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Fachärzte-Streit: Gremium setzt enge Grenzen für neue Herz-OP

Lebensrettender Ersatz: Ein Klappenimplantat wird ins Herz geschoben (Illustration) Zur Großansicht
AP

Lebensrettender Ersatz: Ein Klappenimplantat wird ins Herz geschoben (Illustration)

Wenn jemand eine neue Herzklappe benötigt, gibt es zwei OP-Methoden. Eine davon sollte nur bei sehr alten oder sehr Kranken eingesetzt werden - ist aber für die Krankenhäuser lukrativer. Deshalb ist sie zum Streitfall geworden.

Arbeitet eine Herzklappe nicht mehr richtig, braucht der Betroffene eine Prothese. Der Standardeingriff: Chirurgen implantieren den Aoertenklappenersatz, wobei sie den Brustkorb öffnen. Die Alternative: Die Prothese wird über einen Katheter bis in Herz geschoben, das nennt sich kathetergestützte Aortenklappenimplantation, kurz "Tavi".

Entwickelt wurde das Verfahren für Patienten, die sich nach dem Standardverfahren höchstwahrscheinlich nicht mehr erholen würden. Also jene Patienten, die bereits sehr alt oder sehr krank sind. Für jüngere, fittere Erkrankte ist jedoch die offene OP zurzeit die bessere Wahl - unter anderem, weil nach dem Kathetereingriff häufiger Schlaganfälle auftreten.

Die Tavi "hört sich zunächst harmlos an, ist aber mit einigen Problemen behaftet, etwa wenn diese OP in großer Zahl auch bei jüngeren Patienten gemacht wird", sagt der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) in einem Interview gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Genau das ist aber passiert: Die Tavi wurde zunehmend auch bei anderen Patienten eingesetzt, die Zahl dieser Eingriffe ist stark gestiegen, berichtete DER SPIEGEL im Dezember 2014 . Die OP ist seit 2010 im Leistungskatalog der Kassen enthalten, die Pauschalen lohnen sich für die Krankenhäuser.

Die Methode ist ein Streitthema zwischen Herzchirurgen, welche die OP am offenen Herzen durchführen, und Kardiologen geworden, die die Tavi selbst vornehmen können. Ein Kritikpunkt: Die Tavi in Deutschland wurde auch an 17 Kliniken durchgeführt, die keine herzchirurgische Abteilung besitzen. Kommt es während des Eingriffs zu Komplikationen, müsse aber ein Herzchirurg anwesend sein, um schnell helfen zu können.

Der G-BA, der unter anderem entscheidet, welche Leistungen die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen, hat sich nun mit dem Thema auseinandergesetzt. Und qualitätssichernde Mindeststandards beschlossen, die für Krankenhäuser gelten, die minimalinvasive Herzklappeninterventionen vornehmen. (Dazu zählt neben der Tavi auch das Clipverfahren an der Mitralklappe.)

"Für Patientinnen und Patienten mit niedrigem Risikoscore bleibt der konventionelle Aortenklappenersatz durch eine offene Operation bis auf weiteres die Methode der Wahl", sagte Regina Klakow-Franck, Vorsitzende des Unterausschusses Qualitätssicherung beim G-BA. Für ältere Patienten mit hohem Risikoscore sei die Tavi "inzwischen eine etablierte Behandlungsoption".

Standards, die die Kliniken erfüllen müssen:

  • Die Indikation vor dem Eingriff muss interdisziplinär in einem "Heart-Team" erfolgen, also mit Beteiligung von Kardiologen, Herzchirurgen und Narkoseärzten. Beim Eingriff müssen alle Mitglieder des Heart-Teams anwesend sein.
  • Nur Krankenhäuser, die über eine kardiologische und eine herzchirurgische Fachabteilung verfügen, dürfen den Eingriff anbieten.
  • Die Ausnahme: Für Kliniken, an denen die Methode bereits zum Einsatz gekommen ist, gilt eine Übergangsfrist bis Ende Juni 2016. Sie müssen bis zu diesem Zeitpunkt die nötige Versorgung durch Herzchirurgen durch Kooperationsvereinbarungen sicherstellen.

Nach Angaben des G-BA erhielten 2013 rund 10.500 Patienten eine neue Aortenklappe mithilfe des kathetergestützen Eingriffs. Rund 63 Prozent der Betroffenen waren mindestens 80 Jahre alt.

Der Beschluss des G-BA wird nun dem Bundesministerium für Gesundheit zur Prüfung vorgelegt, er tritt nach erfolgter Nichtbeanstandung in Kraft.

Die Techniker Krankenkasse (TK) begrüßte die Mindeststandards, kritisierte jedoch die Übergangsregelung. Damit "hat der Ausschuss die wirtschaftlichen Interessen von einigen Krankenhäusern über die gesundheitlichen Interessen ihrer Patienten gestellt", sagte Jörg Manthey, TK-Fachreferatsleiter stationäre Versorgung. Das sei nicht akzeptabel.

wbr

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