Medikamente Krankenkassen könnten zwei Milliarden Euro einsparen

Gleiche Wirkung, 20-mal teurer: Laut einem Report bezahlen gesetzliche Krankenkassen jährlich rund zwei Milliarden Euro zu viel für überteuerte Medikamente - ohne einen erkennbaren Zusatznutzen für die Patienten.

Von Timo Stukenberg

Zu hohe Kosten: Neuere Arzneimittel sind häufig nicht besser als bewährte Präparate - aber deutlich teurer
Corbis

Zu hohe Kosten: Neuere Arzneimittel sind häufig nicht besser als bewährte Präparate - aber deutlich teurer


Patienten mit rheumatischer Arthritis können ihre Hand- und Fußgelenke zu Beginn der Erkrankung nur unter Schmerzen bewegen. Später wird selbst der Griff zu Medikamenten fast unmöglich. Für ihre Arzneien zahlen die Krankenkassen pro Patient jährlich 2000 Euro - oder 40.000 Euro. Ein Zusatznutzen ist für das teurere Präparat zwar nicht belegt. Trotzdem wird es immer häufiger verschrieben.

Die Techniker Krankenkasse hat in ihrem aktuellen Bestandsmarktreport Nutzen und Kosten von 17 Medikamenten untersucht und sie mit der Standardtherapie und Generika verglichen. Ihr Fazit: Die gesetzlichen Krankenversicherungen könnten jährlich rund zwei Milliarden Euro einsparen, wenn Ärzte kostengünstigere Therapeutika verschrieben. Häufig verordnete Rheuma-Präparate sind bis zu 20-mal teurer, Medikamente gegen Diabetes mellitus bis zu 18-mal teurer als vergleichbare Generika.

"Es wird häufig das teurere und speziellere Arzneimittel eingesetzt, ohne dass das notwendig wäre", sagt Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen, der neben der aktuellen bereits vergleichbare Studien für die Barmer GEK durchgeführt hat.

Kosten für Arzneimittel steigen stetig

Anhand der Verschreibungsdaten der 8,7 Millionen TK-Versicherten verglich das Forscherteam um Glaeske Präparate aus drei verschiedenen Medikamentenklassen: Gerinnungshemmer, Antidiabetika und Rheuma-Biologika. Diese zählen zu den umsatzstärksten in Deutschland.

Als Teil des Arzneimittelneuordnungsgesetz (Amnog) war eine sogenannte Bestandsmarktprüfung vorgesehen, in der alle Medikamente der drei Klassen überprüft werden sollten. Wäre das Kosten-Nutzen-Verhältnis der neueren Medikamente schlechter gewesen als das älterer, hätten die Hersteller Preisabschläge hinnehmen müssen. Diese Pläne wurden jedoch im Februar dieses Jahres verworfen. Zu groß war die Furcht vor langwierigen Klagen der Medikamentenhersteller.

Zwar konnten die Forscher des jetzt veröffentlichten Reports für die meisten neueren Präparate nicht belegen, dass sie im Vergleich zu älteren keinen Zusatznutzen mitbringen. Sie schreiben aber: "Belastbare Aussagen hinsichtlich eines Zusatznutzens sind oft nicht möglich."

Einseitige Informationen für Ärzte

Mit der Studie will die Techniker Krankenkasse Ärzte aufklären, die unnötig teure Medikamente verschreiben, und so die Kosten für Arzneimittel senken. Insgesamt investierte die Krankenkasse 2013 rund drei Milliarden Euro in Arzneimittel. Dieses Jahr könnte die Zahl noch höher ausfallen: Die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen waren in den ersten sechs Monaten 2014 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als acht Prozent gestiegen.

Dieser Trend wird kurzfristig nicht zu bremsen sein. Die Zahl der verordneten Tagesdosen des Gerinnungshemmers Rivaroxaban zum Beispiel ist seit Anfang 2012 rasant angestiegen. Dabei ist gegenüber dem Generikum laut dem Report vor allem ein Unterschied belegbar, der für Versicherte wichtig ist: Das patentgeschützte Rivaroxaban kostet jährlich 1130,72 Euro, die Vergleichstherapie mit Phenprocoumon nur 65,63 Euro. Warum verschreiben Ärzte trotzdem häufig das teurere Präparat?

Vertreter der Medikamentenhersteller seien häufig die einzigen Informationsquellen für Ärzte, glaubt Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK. Dementsprechend würden Eigenschaften des neuen und teuren Medikaments angepriesen. Bei einer unabhängigen Bewertung wären diese vielleicht nur als kosmetischer Unterschied zu einem Generika durchgegangen.

Krankenhäuser nicht das einzige "Einfallstor"

In der Regel werden Krankenhäuser für die Verschreibung teurer Medikamente verantwortlich gemacht. Ambulante Ärzte würden diese lediglich weiter verschreiben. Doch so einfach ist es laut dem aktuellen Report nicht.

"Bei vielen Präparaten war die Ersteinstellung beim ambulanten Arzt", sagt Jens Baas. So auch bei dem Schmerzmittel Targin. Die Autoren der Studie fassen zusammen: "Das stark wirksame und teure Analgetikum, dessen Zusatznutzen gegenüber anderen, kostengünstigeren und bewährten stark wirkenden Schmerzmitteln zweifelhaft ist, wird häufiger ohne vorherigen Krankenhausaufenthalt erstmalig für einen Patienten im ambulanten Bereich verordnet."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, das Generikum von Rivaroxaban koste 65,63 Euro. Tatsächlich bezieht sich diese Angabe auf die Vergleichstherapie mit Phenprocoumon, für Rivaroxaban ist noch kein Generikum erhältlich. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 46 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
herbert 20.08.2014
1. Re Importe aus der EU ist eine Lösung !
Denn im Ausland sind die Medikamente oft ein Drittel und mehr billiger. Gleiches Medikament vom gleichen Hersteller wie in Deutschland. Doch die Apotheken verkaufen das teuere Medikament, obwohl sie billigere Preise für das gleiche Medikament auf dem Bildschirm haben. Ein Beispiel aus dem Leben ! Ich habe als Privatpatient ein verschriebenes Medikament in der Apotheke gekauft. Der Betrag war 123 Euro! Dann habe ich im Internet recherchiert und siehe da, das gleiche Medikament gibt es in Deutschland auch für 98 Euro. Ersparnis 25 Euro ! Nun habe ich bei einer Neibestellung meine Apothke angerufen und ihr gesagt, ich hätte das Medikament als Re Import. Man schaute in der Apotheke auf dem Bildschirm und schon gab es unterschiedliche Preise bis 98 Euro. Das habe ich dann bestellt. Ich am nun in die Apotheke und wollte mein Medikament abholen und bezahlen. Jetzt war dort eine andere Fachkraft und die wollte mir einen Preisum die 110 Euro abknüpfen. Ich habe ihr dann gesagt, dass haben sie billiger auf dem Schirm und siehe da, plötzlich hatte diese Kraft das billige Re Import Medikament. Fazit ! Man muss recherchieren und nachfragen. Bei teueren medikamenten immer nach Re Importe fragen. Das gilt auch für gesetzlich Versicherte, wo die Krankenkassen oft nur einen bestimmten betrag erstatten. Apotheken wollen verdienen und man muss denen auf die Finger schauen.
xy01z 20.08.2014
2. Absahner
Wenn ich als Arzt z.B. die Werbung von ratiopharm sehe wird mir schlecht. Jeder der sich mal mit dem Zulassungsverfahren von Medikamenten beschäftigt weiß wie immens teuer so ein Prozess ist und dass am Ende für die Firma nur wenige Jahre bleiben um mit dem Medikament zu verdienen. Sicher sind die Pharmakonzerne keine humanitären Einrichtungen aber Fortschritt wird dort gemacht weil dort geforscht wird. Firmen die nur Generika herstellen bringen uns keinen Schritt voran sondern stauben nur ab und verdienen an der Forschungsarbeit anderer bei null Risiko da die Medikamente lange auf dem Markt sind. Wenn die Krankenkassen sparen wollen sollen sie bei ihren sinnlos aufgeblasenen Apparaten beginnen. Warum brauchen wir in Deutschland eigentlich zig gesetzliche Kassen? Die heißen so weil ihr Leistungskatalog gesetzlich vorgeschrieben ist also bei allen gleich bis auf Nuancen. Bei dem Wildwuchs mit gesetzlicher KK der Post und Bahn scheint ja dort auch Geld zu verdienen zu sein. Eine echte Lachnummer. Aber die Herren verstehen es ja immer die Probleme auf die Ärzteschaft abzuwälzen und die Medien unterstützen das auch.
rpp2012 20.08.2014
3. Peanuts !
Ich bin überzeugt, dass die Krankenkassen ein Vielfaches dieser 2 Mrd. € sparen könnten, wenn nur jeder Versicherte seine Arztrechnungen zu sehen bekäme. Ich bin privatversichert und schaue mir meine Arztrechnungen seit geraumer Zeit kritisch an, nachdem ein Arzt dreister weise ziemlichen Unsinn abgerechnet hat. Um das zu merken, musste ich mir nur geringfügiges Wissen zur Abrechnung von Arztleistungen aneignen. Seit dem erhalte ich immer wieder fehlerhafte Abrechnungen. Die Krankenkasse hätte diese Leistungen immer wieder bezahlt, weil es für sie praktisch nicht möglich ist, solche Falschabrechnungen zu bemerken.
qqaayy 20.08.2014
4.
Man könnte sogar noch einiges mehr sparen, wenn man alle Krankenkassen zu einer zusammenschließt und verstaatlicht. Der personelle Verwaltungsaufwand für momentan 131 gesetzliche KK ist absoluter Irrsinn. Es geht doch auch mit einer gesetzlichen Renten- und einer Arbeitslosenversicherung. In meinen Augen handelt es sich beim GKV ohnehin nur um ein Subventionierungssystem für die Pharma- und Gesundheitsbranche.
mfins 20.08.2014
5. Bluthochdruck-Tabletten
Anstatt diesen Dingern sollten Bluthochdruckpatienten lieber zum Aderlass geschickt werden, wie der NDR am Dienstag in Visite berichtet hat. Vielen Patienten mit Bluthochdruck helfen Arzneimittel nicht weiter: "Jeder Achte ist resistent", zeigen neue Studiendaten. Diese Hypertoniker sind besonders gefährdet für Infarkte (siehe Ärztezeitung vom 04.12.2012). Dennoch werden die Menschen mit diesen Medikamenten ärztlich versorgt, statt Ihnen wirklich zu helfen. Es geht in der Medizien wirklich nur noch um die Kohle, erschreckend!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.