"Tatort"-Faktencheck Können alle Gehörlosen so gut Lippen lesen?

Achtung, das im Auto geführte Telefonat wurde beobachtet: Ein Lippenleser hat alles mitbekommen. Damit begann der "Tatort", in dem Kommissar Stellbrink in der Gehörlosenszene von Saarbrücken ermittelt. Wie realistisch war der Krimi?

ARD/ Manuela Meyer

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Im Saar-"Tatort" erfährt ein Gehörloser durch Lippenlesen von einem Verbrechen, Kriminalhauptkommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow) übt sich in Gebärdensprache und der vernachlässigte Bruder einer Gehörlosen grollt seiner Familie. Noch Fragen? Ja!

Können alle Gehörlosen so gut Lippen lesen?

Zu Beginn von "Totenstille" verfolgt Ben Lehner (Benjamin Piwko) das Telefonat eines Mannes, der eine Leiche verschwinden lassen will und sich allein in seinem Auto in Sicherheit wähnt. Doch Lehner liest von seinen Lippen.

Die Bloggerin Julia Probst wurde dadurch bekannt, dass sie bei der Fußball-WM 2010 und der EM 2012 Bemerkungen von Trainern und Spielern von den Lippen gelesen und getwittert hat. Sie hat an der "Tatort"-Folge "Totenstille" mitgearbeitet. "Die Fähigkeit zum Lippenlesen ist ganz unterschiedlich bei Gehörlosen ausgeprägt", schreibt sie in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE. "Lippenlesen ist etwas, was von vielen Faktoren abhängt, vor allem vom erworbenen Bildungsgrad und dem zusammenhängenden Wortschatz." Im Deutschen seien ohnehin nur etwa 15 Prozent ablesbar, da viele lautsprachlich ähnliche Wörter mit unterschiedlicher Bedeutung existierten, etwa Mutter und Butter. Was Lehner demonstriert, sei eine überdurchschnittliche Begabung fürs Lippenlesen. Trotzdem halten sich inzwischen viele Fußballprofis die Hand vor den Mund, wenn sie während des Spiels reden.

Wie lange braucht man, um Gebärdensprache zu lernen?

Im "Tatort" eignet sich Stellbrink schnell einige Gebärden an. Das ist allerdings gerade mal mit dem Spanientourist gleichzusetzen, der stolz "dos cervezas, por favor" ordert. Und es soll nicht über folgendes hinwegtäuschen: Gebärdensprachen sind eigenständige, vollwertige Sprachen - es gibt weltweit viele verschiedene und zum Beispiel auch innerhalb Deutschlands Dialekte. "Wie bei jeder anderen Fremdsprache braucht man im Schnitt zwei, drei Jahre, um über die Phase des Smalltalks zu kommen", schreibt Probst. Fürs Erlernen sei es vorteilhaft, wenn man vorher schon sehr visuell denke.

Stellbrink-"Tatort" über Gehörlose
Wie lernen Gehörlose sprechen?

Einige der gehörlosen Protagonisten im "Tatort" reden auch und nutzen nicht ausschließlich Gebärdensprache. Menschen, die von Geburt oder vom frühen Kleinkindalter an taub sind, können durch die gleichen Techniken wie Hörende sprechen lernen: nachahmen, üben, korrigiert werden, üben. Nur müssen sie dabei stärker auf Visuelles achten. Probst schreibt: "Mein erstes Wort mit fast eineinhalb Jahren war 'Ball' - man hat mich auf die Kommode vor dem Flurspiegel gesetzt und mir vorgesprochen." In einem Blog-Eintrag zu der Frage beschreibt sie: Wie man das C ausspreche, habe sie erst kurz vor ihrem vierten Geburtstag begriffen: "dass es nämlich im Hals produziert wird aufgrund der Kehlkopfbewegung bei der Aussprache!"

Wie geht es Geschwistern von Gehörlosen?

Im "Tatort" spielt der Groll des größeren Bruders, der wegen seiner gehörlosen Schwester vernachlässigt wurde, eine große Rolle. Ist der Konflikt typisch? Die Studienlage dazu ist sehr dünn. Eine 2014 veröffentlichte Doktorarbeit aus Neuseeland fasst die vorliegenden Daten zusammen und ergänzt sie unter anderen durch sechs ausführliche Interviews mit inzwischen erwachsenen Geschwistern von Gehörlosen. Demnach stellt es Eltern sicher vor eine größere Herausforderung, auf die Bedürfnisse der hörenden und gehörlosen Kinder gleichermaßen einzugehen und die hörenden Geschwister können sich älteren Studien zufolge durchaus vernachlässigt fühlen. Elizabeth Ray kam in ihrer Arbeit jedoch zum Schluss: Die Erfahrung sei insgesamt positiv und sie würden verstehen, wenn das Geschwisterkind mehr Aufmerksamkeit erhält.

Was ist ein Cochlea-Implantat?

Ambra Reichert (Jessica Jaksa) hat es, Ben Lehnert nicht: ein Cochlea-Implantat (CI). Dabei handelt es sich um eine ins Ohr implantierte Prothese. Ein CI eignet sich nur für Menschen, deren Hörnerv intakt ist, denn es übersetzt den Schall in elektrische Impulse, die dann vom Nerv weitergeleitet werden.

Die medizinische Leitlinie zum CI empfiehlt, es bei Kleinkindern, die vor oder während des Spracherwerbs ertaubt sind, möglichst frühzeitig zu implantieren. Sie hätten dann die besten Chancen, das Hören zu lernen. Mit der OP allein ist es allerdings nicht getan, anschließend folgt eine Reha, bei der der Sprachprozessor des CI eingestellt und das Hören geübt wird. Wie bei jedem operativen Eingriff, kann es auch bei der Implantation Komplikationen geben, zum Beispiel werden in sehr seltenen Fällen Gesichtsnerven verletzt oder das CI kann abgestoßen werden. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für den Eingriff.

Manche Gehörlose lehnen Cochlea-Implantate ab. Ein Fachartikel von 2010 und die Reaktionen darauf verdeutlichen die Konfliktlinie. In einem Aufsatz im Fachblatt "Nervenheilkunde" beschäftigten sich die zwei Autorinnen mit der Frage, ob gehörlose Kleinkinder ein Recht auf ein CI hätten. Sie argumentierten, dass es bestehe und man Eltern im Fall dieser Gesundheitsfrage sogar das Sorgerecht entziehen könne, um die Implantation durchzuführen. Diese Meinung wurde heftig kritisiert. Beispielsweise schrieb der Gehörlosen-Bund in einer Stellungnahme: "Viele Gehörlose wollen taub bleiben. Die Gehörlosigkeit ist Teil Ihrer Identität, die eng mit dem Gebrauch der Gebärdensprache verknüpft ist. Denn neben der Sprachgemeinschaft besteht auch eine Kulturgemeinschaft, die als Bereicherung der Gesellschaft anzusehen ist."

Probst betont, dass man das CI kritisch und realistisch bewerten solle. Es werde allzu oft als Wunderheilmittel beworben, was es aber nicht sei. "Nicht der Gehörlose ist das Problem, sondern die fehlende Barrierefreiheit", schreibt sie.

Das Hören mit dem CI hat auf jeden Fall Grenzen, "diese sind individuell sehr verschieden", heißt es in einer Broschüre der Deutschen Cochlear Implant Gesellschaft.

Zur Autorin
  • Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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FranzW 25.01.2016
1. Elisabeth Brück
Auf Bild 4 ist nicht Elisabeth Brück (mittlerweile blond statt rothaarig) sondern Kassandra Wedel abgebildet, die die Ex-Freundin des Hauptverdächtigen darstellt. Auch das Elisabeth Brück diemal "nur im Hintergrund" agiert kann ich nicht ganz nachvollziehen; Ihre Rolle hat zwar etwas weniger Raum als in früheren SR-Tatorten, dafür wurde Ihre Figur aber auch etwas weniger überzeichnet, was ich besser finde. Insgesamt hatte die Story ein paar Schwächen und hat damit das durchaus vorhandene Potential der Grundidee nicht ausgespielt. Schlecht fand ich ihn aber nicht.
projektraum 25.01.2016
2. unglaubwürdig
war für mich, dass sich "Ben", obwohl er früher Judo etc lernte u den Kommissar früher schon gekonnt auf die Matte brachte, dann so tatenlos dem Messerangriff gegenüberstand...
totti85 25.01.2016
3. Anekdötchen:
Ich saß vor einiger Zeit mit einem Freund und seiner fast gehörlosen Frau in einem italienischen Restaurant. Während ich mich mit dem Freund über "Jungs-Themen" unterhielt, schien seine Frau zunächst etwas abwesend, begann aber urplötzlich laut zu lachen. Folgendes war geschehen: Sie folgte durch Lippenlesen dem Gespräch zweier Kellner. Der eine kam mit einem Salat aus der Küche, schaute drauf und fragte dann den anderen: Ist das Schimmel oder Käse? Der andere zuckte mit den Schultern. Daraufhin der erste: "ich lege einfach ein Salatblatt drüber!" Merke: Nicht nur Fußballer sollten besser aufpassen, was sie auf dem Platz sagen. :o)
Gunter 25.01.2016
4. sehr anstrengend
Ich fand es sehr anstrengend dem Tatort zu folgen. Ich kann leider keine Gebärdensprache. Trotzdem war nur 1/3 untertitelt. Den Rest sollte man irgendwie erraten? Mir ist das nicht gelungen.
ed_tom_bell 25.01.2016
5. Unerhört: Lord Helmchen ermittelt
Den Saar-Tatort mag ich nicht so gern. Das Thema "Gehörlose" fand ich ja durchaus interessant. Mir ist hier aber vieles zu aufgesetzt. Schon Stellbrink/Striesow, mit seinem Motorröllerchen und Helm, geht mir auf die Nerven. Das ist alles so gewollt ulkig und kauzig und dabei so flach,dass es einfach nur nervt. Ich habe ihn tatsächlich bis zum Schluss durchgehalten, war aber mehrmals knapp davor abzuschalten. Nochmal werde ich mir den Saar-Tatort nicht antun.
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