten und keine Schmerzen", sagt der Täter Arthur Steinmetz im Verhör mit "Tatort"-Kommissar Felix Murot. Sein Motiv: Menschen von starken körperlichen und seelischen Leiden "erlösen".

Wie schlimm ist Trigeminusneuralgie?

Das erste Opfer litt unter Trigeminusneuralgie. "Isabells Leben war nur noch Qual", rechtfertigt sich Steinmetz. Die Schmerzen so schlimm, "wie sich das niemand vorstellen kann, stundenlang, fast den ganzen Tag, bis ans Ende ihres Lebens". Sie habe fast jeden Tag Abschiedsbriefe geschrieben.

Bei Trigeminusneuralgie handelt es sich nicht um "Zahnschmerzattacken" wie der Mörder im Film behauptet, sondern um eine schmerzhafte Reizung eines Hirnnervs, die Stirn, Wangen oder Unterkiefer befällt. "Die Krankheit ist mit blitzartigen heftigsten Schmerzen verbunden, die durch Banalitäten ausgelöst werden: Kauen, Lachen, kalte Luft", sagt Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie.

Die Attacken dauerten nur wenige Minuten und kehrten mehrmals am Tag wieder, manchmal über Monate. Grundsätzlich sei Trigeminusneuralgie sehr selten, von 100.000 Menschen treffe die Krankheit drei bis fünf.

Patienten beschreiben die Schmerzen tatsächlich als qualvoll, auf einer Skala von null bis zehn oft mit der höchsten Stufe. "Die Schmerzen und die Angst davor lassen viele Menschen verzweifeln: Sie werden depressiv oder entwickeln eine Angststörung", sagt Hauth, "diese psychischen Erkrankungen wiederum können unter bestimmten Umständen zu Suizidgedanken führen." Eine direkte kausale Folge à la "Schmerzen treiben einen in die Selbsttötung" gebe es nicht.

Gibt es wirklich keine Therapie?

So unheilbar, wie die Krankheit im "Tatort" erscheint, ist sie nicht. "Wenn man Trigeminusneuralgie früh erkennt, kann man sie gut mit Medikamenten behandeln", sagt Hauth, "diese helfen nicht allen, aber vielen."

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Tukur-"Tatort": Rundfahrt mit Serienkiller

Wenn Medikamente nicht ausreichen, können sich die Patienten an einem Nervenknoten operieren lassen, sodass dieser keine schmerzhaften Reize mehr überträgt. Mehr als 80 Prozent der Operierten sind auch noch zehn Jahre nach dem Eingriff schmerzfrei.

Die drei nächsten Opfer von Steinmetz waren stark depressiv. "Eine Frage der Zeit, bis die das selbst gemacht hätten", sagt der Mörder im Verhör. Ansonsten erfahren die Zuschauer nicht viel mehr über die Ermordeten - Dana, Michael und Peter.

Auch Depressionen sind keinesfalls unheilbar. In vielen Fällen hilft den Betroffenen eine Kombination aus Psychotherapie und Antidepressiva.

Ist Selbsthass eine psychologische Krankheit?

Bleibt der fünfte Fall: Daniel. "Der war gesund, der hatte 'ne Karriere und ein Leben", sagt Kommissar Murot. Der Mörder entgegnet: "Na ja, darüber kann man streiten." Daniel habe seinen "Selbsthass" nicht mehr aushalten können - seine Wohnung war mit Post-its vollgeklebt: "Loser", "Versager", "Du bist eklig!"

Der Mörder benutzt das Wort "Selbsthass" wie einen medizinischen Fachbegriff. "Selbsthass ist kein eigenes Krankheitsbild, sondern die stärkste Form der Selbstwertzweifel, der Selbstablehnung", erklärt Hauth, "Als Symptom kommt er bei Persönlichkeitsstörungen vor, zum Beispiel bei Borderlinern."

Wie kann man Selbsthass in den Griff bekommen?

Die Ursachen liegen meistens in der Lebensgeschichte der Patienten, etwa wenn sie von ihren Eltern nicht geliebt oder sogar entwertet wurden. Diese Erfahrung könne in der Schule durch Mobbing und Ausgrenzung verstärkt werden, was zur Haltung führt: "Ich bin nichts wert, keiner mag mich."

"Die Lösung ist Psychotherapie", sagt Hauth. Man müsse erst einmal klären, wo diese selbstentwertenden Gedanken herkommen. Der Therapeut vermittle dem Patienten dann einen anderen Blick auf sich selbst: Er soll sich über kleine Erfolge freuen und eine positive Antwort auf die Frage finden, was ihn als Mensch ausmacht.

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Sind Depressionen wirklich vererbbar?

Im Verlauf des Verhörs kommt nach und nach heraus, dass Steinmetz noch einen weiteren Menschen "erlösen" will: Kommissar Murot.

Dessen Vater hat sich das Leben genommen, als Murot zwölf Jahre alt war. Der Junge fand ihn aufgehängt an einem Baum. Murot selbst hegt schon länger Suizidgedanken.

Der Mörder stellt eine direkte Verbindung zwischen Murots Lebensmüdigkeit und dem Suizid seines Vaters her: "Wissen Sie noch, wie Ihnen klar wurde, wo diese Krankheit herkommt - und wo sie hinführt?" Murot habe gehofft, die "Traurigkeit" werde eine "Generation überspringen", aber die Wahrheit lasse sich nicht ignorieren.

Diese Aussage legt nahe, dass Depressionen vererbbar sind. Das ist aber nur bedingt richtig. "Es gibt genetische Veranlagungen für Depressionen, aber dieser Code muss erst einmal ausgelesen werden - und dafür sind Umweltfaktoren entscheidend", erklärt Hauth. "Gibt es traumatische Erlebnisse in der Kindheit? Sind die Menschen durch Scheidungen vereinsamt oder anders ausgegrenzt?"

Erst dann werde die Veranlagung entscheidend. Auch Zwillingsstudien zeigen, dass die Vererbung nur zum Teil mitbestimmt, ob jemand eine Depression entwickelt.

Der Mörder könnte aber auch meinen, dass die Depression über das Schockerlebnis der Selbsttötung weitergegeben wird: Wer ein Elternteil durch Suizid verlöre, wäre dann so stark traumatisiert, dass er früher oder später selbst keinen anderen Ausweg mehr weiß. Laut Hauth sind auch dann die Umstände entscheidend: "Wie eng war die Vater-Sohn-Beziehung? Gibt es Schuldgefühle? Oder verübelt er es dem Vater, ihn zurückgelassen zu haben?"

"Kurz: Depressionen sind nicht direkt vererbbar und nicht jeder, der ein Elternteil durch Suizid verliert, ist automatisch selbst suizidgefährdet", stellt die Ärztin klar.

Und der Mörder?

Bleibt die Frage nach dem Mörder. Was treibt ihn an? "Beim Täter spricht viel für eine narzisstische und eine schizoide Persönlichkeitsstörung", meint Hauth - also ein Einzelgänger, der sich dem Rest der Welt überlegen sieht.

Passt seine Tätigkeit als Apotheker in dieses Bild? Es gibt Fälle von Menschen aus helfenden Berufen, die sich anmaßen, über die Zumutbarkeit der Schmerzen ihrer Patienten entscheiden zu können.

"Dass er auch noch unheilbar krank sein muss und das kindliche Trauma mit dem Tod seiner Oma hat, ist thrillig", sagt Hauth, "nur wegen dieser beiden Faktoren wird aber niemand zum Mörder."


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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
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Candy_Cloud 21.11.2016
1. Möglich ist es schon
Es gibt sehr wohl psychische Krankheitsbilder bei denen eine Vererbung naheliegend ist. Richtig ist, man muss es erst mal herausfinden. Als Betroffener ist diese Tatsache jedoch mehr als unwichtig. Wichtiger ist es den Weg aus der Situation zu finden und ihn dann auch beharrlich zu gehen. Selbst wenn es in der Familie innerhalb des zweiten Grades vier mal die selbe Erkrankung gibt. Mann muss sich gegenseitig helfen so gut es geht und notfalls den anderen auch in die Klinik begleiten. Der schwierigste Punkt der einem widerfährt ist meistens die Stigmatisierung am Arbeitsplatz durch die Kollegen. Jene sind leider sehr oft nicht in der Lage zu erkennen was eine psychische Behinderung bedeutet. Und ja man kann sie anerkannt bekommen.
patras 21.11.2016
2. Da ist es
wieder: Der Realitätscheck für einen Film.Mit ner Menge Erklärungen,die man auch in Wikipedia finden könnte.Es war ein rund um spannender Krimi, die Handlung in sich logisch,tolle Musik,gute Atmospähre,keine langatmigen Durchhänger. Aber es war ein Film,ein Krimi eine Fiktion-es war und sollte keine Dokumentation sein und auch kein Gesundheitsmagazin.
franxinatra 21.11.2016
3. Die Fragestellung ist schon so oberflächlich...
dass man nicht weiter lesen möchte. Die Sympotmatik ist zu komplex da zu individuell gestrickt um sie über eien Kamm zu scheren. Und: die Thematik ist zu ernst, um daraus eine Küchenpsychologie zu kreieren.
PaulWalker 21.11.2016
4. Das stimmt dann wohl so nicht.
Ich trete hiermit den Gegenbeweis an. Mein Opa hatte Depressionen, mein Vater und ich. Inwieweit Äußere Umstände bei diesen eine Rolle gespielt haben kann ich letztlich nicht beurteilen. Mindestens aber bei mir ist ein Trauma oder der gleichen nicht der Fall. Ob das Y-Chromosom eine Rolle spielt, ist wohl Mutmaßung, aber eine Vererbung an sich erscheint mir sehr wahrscheinlich. Mir hat dann passend dazu auch keine Psychotherapie, sondern der Serotoninwiederaufnahmehemmer Ecitalopram geholfen.
notenbuch 21.11.2016
5. Psychologen fragen hilft weiter
Bezüglich der genese von Depressionen ist der Grundmodus wissenschaftlich recht unstrittig. Danach handelt es sich um eine Wechselwirkung zwischen einer bestimmten Genanlage und für den Einzelnen ungünstigen Lebensumständen. Etwa 40 Prozent aller Menschen (Achtung, Statistik, das bedeutet Hochrechnung, keine Einzelfallbetrachtung) tragen eine Genvariante, die dazu prädestiniert und vererbt wird. Ob es tatsächlich zu Depressionsschüben kommt, dazu tragen (besonders frühkindliche) ungünstige Lebensumstände bei: das erlernen negativer Denk- und Sprechmuster ("Es wird alles schlechter", "Ich bin von grundauf schlecht"), dieses ist oft familiär bedingt, dauerhafte Erfahrungen von erlernter Hilflosigkeit, Missachtung elementarer Bedürfnisse usw. Und es ist so: den einen helfen Medikamente, vielen Anderen Gesprächstherapie. Insofern: Gedanken selbst lassen sich nicht direkt vererben, die Anlagen für Depressionen schon. Allerdings, und das ist wichtig:Ein menschen mti diesen Anlagen ist nicht 24/365 depressiv, sondern in der Regel zeitweise. Ein Schub endet irgendwann. Und dann können er und sie wie andere Menschen leben...
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